Durchwachsener Western-Cocktail mit großem Schuss Langeweile und fraglicher Technik.Das Genre der First-Person-Shooter ist auf der Xbox-Plattform mittlerweile breit gefächert und bietet aus fast allen Sektionen den passenden Vorzeigetitel. Sei es Bungies fulminantes Action-Spektakel
Halo, das zweifelsohne ein Synonym für packendes Shooter-Gaming ist, Ubisofts herrlich inszenierter Comicburner
XIII oder das mehr als gelungene
TimeSplitters 2 aus dem Hause Eidos. Die Entwickler von
Human Head haben wortwörtlich Lunte gerochen und entfernen sich mit ihrem neuestem Werk
Dead Man's Hand, das seit Ende April 2004 für Xbox erhältlich ist, von den Genre-typischen Sci-Fi-Hintergrundgeschichten.
Vielmehr dreht das Studio in Zusammenarbeit mit
Atari die Uhr zurück und versetzt den Spieler in die staubigen und gleichermaßen leergefegten Gefilde des längst vergangenen, aber sicher nicht vergessenen Wilden Westens. Doch nicht nur die Tatsache den größten Revolverhelden dieser Zeit zu verkörpern stand auf der Inhaltsliste, auch an eine durchdachte Story wurde gedacht. Von der eigenen Gang, den „The Nine“, schamlos und hinterhältig verraten, hat sich der Wüstenfuchs
El Tejón ewig Rache geschworen. Doch die ehemaligen Freunde schossen nicht etwa auf Büchsen oder Flaschen, die blutrünstige Gang machte selbst vor einem eigenen Gruppenmitglied nicht halt und so ermordete der Anführer kurzum einen seiner Männer auf brutalste Art und Weise. Der Spieler übernimmt die Rolle des aufgebrachten mexikanischen Protagonisten, der in der Vergangenheit schon so manch prägende Erfahrung mit patronenlastigen Schusswechseln in Saloons oder beim Überfallen von vielversprechenden Postkutschen sammeln konnte. Das Ziel, wie sollte es bei dieser Art von Vorgeschichte auch anders sein, liegt darin, von nun an für Recht und Ordnung zu sorgen und der barbarischen Brut ein für alle mal den Garaus zu machen.
Mexikanische B(l)eilagen Wie es sich für einen Titel dieser Gattung gehört, spielt sich
Dead Man's Hand zu jedem Zeitpunkt aus der Ego-Perspektive, egal ob der Spieler durch die langen Straßen der Westernortschaften stapft, durch weitläufige Waldlandschaften wildert oder gar auf einem Pferd reitend die zahlreichen Gegner per Flinte ins Nirwana befördert. Einzige Ausnahme sind die qualitativ minderwertigen Videosequenzen, die beim Leveleinstieg und vor dem Aufeinandertreffen mit dem jeweiligen Endboss den aktuellen Sachverhalt aus verschiedenen Kameraperspektiven zeigen. Doch bevor es im
Solo-Modus von Saloon zu Saloon gegen die einstigen Gruppenmitglieder geht, steht eine ausgiebige Partie
Territory-Poker an der Tagesordnung. Am Pokertisch werden Karten angesehen, getauscht und mit einem Quentchen Glück startet der eigene Spielheld mit mehr Munition oder Lebensenergie in den nachfolgenden Level. Zusammenfassend ist das ein auflockerndes Feature, das im übrigen eine deutlich günstigere Ausgangslage für den kommenden Level beschert. Daher spricht nichts gegen eine kleine erfolgreiche Kartenrunde - das Gewinnen sollte jedoch geübt sein.
Im eigentlichen Spielverlauf geht es zwar Egoshooter-typisch unzähligen Halunken und Streunern schussgewaltig an den Kragen, doch bereits nach den ersten Minuten fällt auf, dass die Entwickler eine große Portion
Arcade mit in den Wild-West-Cocktail gemischt haben. Denn bei
Dead Man’s Hand darf sich der ambitionierte Spieler ohne jeden Zweifel mehr auf seinen Instinkt als auf sein kluges Köpfchen verlassen. Die Hauptaufgabe besteht darin, der gegnerische Meute permanent und sich einem abschließenden Endgegner, in diesem Fall einem Mitglied der „The Nine“, am Levelende pflichtbewusst zu stellen. Das einfach gestrickte Spielprinzip erinnert dabei deutlich an den erst kürzlich erschienenen Fun-Shooter
Serious Sam: Next Encounter aus dem Hause
Take 2, das mit einem sehr ähnlichen Gameplay auf den Plattformen PS2 und Gamecube aufwartet.
