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Full Spectrum Warrior  
» Autor: Christian Kellner
» Datum: 07.07.2004
» Gesamtwertung:
/5
5/5: Pflichtkauf
uneingeschränkte Empfehlung.
Wie wir bewerten
Anstelle von brachialem Dauerfeuer setzt Pandemics jüngster Spross auf Taktik und behutsames Vorgehen… und kann damit auf ganzer Linie überzeugen.

Full Spectrum Warrior ist anders. Es ist weder Ego-Shooter noch reinrassiger Echtzeitstrategie-Titel. Die Wahrheit liegt, wie so oft, mittendrin: Als Führer von zwei Vier-Mann-Teams der US-Army begleitet ihr im umkämpften, fiktiven afrikanischen Staat Zekistan einen UN-Konvoi und landet dabei schnurstracks in einem Hinterhalt der örtlichen Militärs. Augenscheinlich schätzen die Putschisten die Anwesenheit der Amerikaner nicht besonders und ballen ihre Kräfte zu einem gesammelten Schlag gegen die unerwünschten Eindringlinge: In der ganzen Stadt kommt es plötzlich zu Übergriffen und Attacken, denen ihr aber nicht schutzlos ausgeliefert seid. Nicht umsonst lautet der Titel Full Spectrum Warrior, und der Name ist Programm… wie so oft.

MOUT
Bevor ihr eure erfolgreiche Karriere als Teamleader auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen könnt, gilt es allerdings erst einmal das obligatorische Pflichtprogramm zu absolvieren. Also: Schulbank drücken und Augen und Ohren weit aufsperren, das MOUT-Training erwartet die Kadetten. MOUT steht hierbei für Military Operations in Urban Terrain oder im Verkehrsdeutsch: Straßenkampf. Um zu bestehen, müsst ihr mit euren beiden Teams durch fünf verschiedene Parcours, die euch erstens die Steuerung näher bringen und zweitens gleich ein paar gute Taktiken für den „richtigen“ Kampf auf den Straßen von Zekistan mit auf den Weg geben.

Eure Einsatzgruppe besteht grundsätzlich aus der „Alpha-„ und „Bravo-„Einheit, die sich jeweils aus dem Teamleader (TL), einem Grenadier (G), einem Rifleman (R) und einem Automatic Rifleman (AR) zusammensetzen. Eure Mannen könnt ihr dabei grundsätzlich nicht selbst steuern: Mithilfe des linken Analogsticks legt ihr mit einer Art „umgebungssensitivem Cursor“ fest, wohin die Truppe als nächstes zu marschieren hat. Umgebungssensitiv heißt: Wandert der Cursor eine Wand entlang, so werden die Positionen der Truppe so angeordnet, dass sie das kleinstmögliche Ziel bieten: An der Wand also schnurähnlich aufgefädelt, hinter kleineren Hecken und Brunnen im 2x2 Quadrat und im freien, offenen Feld phalanxähnlich. Mit Y wechselt ihr jederzeit zwischen den beiden Teams (habt ihr ein drittes Team zu dirigieren, so ist dieses per Y gedrückt zu erreichen) und mit X legt ihr einen so genannten point fire –Radius fest, in dem die Truppe alle sichtbaren Ziele direkt angreift. Haltet ihr X länger gedrückt, findet ihr euch im Granatenmenü wieder und könnt neben Splitter- und Rauchgranaten auch den Granatwerfer und, je nach Mission, auch Luft- bzw. Artillerie-Unterstützung auf ein bestimmtes Ziel anfordern. Mit B legt ihr euren Truppen den Abbruch einer Aktion nahe, während B gedrückt sofortige Deckung bedeutet. Daneben könnt ihr auch noch „suppressing fire“ in eine Richtung legen, was zwar dem Munitionsvorrat nicht gerade dienlich ist, aber das zweite Team in Ruhe operieren lässt. Zu guter letzt haben auch noch die Schulertasten eine Funktion: Mit L zoomt ihr ans Geschehen heran, während R den „Field of View“ anzeigt: Richtungen, die aufgrund des Sichtradius eurer Truppe ungedeckt bleiben, erscheinen grau. All dies wird euch vor dem Beginn der ersten Mission im etwa einstündigen (!) MOUT-Training näher gebracht. Aber: Ohne dieses Training wäret ihr im offenen Feld ohnehin leichte Beute, ihr seid also gut damit beraten.

