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Beyond Good & Evil  
» Autor: Stefan Lehmler
» Datum: 18.02.2004
» Gesamtwertung:
/5
5/5: Pflichtkauf
uneingeschränkte Empfehlung.
Wie wir bewerten
Wahnwitziger Genre-Mix mit liebenswerten Helden in einer kunterbunten Bilderbuchwelt.

Fiese, schleimige Aliens planen eine Invasion auf dem Planeten Hillys und entführen dessen Bewohner um sie für garstige Experimente zu missbrauchen. Nur eine Fotografin, ein in die Jahre gekommenes, technisch begabtes Schwein und ein trotteliger Widerstandskämpfer können dies verhindern! Zugegeben, die drei entsprechen nicht gerade dem Idealbild eines Heldentrios, doch die Erfinder der Rayman-Serie zeigen in ihrem neusten Werk Beyond Good & Evil, dass diese drei Recken weitaus witziger und sympathischer daher kommen als das typische Heroenallerlei. Wer bei bunten, abgedrehten Szenarien mit vielen Knuddelcharakteren nicht gleich an "Kindergarten" denkt, darf sich den wilden Genre-Mix keinesfalls entgehen lassen. Warum? Lest selbst, in unserem Review.

Angriff der Killeraliens
Alles fängt ganz friedlich an. Protagonistin Jade geht ihren morgendlichen Yogaübungen nach, Vöglein zwitschern und am malerischen Horizont lacht die Morgensonne zu sphärischen Klängen. Doch plötzlich schlägt die idyllische Stimmung in Panik um. Seltsame Wesen durchbrechen die Atmosphäre, regnen auf den friedlichen Planeten nieder und attackieren die wehrlosen Bewohner. Sekunden später ist Jade selbst von fiesen Aliens umgeben und der Spieler mitten in der Action. Wo andere Games eine mehr oder weniger lange Anlaufzeit brauchen, schöpft Beyond Good & Evil direkt aus dem Vollen. Zu dramatischer Musikuntermalung erwehrt sich die Heldin mittels geschickter Tastenkombinationen der außerirdischen Angreifer. Nebenbei werden in Textfeldern Informationen zur simplen Steuerung eingeblendet. Mit dem linken Analogstick wird die Protagonistin bewegt. Angriff, Gegenstand benutzen und Ausweichen belegen jeweils einen Button. Mit den Richtungstaste kann durchs Inventar geblättert werden. Durch längeren Druck auf den Angriffsbutton wird eine Superattacke ausgelöst.
Nachdem die Situation geklärt scheint geht es erst richtig los: Der Boden tut sich auf, noch mehr Aliens erscheinen und entführen Jades Freunde, während sie selbst von einem riesigen Monstrum in den Abgrund gezogen wird. Nach gerade einmal zwei Minuten Nettospielzeit erwartet den Spieler hier der erste Endgegner! Eine art Pflanzenmonster, bei dem Jades Ziehvater und Begleiter, ein gealtertes Schein(!) namens Pey?J, hilfreich zur Seite steht. Nachdem auch dieser fiese Gegner in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist, kehrt erst einmal etwas Ruhe ein und der Spieler erhält seine erste Belohnung: Eine Perle, die im weiteren Spielverlauf noch von großer Wichtigkeit sein wird.
Nach einem kurzen Gespräch mit Pey?J, geht es wieder zurück an die Oberfläche. Bei Dialogen hat der Spieler meistens eine Auswahl an verschiedenen Fragen, die er dem NPC stellen kann. Allerdings hat das keinerlei Auswirkungen auf den Spielablauf und läuft eigentlich immer darauf hinaus, das einfach alle zur Verfügung stehenden Fragen der Reihe nach abgeklappert werden. Ebenfalls negativ ins Gewicht fällt die Tatsache, dass viele Dialoge nur per Textfeld, nicht aber per Sprachausgabe wiedergegeben werden.

