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Master-Review:   » drucken    » versenden

Second Sight

» Autor: Christian Krammer
» Datum: 06.09.2004
» Gesamtwertung:
/5
4/5: Empfehlenswert
mit zahlreichen Stärken.
Wie wir bewerten
Spannender Psychothriller-Action-Mix mit einigen Designschwächen.

Was kommt einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man an den guten alten Nintendo 64 denkt? Vermutlich gute Erinnerungen, zu denen sicher auch einer der großen Hits auf der 64 Bit Konsole zählt: GoldenEye 007. Doch was hat dieses Spiel mit Second Sight zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts, gräbt man jedoch etwas tiefer, stößt man schnell auf die nicht unbekannten Entwickler namens Free Radical Design. Zu N64-Zeiten noch beim berühmt berüchtigten Entwicklerstudio Rare beschäftigt, haben sie nun auch Second Sight ihren Stempel aufgedrückt. Ob dieser nichts von seinem Glanz verloren hat, erfahrt ihr im folgenden Master-Review.

Patient JV-034
Schenkt man einigen Hollywood-Filmen Glauben, kann folgendes durchaus passieren: Man erwacht in einem vermeintlichen Krankenhaus, gefesselt, ohne Erinnerungen und übersäht mit Wunden. So geschehen auch mit dem
» Wenn die nur wüssten, was ihnen bald blüt.
Hauptdarsteller aus Second Sight, John Vattic. Sich seiner psychischen Fähigkeiten noch nicht bewusst, kommt es bald zur ersten Überraschung. Nach kurzer gedanklicher Anstrengung gehören die Fesseln der Vergangenheit an und es gilt, sich seinen Weg aus diesem Schlamassel zu bahnen. Dazu steuert man den Protagonisten aus der 3rd-Person-Perspektive, kann wahlweise aber auch in die Egoansicht umschalten, in der man sich jedoch nicht bewegen kann. Durch kurze Einblendungen erfährt man nun, wie man sich Johns psychische Fertigkeiten zunutze macht. Beschränken sich diese anfangs auf das reine Manipulieren von Gegenständen, lernt man bald sich selbst zu heilen und Angriffe auszuführen. Es ist sogar möglich, kurzzeitig seinen Körper mithilfe einer Projektion verlassen und andere Personen zu besetzen sowie sie zu kontrollieren. Wie lange ein solches Manöver durchführbar ist, wird durch den Psi-Kraft Balken am linken oberen Bildschirmrand angezeigt. Zum Glück bleibt dieser jedoch nicht dauerhaft leer, sondern lädt sich schnell wieder auf.

Die Anwendung der Psi-Fähigkeiten gestaltet sich relativ simpel: Mit der L2-Taste wird das zu manipulierende Objekt anvisiert, die ausgewählte Fähigkeit dann mit der R2-Taste eingesetzt. Unter Zuhilfenahme des rechten Analogsticks können so mit Leichtigkeit Fässer oder andere Gegenstände auf die Gegner befördert werden. Selbst das Herumwirbeln der Widersacher ist kein Problem.

Informationsgesellschaft
Nachdem man es nun versteht, sich seiner Haut zu erwehren, gilt es, einen Ausweg aus der psychiatrischen Anstalt und sein eigenes Ich wieder zu finden. Neben simplen „hole dies, verwende dort“ Rätseln muss durchaus auch weiter ausgeholt
» Fliegende Sessel: Eines der Kunststücke von Mr. Vattic.
und unter anderem der Computer zur Wahrheitsfindung herangezogen werden. Da Mister Vattic, wie sich bald herausstellt, auch einen Doktortitel besitzt, ist es ein leichtes für ihn, diesen nach Informationen wie Passwörtern zu durchsuchen, Kameras zu deaktivieren oder Türen zu öffnen.
Auch sonst wird Abwechslung geboten, gilt es doch in einigen Mission Kindermädchen zu spielen und andere Charaktere zu beschützen oder ihnen im Kampf beizustehen. Generell bleibt es dem Spieler meist selbst überlassen, ob er sich lieber durch die Levels schleicht, oder den zahlreichen Feinden den Garaus macht. Oft ist letzteres jedoch nicht zu empfehlen, da die Gegner dann in nicht enden wollenden Scharen heran stürmen und nur schwer zu bändigen sind. In diesem Fall ist der letzte Ausweg verstecken und abwarten.

