Grandios inszeniertes Gangster-Epos, das vor allem durch seine Schwächen auffällt – den Spieler aber trotzdem mitzureißen weiß.Auf der PlayStation 2 buhlen schon seit längerer Zeit einige Spiele in der Machart von
Grand Theft Auto, das gleichzeitig auch den Thron für sich beansprucht, um des Käufers Gunst. Nach
The Getaway,
Mafia und
True Crime schickt sich nun Atari an, diese Herrschaft zu beenden. Ob es dem mit einem wahren Hype ausgestatteten und von Spielern sehnsüchtigst erwarteten
Driv3r gelungen ist, erfahrt ihr in unserem Master-Review.
Guter Cop, böser Cop Glaubt man den unzähligen amerikanischen Gangster-Filmen, muss es mehr Undercover-Cops als im Öffentlichen agierende Polizisten geben. So auch in
Driv3r: Der skrupellose FBI-Agent
Tanner taucht unter, um Mitglied einer Autoschieberbande zu werden und künftig als
Fahrer gute Dienste zu leisten. Dass jedoch nicht immer alles glatt läuft, steht schon von Vornherein fest und so kommt es zu einer rasanten Story, die gleichzeitig mit der tollen Inszenierung auch die größte Stärke des Titels ist. Kaum eine Mission hinter sich gebracht, wird man schon wieder Zuseher einer in Ingame-Grafik präsentierten Zwischensequenz oder eines Rendervideos, das die Geschichte vorantreibt und immer für Spannung sorgt. Lediglich der Umstand, dass nicht automatisch zur nächsten Mission übergegangen wird, sondern man dies immer erst manuell auswählen muss, nagt an der ansonsten hervorragenden Atmosphäre.
Wie nicht anders zu erwarten ist der Name des Spieles Programm und man bewegt sich als Tanner vor allem fahrend, aber auch gehend und immer mit dem Schießeisen im Anschlag durch die drei detailgetreu nachgebauten Städte
Miami,
Nizza und
Istanbul.
My car is my castle Im Menü angekommen wählt man natürlich zuerst den „Undercover-Modus“ aus, der das Herzstück des Spieles darstellt. Nach einem imposanten Intro findet man sich im Haus des Protagonisten wieder und wird sogleich zur Schießübung befohlen. Um nicht zu spät zu kommen, holt man schnell den schnittigen Sportwagen aus der Garage und macht sich auf den Weg zum Polizeihauptquartier.
Im weiteren Spielverlauf erwarten einen sehr abwechslungsreiche Missionen, bei denen das Auto eine große Rolle spielt, die aber teils weit über ordinäre Verfolgsjagden hinaus gehen. Einmal darf die Geschwindigkeit nicht unter 80 km/h fallen, da sonst eine Bombe im Wageninneren in die Luft fliegt, ein anderes Mal muss ein ganzer LKW inklusive Fracht gestohlen und effektvoll durch Polizeisperren befördert werden. Auch das Stehlen und anschließende Einladen von Luxuskarossen auf einen Transporter steht auf dem Programm.
Wo man genau hin muss wird stets auf einer kleinen Karte eingeblendet, die bei Bedarf auch vergrößert, rotiert und bewegt werden kann. Die genauen Missionsziele bleiben jedoch oft im Verborgenen, da man diese nirgends abrufen kann und sich auf die Hinweise der Personen verlassen muss.