Tausche seltene Tierfotos gegen Credits
Um einen erneuten Angriff der außerirdischen DomZ vorzubeugen, besteht Jades erste Aufgabe darin, den Schutzschild für ihre Insel zu aktivieren. Da der hillyanischen Regierung Geld aber wichtiger zu sein scheint als die Sicherheit ihrer Bürger, werden 350 Credits benötigt um die Stromversorgung zu gewährleisten. Und wie verdient eine Fotografin am besten Geld? Richtig! Mit Fotos. Also schnappt sich Jade kurzerhand ihre Kamera und schießt für ein intergalaktisches Forschungsinstitut ein paar Bilder der hillyanischen Flora und Fauna. Als Entgeld gibt es eine Direktüberweisung aufs virtuelle Konto. Ist ein kompletter Film vollgeknipst, gibt es sogar eine Bonusperle als Belohnung. Es lohnt sich also, das gesamte Spiel über Fotos von allen neuen Pflanzen, Bewohnern, Tieren und Monstern zu schießen.
Mit den gesammelten Credits lassen sich nicht nur Aufträge abschließen, sondern auch nützliche Power-Ups per Kreditkarte an im ganzen Land verteilten Automaten kaufen. Neben großen und kleinen Lebensenergieauffrischern gibt es Herzcontainer, welche die maximale Lebensenergie genau wie in The Legend of Zelda: The Wind Waker dauerhaft erhöhen. Neben fleißigem Fotosammeln erhöhen getötete Gegner, versteckte Kristalle und abgeschlossene Jobs den Kontostand.

Rennen gefällig?
Nachdem der Schutzschild aktiviert wurde, kommt ein weiteres Hauptfeature des Spiels zum Vorschein: Das Hovercraft. Mit diesem kann der Spieler den Planeten Hillys bereisen und ein unheimliches Freiheitsgefühl macht sich breit. Obwohl der Spielablauf ziemlich linear abläuft, hat man stets das Gefühl, die Welt auf eigene Faust zu erkunden. Station Nummer eins ist die Mammago-Werft in der zunächst ein anständiger Motor für das in die Jahre gekommene Hovercraft ergattert werden muss. Hier kommen die Perlen ins Spiel. Diese dienen auf Hillys als eine Art zweite Währung. Power-Ups fürs Hovercraft können ausschließlich durch diese alternative Geldeinheit erworben werden. Während dem flotten Mobil anfangs selbst das Vorwärtskommen schwer fällt, mausert es sich im Spielverlauf zum schwer bewaffneten Kampfjet, für den sogar Gebiete jenseits der Atmosphäre keine Tabuzone darstellen.
Ähnlich wie bei Jades Lebensenergie kann auch die Lebensenergie des Hovercrafts ausgebaut und bei Schäden repariert werden. Darüber hinaus gibt es ein Boost-Power-Up, das dem Gefährt einen kurzzeitig Geschwindigkeitsbonus verleiht.
Damit der Spieler nicht sofort das gesamte Land bereisen kann, wurde Hillys einfach in kleinere Abschnitte unterteilt, von denen jeder nur mit bestimmten Ausbauten des Hovercrafts zu erreichen ist. Um zum Beispiel brummende Laserschranken zu überwinden benötigt Jade ein Sprungmodul. Beim Aufrüsten hat man allerdings keine Auswahlmöglichkeiten. Das Level- und Aufgabendesign ist so aufgebaut, dass man stets nur so viele Perlen zur Verfügung hat, wie man für die nächste Ausbaustufe braucht. So kann es nicht passieren, dass man ein Power-Up erwirbt, welches man erst später im Spielverlauf braucht und dadurch nicht mehr genug Perlen für das eigentlich benötigte zur Verfügung hat.
Ist das Hovercraft erst einmal in Stand gesetzt, gibt es allerhand zu entdecken: In der Hauptstadt des Planten gibt es verschiedene Händler, Bewohner und eine Kneipe mit einer sehr spaßigen Variante des Tischhockespiels. Zudem gibt es in der Stadt die Möglichkeit, an den ersten beiden Rennstrecken der Hovercraftmeisterschaft teilzunehmen. Diese schnellen Rennen sind nicht nur äußerst spaßig und adrenalinfördernd, sondern bringen beim Belegen des ersten Platzes eine Perle. In der Hauptstadt nimmt Jade im Verlauf des Spiels auch Kontakt zu einer Widerstandsbewegung auf.
Eine weitere interessante Location des idyllischen Planeten ist das Schlachthaus, in dem die Rennstrecken 3 und 4 anstehen. Auch hier gibt es wieder Perlen zu gewinnen. Leider sind dies auch schon die letzten beiden Strecken der enorm spaßigen Rennserie.
Neben der Teilnahme an der Meisterschaft lohnt sich außerdem das Erkunden abgelegener Höhlen, in denen Piraten in halsbrecherischen Hovercraftverfolgungsjagden gestellt und besonders seltene Tiere gefunden werden können.