Battlefield Zekistan
In den Straßen von Zekistan herrscht Chaos: Brennende Autos, Berge von Schutt und Müll sowie Häuserschluchten ohne Ende… ein ideales Gebiet zum Austoben. Schritt für Schritt sucht man in der ersten Mission Deckung für Deckung, legt unterstützendes Feuer, schleicht um Ecken und erwischt den Feind im Rücken. Dabei unterstützt euch vor allem die sehr gute Kamera. Diese ist zwar nicht frei dreh- und zoombar und haftet wie eine Klette knapp über dem Kopf des aktuell ausgewählten Teammitglieds, kann aber durch eine sehr gute automatische Anpassung an die aktuelle Lage überzeugen. Hat euer Teamleader zum Beispiel gerade das Ende eines Häuserblocks erreicht und lehnt sich vorsichtig um die Ecke um die Lage einzuschätzen, fährt die Kamera mit, damit ihr euch selbst ein Bild von der Situation machen könnt. Feinde werden bei Sichtkontakt übrigens mit einem kleinen „Informationssymbol“ markiert und bleiben es auch so lange, wie sie im Sichtfeld der eigenen Einheiten sind. Dieses Symbol über den Köpfen zeigt euch zum Beispiel an, ob der Gegner von eurer derzeitigen Lage überhaupt zu treffen ist oder ob er gerade von euch beharkt wird. Ebenso wird das Ableben eines Feindes mittels eines kleinen Totenkopfes am Ort des Todes vermerkt.

Die Stimmung, die während eines Einsatzes herrscht, darf generell als grandios bezeichnet werden: Afrikanische Musik dröhnt aus den Boxen, irgendwo gackert ein Huhn und die Gewehrsalven und Granateinschläge tragen ihr übriges zum beklemmenden und spannenden Szenario bei. Auch die Physik kann sich sehen lassen: Schüsse hinterlassen Einschusslöcher in Autowracks und Granaten lassen herumstehende Utensilien (Tische, Autos, Kisten) realistisch explodieren bzw. zerbersten. Aber Vorsicht: Habt ihr z.B. hinter einem Auto Deckung gesucht, kann das fatale Folgen haben, sollte das Wrack schon so in Mitleidenschaft gezogen worden sein, dass es kaum noch Schutz bietet (der aktuelle „Deckungsgrad“ wird mit kleinen Schilden über euren Köpfen angezeigt… nehmen diese Schilde ab, heißt es schnell verschwinden). Sollte einer eurer Kameraden fallen, ist ebenfalls schnelle Handlung gefragt. Verwundete Soldaten haben nur mehr ein kurzes Leben vor sich, wenn sie achtlos auf dem Boden liegen gelassen werden. Ihr müsst sie also so bald wie möglich zum nächsten VEVAK transportieren, an dem ihr übrigens auch Ausrüstung wie Munition und Granaten aufstocken dürft. Verlieren zwei Soldaten eines Teams ihr Leben, darf die Mission beim letzten Speicherpunkt fortgesetzt werden… Mission failed.

