Viel Hype, heiße Luft, leere Versprechungen – und alles in allem trotzdem ein verdammt gutes Spiel."Ich hatte viel erlebt. War Kind. War Gauner, Meuchler und Zocker. War strahlend, verliebt und verheiratet. Ich war ein Held, ein Held wider Willen. Geboren um über Albion zu herrschen, seine Pfade zu kennen, seine Bewohner zu führen. Es war ein ereignisreiches Leben voller Wendungen und Tragödien. Ich werde es vermissen."
A long time ago…Die Tragödie nimmt ihren Lauf: Der junge Protagonist und unbenannte Held wird Zeuge eines schrecklichen Überfalls auf sein Dorf, bei dem seine gesamte Familie ums Leben kommt.
» Die Reinkarnation des Leibhaftigen. |
Völlig auf sich allein gestellt wird das Kind vom mächtigen Magier Maze in die
Heldengilde aufgenommen, um dort das Handwerk des Krieges zu lernen. Die folgenden Jahre der Ausbildung sind hart, doch verliert der Azubi sein Ziel nie aus den Augen: Rache an den Mördern seiner Familie zu nehmen und ganz nebenbei zum größten Krieger von ganz Albion zu werden.
Auf dass Lieder über ihn gesungen werden.
So wagt ihr als junger, tapsiger Möchtegernheld eure ersten Schritte durch die weiten Landschaften des Kontinents - die in Wirklichkeit so weit gar nicht sind: Von Region zu Region sind die beschreitbaren
Wege fest vorgegeben. Freies Erkunden der Landschaft, wie es zum Beispiel beim Genrekollegen
Morrowind möglich ist, sucht ihr in
Fable vergebens. Dafür kann die Optik umso mehr glänzen: Texturen, Modelle und Animationen sind 1A und zaubern zusammen mit dem atmosphärischen Tag-/Nacht-Wechsel und der stimmungsvollen Musik das verträumte Bild eines Märchens auf den Bildschirm. Auch für Abwechslung ist beim Erkunden von Albion gesorgt: Malerische Küstenstädtchen reihen sich an dunkle, unerforschte Wälder und auch die vier Jahreszeiten sind vertreten. Zwar gibt es keinen Jahreswechsel im eigentlichen Sinne, doch finden sich immer wieder Plätzchen, die einem bestimmten Jahresabschnitt gewidmet zu sein scheinen: Die frühlingshaften Grabhügelfelder, das herbstliche Oakvale, der kalte, stürmische und schneebedeckte Norden sowie das sommerlich-ursprünglich anmutende Witchwood. Pop-Ups und Framerateeinbrüche sucht ihr übrigens vergebens – die wenigen Ausnahmen bei sehr starkem Gegneraufkommen bestätigen die berühmte Regel. Besonders gut gefällt jedoch die Atmosphäre in den Städten: In den ersten Abendstunden zünden die lokalen Wächter die Straßenlaternen an und die Bewohner begeben sich Stück für Stück in die eigenen vier Wände. Auch die Geschäfte kennen die Ladenschlussgesetze und mit Ausnahme der Tag für Tag offen stehenden Tavernen wird man um Mitternacht kein offenes Gebäude mehr finden – sei es öffentlich oder privat.