Weiß man mal nicht weiter, befindet sich hoffentlich ein PC in der Nähe, der weitere Informationen für einen parat hat. Wenn nicht, ist man leider des Öfteren auf sich alleine gestellt, da einen das Spiel nicht selten im Dunkeln tappen lässt, was man denn als nächstes tun soll. Die Missionsbeschreibung ist mehr als spärlich und so bleibt einem in diesem Fall nur über, alles genau nach dem entscheidenden Hinweis zu durchsuchen. Zum Glück findet man danach jedoch wieder schnell auf dem richtigen Weg zurück.

Ein weiteres Manko findet sich im Speichersystem wieder. Manuell kann zu keinem Zeitpunkt gespeichert werden und automatisch geschieht das nur nach jeder Mission – die teilweise schon mal etwas länger dauern kann. Es wird zwar zwischengespeichert, doch schaltet man die Konsole aus, muss wieder von ganz vorne begonnen werden.
Ein wahrer Segen ist in diesem Zusammenhang, dass der Hauptdarsteller einiges aushält und nicht so schnell zu Boden geht. Ist man trotzdem mal dem Ende nahe, genügt es, sich in einer dunklen Ecke selbst zu heilen. Die Widersacher hingegen scheinen aus einem nicht so harten Holz geschnitzt zu sein. Sie verstehen es zwar, in Deckung zu gehen, segnen jedoch schon nach ein paar Treffern das Zeitliche. Deren Bedrohung geht also eher von der Masse als der Intelligenz aus. Sucht man nach einer Herausforderung, kann der Schwierigkeitsgrad vor jeder Mission auf „Schwer“ gesetzt werden.

Sechs Monate zuvor
Die Geschichte in Second Sight wird nicht in einem fort erzählt, sondern immer wieder von spielbaren Rückblenden durchzogen. Dies sind jedoch nicht nur kurzweilige Happen, sondern ausgewachsene Aufträge, in denen man die
» Auf geht's in den Kampf.
Vorgeschichte des Spieles erfährt. Weitere Informationen gibt es in Form von sehr gut inszenierten Ingame-Zwischensequenzen.
Als Mitglied der Spezialeinheit WinterICE, in die Dr. John Vattic eher unfreiwillig gesteckt wird, gilt es in diesen Missionen, den russischen Wissenschaftler Grienko zu finden. Dieser steht im Verdacht, illegale Experimente an Menschen durchzuführen.
Während man in den Kapiteln in und nach der Anstalt vorwiegend alleine unterwegs ist, steht hier klar der Team-Aspekt, also das Kämpfen an der Seite computergesteuerter Mitspieler, im Vordergrund. So kämpft man sich durch Massen von Feinden und erfüllt diverse Aufträge. Meist wird man von den Soldaten aus der Einheit unterstützt, ab und zu ist man jedoch auch auf sich alleine gestellt.
Daneben vertraut John Vattic hier eher auf schlagkräftige Argumente in Form von Schusswaffen, anstatt seine Gegner mithilfe von Psi-Fähigkeiten aufs Korn zu nehmen. Diese stehen zwar in den späteren Missionen auch zur Verfügung, finden aber in diesem Fall nicht ganz so viel Anwendung.

Um nicht ganz ohne Vorbereitung dazustehen, wird einem bereits zu Beginn in Form eines kleinen Tutorials erklärt, zu welchen Bewegungen der Protagonist fähig ist und wie die zahlreichen Waffen am besten einzusetzen sind. Ähnlich wie in James Bond: Alles oder nichts kann sich Mister Vattic hier an Wände pressen oder hinter Kisten ducken, um dann auf Knopfdruck die Deckung zu verlassen und gezielt auf die Gegner zu feuern. Obwohl die Feinde mithilfe der L2-Taste automatisch eingelockt werden, ist danach auch ein manuelles Zielen möglich, um z.B. einen tödlichen Kopfschuss zu erreichen. Dabei steht einem die übliche Auswahl in Form von Pistolen und Gewehren zur Verfügung.
Auch bei den Bewegungsabläufen wird Standardkost geboten: ducken, an Kanten festhalten und auf Wunsch hochziehen, über Hindernisse springen, um die Ecke schielen usw. Um die Sache nicht unnötig zu verkomplizieren, werden hier meist die Tasten X und R1 verwendet.


Grafik
Diese zeichnet sich durch den speziellen, leicht comichaften Stil aus, der generell in Spielen von Free Radical Design, so auch TimeSplitters 2, zu finden ist. Besonders hervorzuheben sind hier die sehr schön ausgearbeiteten Gesichtszüge der Charaktere und die Inszenierung der Psi-Fähigkeiten. Auch sonst gibt sich die Grafik keine Blöße und bietet schöne Lichteffekte und Spiegelungen sowie nette Draufgaben wie Fußspuren und Wasserspritzer. Die Texturen sind sehr detailliert, könnten jedoch besonders in den Außenmissionen etwas farbenfroher sein.