Insgesamt wollen
70 verschiedene Vehikel, darunter auch Boote und Motorräder, gesteuert werden, was dank einer sehr realistischen Steuerung oft gar nicht so einfach ist. Hat man sich aber erst einmal daran gewöhnt, driftet man schnell gekonnt um die nächste Kurve. Lediglich die zahlreichen Straßenlaternen könnten dem Spieler dabei einen Strich durch die Rechnung machen, da diese nicht zerstörbar sind und man des Öfteren daran hängen bleibt. Das ist besonders beim Verfolgen eines anderen Fahrzeuges ärgerlich, da dies durch massiven Zeitverlust meist ein Scheitern des Auftrages zur Folge hat. Erschwerend kommt hinzu, dass die Feinde derart perfekt fahren und nur selten einen Fehler machen. Hat man sich dann endlich an die Stoßstange des Vordermannes geklemmt, kommt einem plötzlich ein Zivilfahrzeug in die Quere und wieder zeigt das eigene Heck in die falsche Richtung. All diese Faktoren führen dazu, dass man einige Fahrmissionen dutzende Male wiederholen muss und nur mit viel Glück nach dem zwanzigsten Mal erfolgreich ist. Somit ist Frust vorprogrammiert und lässt den Schwierigkeitsgrad in astronomische Höhen schnellen.
Wäre das Spiel mit seinen
25 Missionen durch ein ordentliches Balancing normalerweise in ca. 10 Stunden zu schaffen, können so schon mal 15 oder mehr daraus werden. Somit bleibt der etwas bittere Nachgeschmack, dass auf diese Weise versucht wurde, das Spiel unnötig in die Länge zu ziehen. Doch auch das automatische Speichersystem wird nicht auf sehr viel Gegenliebe stoßen. Sind die Punkte an und für sich fair verteilt, muss man den kompletten Auftrag von vorne beginnen, wenn man das Spiel zwischendurch abbricht. Es ist zwar möglich, manuell zu speichern, doch hat das keinerlei Auswirkungen.
Um nicht alle Missionen im Alleingang absolvieren zu müssen, findet sich ab und zu eine weitere Person am Beifahrersitz wieder, die für die etwas schlagkräftigeren Argumente in Form von Waffengewalt zuständig ist. Neben dem Fahren muss man sich somit auch dem Zielen und vor allem dem Treffen gegnerischer Fahrzeuge widmen, was angesichts des etwas ungenauen Zielkreuzes nicht immer ganz so einfach ist. Teilweise darf auch Tanner selbst zur Kanone greifen und den Verfolgern von der Ladefläche eines Transporters aus kräftig einheizen. Dabei stehen dem Möchtegern-Gangster die üblichen Mordinstrumente zur Verfügung – angefangen bei einer Pistole mit unendlicher Munition über MP, MG und Schrotgewehr bis hin zu einem ausgewachsenen Granatwerfer, der für ordentlich Verwirrung unter den Gegnern sorgt. Erst einmal losgelassen demonstriert dieser die sehr gute Physikengine, die – zwar etwas übertrieben, aber physikalisch korrekt – Autos durch die Luft wirbeln lässt und für das anschließende Auflösen in ihre Einzelteile sorgt. Ebenso lassen sich die zahlreichen umherstehenden Gegenstände entweder ganz zerstören oder mit einem gezielten Schuss realistisch durch die Gegend befördern.
Auf eigenen Beinen stehen Ergänzend zu den zahlreichen Fahrmissionen ist man oft auch zu Fuß unterwegs und muss sich mit der größtenteils sehr schwammigen und unpräzisen Steuerung herumärgern. Nimmt das Übel beim Einsteigen in Fahrzeuge seinen Lauf, setzt es sich beim Zielen auf Gegner fort und gipfelt in den nur sehr ungenau durchführbaren Sprüngen.
Am besten ist man bei Feuergefechten beraten, indem man einfach drauf los schießt, um die Widersacher nach ein paar Fehlschüssen dann doch einigermaßen gut im Visier zu haben. Die KI der Bösewichte trägt ihr Übriges zum Steuerungsdilemma bei und lässt diese zu hirnlosen Schießbudenfiguren verkommen, die ohne viel Anstrengung ins Jenseits befördert werden können. Lediglich die pure Übermacht kann ab und zu Schwierigkeiten verursachen. Spielerisch können es diese Aufträge mit denen im Fahrzeug jedoch leicht aufnehmen und bieten ebensoviel Abwechslung und Spannung.