SitRep: Charlie 90 reporting in
Insgesamt warten elf Missionen auf Alpha und Bravo, die ohne sinnvolle taktische Entscheidungen nicht zu schaffen sind. Im Endeffekt läuft es aber dann doch meistens immer auf dasselbe hinaus: Team Alpha gibt Feuerschutz, während sich Team Bravo gut gedeckt von hinten bzw. von der Seite an den Gegner heranschleicht und diesen gefahrlos ausschaltet. Um dabei die Übersicht über all die verwinkelten Gässchen zu behalten, bedient ihr euch eures mitgelieferten GPS-Systems, welches unter anderem mit einem detaillierten Stadtplan, eurem Aufenthaltsort und dem erkannter Feinde aufwarten kann. Dass das Spiel dennoch soviel Spannung aufbaut, liegt sicherlich an der genialen Atmosphäre während des Spiels, als auch an den hervorragenden Zwischensequenzen, der guten englischen Synchronisation und der „Menschlichkeit“ der Protagonisten. Außerdem bietet das Programm haufenweise Scripts, die den Spielealltag versüßen und die nötige Würze ins Gameplay bringen. Das beim Briefing angegebene Missionsziel ist oftmals nur ein kleiner Schritt Richtung eigentlichem Ende der Mission. Beispiel: Beim Entdecken des Munitionslagers, dem Missionsziel laut Instruktionen, stürzt plötzlich ein Flugzeug über euch ab und nimmt dabei die halbe Kuppel des nahe gelegenen Palastes mit. Neuer Auftrag: Wrack sichern. So reiht sich Szene an Szene, immer unterbrochen von stimmungsvollen Zwischensequenzen, die in Spielegrafik gehalten und Hollywood-reif inszeniert sind.

Auch das Speicherproblem ist sinnvoll gelöst: Ihr könnt nicht jederzeit abspeichern, sondern müsst abwarten, bis ein so genannter „Situation Report“, kurz SitRep fällig ist. Um diesen durchzuführen, müssen sich beide Teams in einem bestimmten, gekennzeichneten Radius aufhalten. Im Zuge des Abspeicherns wurde dem Programm auch ein besonderes Schmankerl spendiert: Ihr könnt auf Tastendruck eure eigene Mission aufzeichnen! Während des Abspielens könnt ihr dann zu einem beliebigen Zeitpunkt wieder ins Geschehen einsteigen. Einziger Wermutstropfen ist dabei das Fehlen einer frei drehbaren Kamera, mit der ihr euch einen Gesamtüberblick über die Lage hättet verschaffen können. Dennoch ein sehr gutes Feature!

Alpha:SP1 & Bravo:SP2
Doch das Spiel ist nicht nur etwas für “Lonesome Rambos“ und Alleinzocker: Über Xbox Live ist es möglich, gemeinsam auf Terroristenjagd zu gehen und die Singleplayerkampagne zu zweit zu bestreiten. Hierfür übernimmt ein Spieler das Alpha- und der andere das Bravo-Team. Grafisch müssen hier keinerlei Abstriche gemacht werden, wobei das Gameplay allerdings ein wenig unter dieser Aufteilung leidet. Hier muss wirklich ein eingespieltes Team ran. Zwei einander völlig fremde Spieler und/oder Spieler mit einem unterschiedlich hohen Grad an Spielerfahrung sind unglückliche Konstellationen, da der taktische Teil ebenso wie im Singleplayer durchdacht sein will: Einander Deckung geben und Flanken sichern will im Zusammenspiel mit einem zweiten Zocker erst einmal gelernt sein, Egomanen und Sam Fishers sind hier definitiv an der falschen Adresse… der Weg zum Ziel führt über die Teamarbeit.


Grafik
Fantastische Grafik, die das Flair einer afrikanischen Stadt genial einfängt. Ebenso gelungen sind die Animationen von Freund und Feind, Partikeleffekte bei Granateinschlägen und Gewehrbeschuss sowie die optische Realisierung der eingebauten Physikengine: Zerstörbare Autos und Kisten, Panzer, Tische, Sofas, Einschusslöcher in Wänden und Wracks und und und… Full Spectrum Warrior lässt einen glauben, dabei zu sein. Und das Beste daran: Es läuft trotz all dieser Pracht absolut ruckfrei und flüssig über den Schirm.