Erfrischende Ideen leider Mangelware Die wenig überzeugende
gegnerische KI und ein
einstellbarer Schwierigkeitsgrad lassen sogar Genre-Neulinge die schusslastige Reise weitestgehend unbeschadet überstehen. Die abgeschossenen Bleikugeln des Protagonisten werden nämlich kurioserweise von den feindlichen Charakteren oftmals wie von Geisterhand magisch angezogen und lassen den eigenen „Texas-Jonny“ unbewusst jederzeit Herr über die Situation sein. Die groß angekündigten Schusskombinationen, die die Gesamtanzahl der Schüsse mit den vielfältigen Gegenständen und Gegnern in einer Schusskette darstellen, erweisen sich als wenig überzeugend und bereiten dem Spieler nur in den anfänglichen Phasen des Spielverlaufs etwas Spaß. Die Handlungsabläufe der gegnerischen Fraktion lassen ebenfalls viel Raum für einige Fragezeichen, so strotzen die seltsamen Bewegungsabläufe bzw. langweiligen Schusswechsel nur so vor
Einfallslosigkeit und mit motivierendem Ideenreichtum scheinen die Entwickler ebenfalls nicht gesegnet worden zu sein.
Waffenkunst und Levelkost Um das Vorankommen innerhalb der Abschnitte zu gewährleisten, steht so manch
brauchbare Waffe hilfreich zur Seite. Neben der Peacemaker, einer legendären aber nur bedingt nützliche Pistole oder der Huntley Thunder, einer zerstörerischen und gleichermaßen exzellenten Schusswaffe, kann unter anderem auch auf die rotierende Lewis Revolving Rifle und auf das Overland Express Gewehr zurückgegriffen werden. Alle Normalwaffen, an der Zahl sind es
neun Exemplare, unterscheiden sich deutlich in ihrer Durchschlagskraft und Feuerrate. Zur geschilderten Grundausstattung, die jedoch erst sukzessive freigespielt werden muss, gesellen sich noch drei weitere handliche Spezialgegenstände. Darunter befindet sich das nützliche Bowie-Messer, die hochexplosive Dynamitstange oder die berühmt berüchtigte Whiskeybombe, die den Spieler die heranstürmenden Gegner mit flächendeckenden Bränden vom Halse hält. Neben den Schussgeräten und Zusatzwaffen, die durchaus üppiger hätten ausfallen können, lässt sich auf der langen Reise reichlich Munition auffinden. Die oftmals sehr in Mitleidenschaft gezogene Gesundheit kann durch sogenannte Powerpakete, die ebenfalls überall verstreut sind, schnell regeneriert werden.
Die Stages präsentieren sich im kargen, verlassenen und staubigen Western-Look, beeinträchtigen durch den auffallend
linearen Charakter die eigene Entdeckungslust allerdings enorm. Nichtsdestotrotz lassen die summa summarum
20 fest strukturierten Areale durch die vielfältigen Locations akzeptable Western-Stimmung aufkommen und überzeugen beispielsweise mit weitläufigen Wäldern voller Fallen oder engen Straßen mit stellenweise erstaunlich gut inszenierten Aktivitäten. So versuchten die Entwickler dem Titel bewusst mehr Leben einzuhauchen und gestalteten die Levels bis zu einem gewissen Grad interaktiv. Dadurch lassen sich Fensterscheiben, Fässer, Büchsen oder Flaschen zu jedem Zeitpunkt mit bleihaltigen Ladungen versehen. Gespeichert wird nach jedem absolvierten Abschnitt automatisch. Da die Länge der meisten Levels eher kurz geraten ist, lässt sich die fehlende Möglichkeit der individuellen Speicherung jedoch problemlos verschmerzen.
Steuerung ein Musterbeispiel Nach vielen Schwächen im Gameplay spricht für
Dead Man’s Hand ohne jeden Zweifel die perfekt umgesetzte Spielsteuerung, die sofort wunderbar in Fleisch und Blut übergeht. Der Spielheld lässt sich ohne Umwege gekonnt steuern und wartet mit einer gänzlich typisch für Fun-Shooter einfach gehaltenen aber sehr wohl effektiven Spielsteuerung auf.