Schneid und AnmutDoch Optik ist nicht alles: Ein fester und unverzichtbarer Bestandteil eines Rollenspiels ist der
Kampf. Zur Verfügung stehen hierzu die genretypischen Techniken des Nahkampfes
» Barbarische Fellmatte bezwingt räuberische Hunde. |
(Schwerter, Beile und Hämmer), der Fernkampf (Armbrüste und Bögen) und die altbewährte und gern gesehene Magie. Dem Spieler wird das Kampfsystem im sehr umfangreichen Tutorial vermittelt, in welchem die Adeptenjahre des Helden nachgespielt werden dürfen. Dieses gestaltet sich dabei recht simpel: Die Kämpfe, welche
in Echtzeit ausgefochten werden, verlangen nur ein Minimum an Taktik und sind geradezu meisterlich einfach – inklusive fehlendem, steigendem Schwierigkeitsgrad. Mit
L konzentriert ihr euch grundsätzlich auf einen Gegner und könnt diesen dann per Druck auf
X attackieren, geblockt wird mit
Y. Durch Drücken von
Schwarz wechselt ihr zwischen Nah- und Fernkampfwaffen, während das Ziehen von
R eurem Charakter das magische Repertoire zugänglich macht. Der einzusetzende Zauber wird dann einfach mit einer der drei Analogtasten
X,
B oder
A ausgelöst. Einziges (und einfach zu eliminierendes) Manko ist hierbei der Kampf mit Gegnern in Anwesenheit von Unbeteiligten und/oder kampfesuntüchtigen Dörflern: Durch kurzes Anziehen von
L steht dem Spieler die Möglichkeit offen, zwischen einzelnen Gegnern hin und her zu wechseln. Nun passiert es in der Hitze des Gefechtes schon mal, dass ein ahnungsloser Passant vom eigenen Schwert buchstäblich halbiert wird, obwohl doch eigentlich der kleine
Hobb links davon getroffen werden sollte. Für angehende Heiligenschein-Träger ein verzichtbarer Faux-Pas. Denn die…
Charakterentwicklung…ist das eigentliche zentrale Element des Spiels - mit dieser werdet ihr wahrscheinlich mehr Zeit verbringen und mehr Spaß haben als mit der eher dürftigen Story inklusive Hauptquest,
» Magier haben mit bläulichem Ausschlag zu kämpfen. |
welche mit 8-10 Stunden
Spielzeit eher knapp bemessen ist. Geht man jedoch in die Tiefe und absolviert darüber hinaus die eine oder andere der vielen Nebenquests, erweckt man
Fable gänzlich zum Leben: Ihr wollt ein Trunkenbold und Fresssack werden? Oder lieber doch ein Schwerter-schwingender Barbar mit Muskeln, die selbst Arnie vor Neid erblassen lassen würden? Vielleicht ein Bösewicht? Ein Held ohne Fehl und Tadel? Das Spiel offenbart sich als Fass ohne Boden, wenn es um die Entwicklung des eigenen Alter Ego geht. Schlachtet ihr zuhauf ahnungslose Passanten und unschuldige Dorfbewohner ab, wächst neben dem Strafkonto auch schnell der Gut/Böse-Balken in tiefrote Höhen. Ebenso ergeht es Dieben und Helden, die sich bei der Annahme von doppelseitigen Quests für die Seite des Bösen entscheiden. So ist es zum Beispiel schon ziemlich zu Beginn des Spiels, in der so genannten
Obstfarm-Quest, möglich, sowohl auf Seite der Angreifer als auch auf der Seite der Verteidiger in die Schlacht zu ziehen. Je nach Reputation ändert sich auch schnell die Einstellung, mit der Dorfbewohner auf euch zugehen. Ähnelt euer Auftreten dem des Leibhaftigen, gehen sie euch tunlichst aus dem Weg und vermeiden es, wenn angesprochen, euren satanischen Unmut auf sich zu ziehen. Ganz im Gegensatz dazu seid ihr als Reinkarnation des Messiahs der Star in jedem Dörflein: Ihr werdet umjubelt und beklatscht – von den zufliegenden Herzen von Männlein und Weiblein ganz zu schweigen.
Gut und Böse, das kennen jedoch viele schon aus Spielen wie
Star Wars: Knights of the Old Republic oder dem PC-Strategietitel
Black & White. Das Novum ist bei
Fable an einer anderen Stelle zu finden: Geradezu phänomenal ist das
Konzept des persönlichen Helden umgesetzt, wenn es um Nahrungskonsum, Alkoholismus, Wachzeiten, Familienstand, Spielsucht, Körperschmuck oder Umgangsformen geht. Esst ihr oft Fleisch und Kuchen, trinkt Bier und Most gleich kübelweise und vergesst das antrainierte Fett wieder loszuwerden, werdet ihr bald als lebendige Fressmaschine bekannt und dementsprechend verrucht. Begeht ihr eure unheiligen Taten nur in der Nacht und meidet es, euren gestählten Körper zu lange der Sonne auszusetzen, wird euer leichenblasses Gesicht unter all den sonnengebräunten Arbeitern auffällig. Habt ihr um eine Frau geworben und sie infolge dessen auch geheiratet, habt ihr euch gefälligst um euer Weiblein zu kümmern, ebenso wie ihr euch um ein entsprechendes Eigenheim sorgen müsst. Doch auch Tätowierungen, Frisuren und Kleidung verleihen eurem Charakter die Möglichkeit, sowohl als glänzender und bewunderter Tafelritter, als auch als verkommener und gruseliger Meuchelmörder aufzutreten. Ihr verwendet oft Magie? Dann findet euch damit ab, in Bälde typische blaue Adern auf eurem Körper zu erkennen. Ebenso führt der gezielte Einsatz von schweren Äxten bald zu riesigen Muskelbergen. Die Liste ließe sich wohl ewig fortsetzen. Ergo:
Tut ihr etwas, wird es Auswirkungen haben. Vielleicht nicht sofort - doch spätestens dann, wenn eine gewisse Tätigkeit zur Routine wird und euch in Fleisch und Blut übergeht.