Sound
Afrikanische Klänge (wieder einmal im Stil von Black Hawk Down) gemixt mit martialischen Kriegsgeräuschen. Bei eingeschalteter Dolby Digital Anlage wirkt alles noch einmal so bombastisch: Granate links, Gewehr von vorne, Zurufe von hinten… Ein besonderes Lob hat sich die wunderbar passende und stimmige Sprachausgabe verdient: Die acht Protagonisten geizen nicht mit Sticheleien und abfälligen Bemerkungen sowohl gegenüber Teammitgliedern als auch gegenüber Feinden. Vor allem in den Zwischensequenzen sind die Dialoge für den einen oder anderen Lacher gut. Einziges Manko: Full Spectrum Warrior bietet nur englische Sprachausgabe, deutsche Untertitel können auf Wunsch aber eingeblendet werden (was natürlich den einen oder anderen Wortwitz verkümmern lässt).

Spielspaß Solo
Spieler mit einem Faible für taktische Shooter wie Rainbow Six 3 und Echtzeitstrategietiteln wie Command & Conquer sind ganz klar die primäre Zielgruppe für Full Spectrum Warrior. Die elf Missionen der Singleplayerkampagne sind durchwegs spannend und unterhaltsam und bieten Spielspaß für etwa 15 Stunden. Dabei ist die Steuerung eingängig (aber komplex), die Optik und Atmosphäre einzigartig und das Spielgefühl neu: Anstatt einmal mehr das Gewehr aus der Ego-Perspektive zu sehen, steht hier ganz klar der taktische Aspekt im Vordergrund. Zu schnell etablieren sich allerdings bekannte Muster, um einen Gegner zu überwältigen: Feuerschutz, anderes Team links rum, Gegner tot. Dies darf aber auch wirklich als einziges Manko des Spiels angesehen werden, dann ansonsten wird hier durchwegs perfekte Unterhaltung geboten: Präsentation, Optik und Atmosphäre sind stimmig und machen das Spiel zur konsolenübergreifenden Strategiereferenz.

Spielspaß Multi
Auch im Online-Kooperationsmodus macht das Spiel Spaß, wobei das Hauptaugenmerk dennoch auf dem Singleplayer liegt und gelegen hat. Wie schon erwähnt, macht das Aufteilen der zwei Teams auf zwei Spieler nur dann wirklich Spaß, wenn sie eingespielt sind und/oder ähnlich hohe Erfahrung haben. Dann allerdings entwickelt sich das Spiel auch zu einer wahren Spaßgranate. Das Fehlen eines System-Link-Coop-Modus ist allerdings weniger zu verschmerzen, ebenso wie die Möglichkeit, gegeneinander antreten zu dürfen. Von Entwicklerseite wurde aber zumindest schon einmal zugesichert, dass neuer Download Content unterwegs ist. Wir sind gespannt und warten auf neue Modi und Maps.
Pro
Hervorragende Optik und Physikengine
Toller Sound und grandiose Synchro
Eingängige Steuerung
Atmosphäre durchwegs gelungen
Erstmals mehr Taktik als Shooting
Hollywood-reife Zwischensequenzen
Replay-Möglichkeit
Menschliche Charaktere und humorige Konversationen
Contra
Online ein zweischneidiges Schwert
Multiplayer nur auf Live und Coop beschränkt
Eine Strategie -> Spiel gewonnen
Replay-Funktion leider ohne freie Kamera
Fazit
Anstatt den x-ten Ego-Shooter abzuliefern, entschloss man sich bei Pandemic neue Schritte zu gehen und einen taktisch angehauchten Militär-Strategietitel auf die Beine zu stellen. Das Ergebnis ist mehr als befriedigend und richtungsweisend. Spannende Kämpfe in tiefen Häuserschluchten und die stimmige Grafik- und Soundkulisse lassen das Spielerherz höher schlagen. Auch die Möglichkeit, Replays aufzuzeichnen und jederzeit wieder ins Geschehen einsteigen zu können, hat eine gesonderte Erwähnung verdient. So etwas hatte ich mir auch schon für den einen oder anderen Shooter gewünscht. Alles in allem: Den userrankings-Pflichtkauf hat es sich redlich verdient. Zuschlagen lautet die Devise!