Sound
Positiv hervorzuheben sind hier die sehr guten englischen Sprecher und die dezente, aber wirkungsvolle Musikuntermalung. Deutsche Stimmen wird man jedoch keine vernehmen können, Untertitel entschädigen aber halbwegs dafür.
Auf der anderen, negativen Seite stehen die sehr unrealistisch wirkenden Schussgeräusche, die es nie vermögen, die Tödlichkeit der Waffen zu unterstreichen. Leider hielten es die Entwickler nicht für nötig, Dolby Prologic 2 Unterstützung zu integrieren, was der Atmosphäre des Spieles sehr zuträglich gewesen wäre. Der größte Kritikpunkt sind die dauernden Sound-Aussetzer in den Zwischensequenzen, wodurch der Ton immer hinterher hinkt.

Spielspaß Solo
Das Besondere hinter Second Sight ist die Verknüpfung der zwei Handlungsstränge und die sich dadurch ergebenden Unterschiede im Spielerlebnis. In bzw. nach der Anstalt herrscht eine etwas düstere, bedrückende Stimmung und man ist darauf bedacht, eher behutsam vorzugehen und Informationen zu sammeln. Da Waffen hier meist selten sind, kann man sich voll auf den Einsatz der eindrucksvollen Psi-Fähigkeiten konzentrieren.
In den Rückblenden hingegen herrscht eine ganz andere Atmosphäre und alles was zählt ist Feuerkraft. Man fühlt sich als Teil einer Einheit, überall um einen herum wird geschossen und mit Militärjargon um sich geworfen. Dieser Teil des Spieles dient eher dazu, einen in die Geschichte einzuführen und wichtige Hinweise für den anderen Handlungsstrang zu liefern. Erst nach und nach verstricken sich die beiden Storys und ergeben ein sinnvolles Ganzes.

Spielspaß Multi
Im Spiel ist kein Multiplayer-Modus enthalten.
Pro
Eindrucksvolle Psi-Kräfte
Spannende Militäraction
Zwei spielerisch unterschiedliche Handlungsstränge
Große Abwechslung
Schöne Grafikeffekte
Besondere Atmosphäre
Contra
Schlechtes Speichersystem
Gelegentliche Planlosigkeit
Sound-Aussetzer
Zu leichte Kämpfe
Fazit
Auch wenn mir Second Sight sehr viel Spaß gemacht hat, weist es doch einige Schwächen auf, welche die Motivation zum Weiterspielen aber kaum beeinträchtigen. Diese Tiefpunkte sind meist im Leveldesign zu begründen, da manche Passagen einfach mehr Freude bereiten als andere. Wenn ich an der Seite einer Militäreinheit spannende Kämpfe durchleben darf, gefällt mir das einfach besser, als in den Abwasserkanälen Kindermädchen für eine Irre zu spielen. Daneben verwehren einige Schnitzer und Ungereimtheiten dem Spiel einen Aufstieg in höhere Wertungsregionen. Warum darf John Vattic als Wissenschaftler, der noch nie ein zuvor eine Waffe in der Hand hatte, mit einem Scharfschützengewehr in den Kampf ziehen – und kann es zu allem Überfluss auch noch so gut bedienen? Warum können die Gegner nur zwei bis drei Treffer einstecken, der gute John jedoch um ein Vielfaches mehr? Warum wird nur nach jeder Mission dauerhaft gespeichert und nicht dazwischen?

Trotz alledem bietet das Spiel jedoch einen sehr guten Mix aus einerseits spannenden Feuergefechten und Militäraction sowie andererseits eindrucksvollen Psi-Kräften und bedrückender Gefängnisatmosphäre, in der das Versuchskaninchen immer mehr zu einem reißenden Wolf wird. Second Sight kann somit jedem Action-Adventure-Freund empfohlen werden, der wert auf Abwechslung legt, aber über gewisse Schnitzer hinweg sehen kann. Man möchte das Gamepad nicht eher aus der Hand legen, bevor sich die spannende Story um John Vattic vollständig aufgelöst hat.
Infos
Erhältlich für
Genre
Action
Publisher
Codemasters
Entwickler
Free Radical De...
Website
www.codemasters...
Release
27. August 2004
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User-Bewertung
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