Neben den
internen Entwicklungen gilt es selbstverständlich auch, Charaktereigenschaften mithilfe von
Erfahrungspunkten zu
steigern. Hierbei stehen verschiedene Attribute wie
Zähigkeit,
Gesundheit oder
List zur Auswahl, die mit dem angeeigneten Wissen, sprich Erfahrungen, erworben werden dürfen. Ebenfalls können hier neue Zauber ausgewählt und bereits akquirierte in ihrer Leistung verstärkt werden. Dieses Rollenspiel-typische Element des
Level-Ups wirkt in
Fable jedoch weiter – es bestimmt auch das Lebensalter.
GrafikStimmig und sehr atmosphärisch präsentiert sich die Optik in
Fable. Dies ist vor allem zulasten der Bewegungsfreiheit in dieser Form möglich, da die Wege durch Albion immer fest vorgegeben sind und dem Spieler ein freies Erkunden verwehrt wird. Besonders gut gefallen haben die vielen Details wie die wechselnden Witterungsbedingungen an verschiedenen Örtlichkeiten und der ansehnliche Tages- und Nachtrhythmus der Bewohner, die das Spiel grafisch auf dieselbe Stufe wie den Beinahe-Genrekollegen
Sudeki stellen. Auch Ruckler und Slowdowns sucht man – mit einigen wenigen Ausnahmen - vergeblich.
SoundDie Musikuntermalung ist immer passend und berieselt den Spieler sowohl beim Besuch eines idyllischen Dörfchens als auch beim Kampf mit einem Endgegner mit der richtigen Stilrichtung. Doch nicht nur der Soundtrack kann überzeugen, auch die Synchronisation des Spiels ist im Gegensatz zum zuvor erwähnten
Sudeki gut gelungen und wirkt niemals gekünstelt. Nichtsdestotrotz ist auch hier die englische Sprachausgabe - auf der deutschen PAL-Version vorhanden - vorzuziehen, da hier die einzelnen handlungsrelevanten Charaktere besser akzentuiert sind und augenscheinlich auch mehr Synchronsprecher verfügbar waren – in der deutschen Fassung wiederholen sich einige Stimmen doch recht häufig. Nichts desto trotz: Der Sound ist top und richtungsweisend für zukünftige Rollenspiele.
Spielspaß SoloReduziert man
Fable auf das Spiel selbst, ist man in den erwähnten 8-10 Stunden durch und um keine (sinnvolle) Erfahrung reicher. Das ist ein Faktum, da sich weder Story noch Hauptquest sonderlich vom Genre-Einheitsbrei abheben:
Armer Held übt Rache an Mördern der Familie, blablabla. Lässt man sich jedoch von der Vielzahl an Möglichkeiten, den eigenen Charakter seinen persönlichen Vorstellungen entsprechend anzupassen, in das Spiel hineinziehen, entfaltet
Fable sein ganzes Potenzial und wird zum Zeitvernichter. So sollte Charaktergenerierung und –entwicklung in einem Rollenspiel des dritten Jahrtausends aussehen.
Tu das was du willst und lebe mit den Konsequenzen. Mag sein, dass dieses Konzept im vorliegenden Titel noch nicht zu einhundert Prozent sinnvoll umgesetzt ist (so ist zum Beispiel ein hohes Kopfgeld innerhalb kürzester Zeit abgesessen – und zwar nicht im Gefängnis, sondern einfach durch Nicht-Betreten der verwüsteten Ortschaft), richtungsweisend ist es in jedem Fall.
Spielspaß MultiIm Spiel ist kein Multiplayer-Modus vorhanden.