Die grundlegenden Steuerung im kurzen Überblick:
| Ministick links: | Bewegen / Menüs navigieren |
| Ministick rechts: | Ansicht steuern |
| Schalter rechts: | Primärfeuer |
| Schalter links: | Sekundärfeuer |
| B-Taste: | Benutzen |
| X-Taste: | Nachladen |
| A-Taste: | Springen |
| Ministick-Taste links: | Ducken |
| Weiße Taste: | Punktestand (Mehrspieler) |
| Schwarze Taste: | Waffen durchblättern |
| Start-Taste: | Pause / Einstellungen |
Mehrspieler-Modus als Rettungsanker? Groß und deutlich prahlt das Live-Zeichen auf der Vorderseite der Verpackung und verspricht in der Anleitung eine stilechte
„Verbindung ferner Städte und Orte“. Zwar können die vier zur Verfügung stehenden Mehrspieler-Modi (Deathmatch, Team Deathmatch, Kopfgeld und Truppe) nicht für den wünschenswerten Ausgleich sorgen, dennoch steigert die ein oder andere Headset-unterstützende Online-Partie, sofern man die nötigen Partner dazu findet, die Motivation etwas. Weshalb das Optionsmenü beim Anwählen der Menüpunkte jedoch unverständlicherweise ruckelt, scheinen möglicherweise nur die Entwickler selbst zu wissen. Neuer Nachschub bzw. ergänzende Inhalte sollen in Zukunft über Xbox Live folgen. Natürlich lassen sich alle Online-Modi auch mit mehreren Freunden über ein erstelltes LAN spielen. Obwohl der Live-Support besonders bei Online-Usern anfangs auf strahlende Gesichter trifft, kann
Ataris Produkt auch hier nicht ganz überzeugen.
Grafik Optisch gesehen gleicht der Wild-West-Shooter eher einem
zweischneidigen Schwert als einem rundum überzeugendem bzw. Xbox-würdigen Titel. Grund dafür sind die auffallend starken Ruckelpassagen, die phasenweise die Hardware dermaßen stark in die Knie zwingen, dass man am liebsten das Joypad empört in die Ecke pfeffern möchte. Eine Erklärung dafür gibt es erstaunlicherweise nicht, da sich sämtliche Textur- und Gegnergrafiken jederzeit auf nur mittelmäßigen bis abfälligem Niveau befinden. Die großartige Detailvielfalt, ansehnlichen Schattenwürfe und überzeugenden Lichteffekte zeigen jedoch, dass der Titel in einigen Belangen anständiges Potenzial besitzt. Trotzdem ist die grafische Darstellung im Gesamten definitiv
nicht up-to-date und versetzt sich durch die haarsträubenden Framerate-Einbrüche und die mäßigen Umgebungsgrafiken eindeutig selbst den endgültigen Todesstoß.
Sound Der akustische Part des Titels zeigt sich zusammenfassend auf
gutem Niveau. Zwar reißen die zahlreichen Soundeffekte und die rauchigen Sprachsamples des Hauptdarstellers den Spieler nicht unbedingt vom Hocker, der stimmungsvolle Mix aus feinen Musikstücken im Hintergrund trägt jedoch einen großen Teil zur fesselnden Atmosphäre bei und kann sich tatsächlich mit einer Höchstwertung brüsten. Der soundtechnische Bereich zeigt abermals, dass
Dead Man’s Hand durchaus das Zeug für einen überzeugenden Titel gehabt hätte.
Spielspaß Solo Obwohl sich das Spiel an einem durch die Bank einfach gestricktem Spielprinzip bedient, lässt das auffallend monotene Gameplay im späteren Verlauf
kaum nennenswerten Spielspaß zu.
Ballern was das Zeug hält, heißt hier die Devise und prickelnde Neuerungen werden innerhalb der Missionen vergeblich gesucht. Die fatalen Clipping-Fehler, die stark unausgereifte Gegner-KI und die langatmigen Ladepausen trüben den Gesamteindruck im Einzelspieler-Modus und selbst das groß angekündigte Schusskettensystem bewirkt irgendwann nur noch gähnende Münder. Die Liste der wenig erfreulichen Geischtspunkte komplettiert eine Waffenauswahl, die gehörig nach einer Verbesserung durch die integrierte Downloadfunktion schreit.
Spielspaß Multi Der Multiplayer-Bereich macht im Vergleich zum Solo-Modus eine
bessere Figur und kann mit zumindest auf den ersten Blick motivierenden und vielfältigen Spielmöglichgkeiten über Xbox Live und LAN aufwarten. Trotzdem folgt nach der anfänglichen Euphorie durch den vorhandenen Xbox Live-Support schnell Ernüchterung, denn die vier verschiedenen Spielmodi verlieren schon nach kurzer Zeit an Reiz und bis der Spieler eine geeignete Partie über Microsofts Onlinedienst gefunden hat, können mehrere frustige Stunden vergehen.