Freie Fahrt Neben dem Undercover-Modus warten noch zahlreiche andere Betätigungsfelder auf den Spieler. Möchte man die drei riesigen Städte ohne irgendwelche Einschränkungen erkunden, entscheidet man sich für „Freie Fahrt“. Nachdem man ein paar Einstellungen wie Startpunkt, Wagentyp oder Wetter getroffen hat, kann man beliebig umher cruisen und die lokale Polizei ärgern oder sie in heiße Schusswechsel verwickeln.
Auch die obligatorischen Minispiele sollen einem
Driv3r über das Ende hinaus schmackhaft machen. In „Tor-Rennen“ muss man innerhalb eines Zeitlimits 100 Tore durchfahren während es bei „Nichts wie weg“ gilt, der Polizei zu entkommen. Ingesamt warten sechs Pausenfüller darauf, erkundet zu werden.
Als gelungen kann man den
Film-Regisseur-Modus bezeichnen. Jederzeit im Pausenmenü abrufbar, darf man sich hier selbst als Regisseur versuchen und die Spielsequenzen imposant in Szene setzen. Es ist möglich Kameras zu positionieren, die Ansicht festzulegen und Effekte wie Zeitlupe oder Bewegungsunschärfe zu verwenden. Daraufhin kann man sich entspannt zurück lehnen und seine eigenen Spielkünste beobachten. Zwar größtenteils nur eine Spielerei, kann dieser Modus auch für willkommene Abwechslung inmitten der zahlreichen Frusterlebnisse sorgen.
Grafik Bereits bei der ersten Spielszene meint man, ein Stück Software aus der Anfangsgeneration der PlayStation 2 vor sich zu haben: Kantenflimmern, Popups, massive Slowdowns, farbarme Grafik und matschige Texturen - also alles, was man sich von einer zeitgemäßen Grafik nicht wünscht. Auf der positiven Seite sind die schön modellierten Fahrzeuge, der 16:9 Modus und natürlich die grandiosen Zwischensequenzen zu vermelden.
Ein besonderes Lob gilt auch den drei originalgetreu nachgebauten Städten. Da man im Undercover-Modus jedoch nur Teile davon zu Gesicht bekommen wird und so gut wie keine Freiheiten hat, fragt man sich, „wozu der ganze Aufwand?“.
Sound Der erste Weg sollte einen in das Optionsmenü führen, um dort auf die englische Sprachausgabe umzuschalten. Tut man das nicht, sieht man sich mit derart schlechten Synchronsprechern konfrontiert, die in keinster Weise zu ihren digitalen Vorbildern passen. Ganz anders sieht die Sache in der Originalfassung aus, in der namhafte Schauspieler wie
Mickey Rourke,
Michelle Rodriguez und
Ving Rhames für die Sprachausgabe verantwortlich sind und den Darstellern einen sehr authentischen und coolen Touch geben. Um allseits im Bilde zu bleiben, kann man jederzeit Untertitel einschalten, die durch Kommentare wie „Telefon klingelt“ aber eher lächerlich wirken.
Sonst gibt sich
Driv3r jedoch keine Blöße und kann durch einen tollen Soundtrack und eine realistische Geräuschkulisse, die durch Raumklang in Pro Logic II sehr gut zur Geltung kommt, punkten.
Spielspaß Solo Die sehr abwechslungsreichen Missionen mit ihren unterschiedlichen Zielen, die große Auswahl an verschiedenen Fahrzeugen und die riesigen Städte lassen nie Langeweile aufkommen. Lediglich die zahlreichen Frustmomente und die schlechte Steuerung, wenn man zu Fuß unterwegs ist, können einem den Spielspaß zwischendurch ordentlich vermiesen.
Spielspaß Multi Im Spiel ist kein Multiplayer-Modus enthalten.