Atmosphärisches Einsteiger-Rollenspiel der KotOR-Entwickler.Bioware auf Abwegen: Anstatt sich am direkten Nachfolger unseres
Spiel des Jahres 2003 Star Wars: Knights of the Old Republic zu versuchen, muss dieses Mal die chinesische Mythologie für die Rollenspiel-Cracks herhalten. Ob es tatsächlich gelungen ist, den Wandel von
Force zu
Chi in ein stimmungsvolles Ganzes zu packen, erfahrt ihr in unserem Master-Review.
Jade-RitterWahrlich ein prächtiges Idyll, dieses abgelegene Dörfchen in
Zwei Ströme! Es bietet nicht nur verträumte Gässchen und einen Ausblick auf eine himmelblaue See, sondern beherbergt auch eine – wenn
» Jade Empire ist der Atmosphäre-König. |
nicht sogar
die – Schule für altchinesische Kampfsportkunst. Unter der wohlwollenden Hand von Meister Li verbringt hier unser Protagonist nun schon sein halbes Leben: Vor vielen Jahren als Waise aufgenommen, lag es fortan in den Händen eures Meisters, euch auszubilden und in die weite Welt zu entlassen. Früh genug werdet ihr das Gelernte in die Tat umsetzen müssen.
Ähnlich wie in
Star Wars: Knights of the Old Republic könnt ihr euch in
Jade Empire sowohl auf die
gute als auch auf die
dunkle Seite schlagen. Ob ihr lieber dem Weg der
Offenen Hand oder dem der
Geschlossenen Faust folgt, ist gänzlich von euren Entscheidungen abhängig. Auch auf eure stetig wachsende Schar an Gefolgsleuten hat die Gesinnung weitreichende Konsequenzen: Im Vergleich zum Quasi-Kollegen
Star Wars: Knights of the Old Republic 2 - The Sith Lords ist es zwar nicht möglich, seine Mitstreiter tatsächlich zu beeinflussen – bestimmte Handlungsstränge beziehungsweise Entwicklungen mögen im Falle einer falsch gewählten Antwort allerdings im Verborgenen bleiben.
Stein, Schere, PapierZentraler Bestandteil von
Jade Empire ist – für ein Rollenspiel selbstverständlich nicht unüblich – der
Kampf. Grundsätzlich stehen euch in den in Echtzeit ausgetragenen Auseinandersetzungen
» Ein Oger stellt sich uns in den Weg. |
drei Optionen offen:
Angriff,
Schwerer Angriff und
Blocken. Getreu dem Kinderspiel
Stein, Schere, Papier wird eine Aktion von jeweils einer anderen geschlagen beziehungsweise übertrumpft. Angriff schlägt Schwerer Angriff, Blocken schlägt Angriff und Schwerer Angriff schlägt Blocken. Für wahre Lust an der Konfrontation sorgen hingegen die unzähligen und per Knopfdruck auswählbaren
Waffen-, Magie- und Verwandlungsstile sowie Kampf- und Unterstützungstechniken, welche mitunter ausschlaggebend für den Ausgang des Kampfes sind. So sind zum Beispiel Geister immun gegen Waffen, einem Dämon hingegen sollte man besser nicht mit Magieattacken begegnen. Das nützliche
Lock-On Feature und die altchinesische "Bullet-Time" – der
Fokus – verhelfen eurer kriegerischen Seele darüber hinaus vor allem zu Effektivität. Auch Splatterfreunde dürfen sich freuen: Bestimmte Techniken lassen sich zu so genannten
harmonischen Kombos verknüpfen. Das Resultat ist ein frisch ausgemalter Raum – in sattem Rot versteht sich.
Mit zunehmendem
Bodycount füllt ihr nicht nur euer Geldsäckchen in Form von Silberstücken, sondern klarerweise auch euer Erfahrungskonto. Der
Level-Up gestaltet sich dabei genreüblich: Auf eure drei Attribute
Gesundheit,
Chi – für Magie sowie Heilung – und
Fokus – für Waffenstile sowie Zeitlupe – verteilt ihr eurer Stufe entsprechend Punkte; ebenso dürfen aber die weiter oben erwähnten Kampftechniken in drei technikabhängigen Eigenschaften gesteigert werden. Lediglich indirekt beeinflussbar sind die
Dialogfähigkeiten Intuition, Schmeicheln und
Einschüchtern, welche sich jeweils von einer der drei Basisfähigkeiten ableiten und euch im Verlauf der vielen Gespräche auch die eine oder andere zusätzliche Option eröffnen.
Shoot’em Up?Auf eurer Reise durchs antike China geschehen seltsame Dinge: Ihr besucht liebevoll gestaltete Örtlichkeiten, löst zahlreiche Subquests und trefft mitunter auf doch recht skurrile Charaktere, welche sich in einigen
Fällen sogar eurer Gruppe anschließen. Allen gemeinsam ist die Tatsache, dass sie eine Geschichte zu erzählen haben. Ihre Beweggründe, Absichten und Ziele bleiben dabei oft im Verborgenen und können nur in langen Gesprächen erforscht werden. Überhaupt präsentiert sich
Jade Empire sehr textlastig: Konversationen und Bücher halten euch ständig auf Trab und lassen euch mitunter natürlich auch des Öfteren Tipps und Tricks zukommen. Die nötige Geduld und Einarbeitungszeit vorausgesetzt, offenbart sich bald eine ausgesprochen
detailverliebte Spielwelt, welche massig Zusatzinformationen, Mythologien und Sagen zu einem harmonischen und stimmungsvollen Ganzen zusammenfügt. Als besonderes und auflockerndes Extra können zwischen den einzelnen Passagen auch
kurze Shoot’em Up-Sequenzen an Bord eures hochgerüsteten Transportmittels absolviert werden!
Retro!
Zwei Ströme, ein Fischerdorf, die chinesische Hauptstadt: Die verzwickte und spannend erzählte Geschichte lässt euch weit über euren Horizont hinaus die Welt erkunden.
Auch optisch wird Abwechslung groß geschrieben: Während die Kaiserstadt im Abendrot noch imposanter wirkt als sie es ohnehin schon ist, erkennt man im kleinen Dörfchen
Tiens Anleger die Armut an allen Ecken und Enden wieder. Alle besuchten Orte sprühen jedoch vor Leben: Es herrscht reger Betrieb, die Straßen sind überfüllt und alle paar Schritte fallen euch neue, bisher unbemerkte Details auf. Latent sind die zahllosen
gescripteten Events, welche sowohl die Hauptquest vorantreiben als auch optionale Zusatzaufgaben einläuten können.
Wähle deinen WegBesonders praktisch in diesem Zusammenhang ist euer Tagebuch, welches nicht nur akribisch eure Aufträge sondern auch Gesprächsverläufe verzeichnet und somit zu einem nützlichen
» Der Kampf ist zentrales Element. |
Nachschlagewerk im Verlauf der
25-30-stündigen Kampagne avanciert. Nervig sind hingegen die häufig auftretenden
Ladezeiten, welche den Spielfluss doch deutlich unterbrechen und mitunter – Stichwort: Arenakämpfe – zu wahren Spielspaßkillern werden – das Verbesserungspotenzial des indirekten Vorgängers blieb somit leider ungenutzt. Auch die
deutsche Synchronisierung kann nicht vollständig überzeugen: Es gibt zwar definitiv Schlechteres, einige Sprecher transportieren ihre Texte allerdings ein wenig emotionslos. Ganz im Gegensatz hierzu steht die Soundkulisse. Sowohl die stimmungsvolle Musik als auch die martialischen Soundeffekte gefallen und passen hervorragend ins antike Setting. Hier wurde ganze Arbeit geleistet.
Wenn sich
Jade Empire einen Kritikpunkt gefallen lassen muss, dann ist dies mit Sicherheit seine
Einfachheit: Selbst auf dem leichtesten der drei Schwierigkeitsgrade existieren nur eine Handvoll Situationen, welche auch tatsächlich fordernd sind. Geübte Spieler, die darüber hinaus wenig mit den vielen Texten anzufangen wissen, haben das Finale bereits nach 15 Stunden gesehen. Selbstverständlich darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass bei derartigen
Speed-Runs von der gelungenen und detaillierten Gestaltung der Welt nicht mehr viel übrig bleibt.