Email für Dich
Neue Aufträge bekommt Jade meistens per Email gesendet. Die Aufträge sind allesamt sehr abwechslungsreich gestaltet. Mal muss sie leise vorgehen und sich in bester Metal Gear Solid-Manier an herumstehenden Wachen vorbeischleichen, ein anderes mal hilft nur der Kampfstab. In manchen Missionen hat der Spieler sogar die Wahl zwischen harter und zarter Tour. Aufgelockert werden die Missionen durch kleine Rätseleinlagen, in denen zum Beispiel Sicherungen richtig eingesetzt werden müssen um elektrische Gerätschaften in Betrieb zu nehmen. Während Jades Abenteuer finden sich auch allerlei praktische Ausrüstungsgegenstände. Das verbesserte Objektiv für die Kamera ermöglicht einen weiteren Zoom, was das Fotografieren besonders gefährlicher Zeitgenossen durch erhöhten Abstand immens vereinfacht. Der Gyrodisk-Handschuh verschießt kleine Energiescheiben, mit denen sich Gegner wirkungsvoll aus der Entfernung bekämpfen oder weit entfernte Schalter aktivieren lassen. Der praktische Perlendetektor zeigt die raren Zahlungsmittel auf der praktischen Minimap an, während der Tierdetektor neue potenzielle Schnappschüsse markiert.
Auch Jades Begleitung lernt einiges dazu. Schwein Pey?J beseitigt beispielsweise mittels Rohrzange Maschendrahtzäune oder kann mit Hilfe seiner metangasbetriebenen Düsenschuhe höher gelegenen Plateaus erreichen, wo er für Jade unerreichbare Schalter umlegt.
Geheimagent Double H rammt Hindernisse einfach mit seinem Stahlhelm und viel Manneskraft aus dem Weg. Zudem zerlegt er anrückende Gegner zuverlässig mit seinem Kampfhammer oder bietet Schutz mit Hilfe seines Schutzschildes.
Eine besonders spektakuläre Komboattacke lässt sich mit einem Druck auf den Partner-Button starten. Der Mitstreiter schlägt dann mit Schmackes auf den Boden, so dass alle Gegner in die Luft geschleudert um dann von Jade wie beim Baseball durch die Gegend geschlagen zu werden. Um das Zielen und Treffen zu vereinfachen, läuft die ganze Aktion in Zeitlupe ab.
Vereinzelt auftretende Hüpfpassagen meistert das Programm automatisch. Man muss Jade lediglich Richtung Abgrund bewegen und sie springt automatisch zum nächstgelegenen festen Untergrund. Sofortiges Ableben durch ?in-den-Abrund-Fallen? wird hierdurch vermieden. Schnelle Reaktionen sind dennoch gefragt. In gelegentlich auftretenden Geschicklichkeitspassagen muss Jade plötzlich auftauchenden Objekten ausweichen. Besonders spektakulär ist eine Szene, in der der Spieler vor wild ballernden Aliens über Häuserdächer flüchten und dabei dem Beschuss und verschiedenen Hindernissen ausweichen muss.
Ebenfalls genial: Gegen Ende des Spiels gibt es ein echtes Weltraumgefecht im zum Kampfjet aufgemotzten Hovercraft: Ein riesiges Sternenschiff muss bekämpft werden. Nahezu alle Missionen sollten keinen Spieler vor eine unlösbare Aufgabe stellen. Im Inventar sammeln sich immer mehr Heilmittel an und man weiß nicht mehr wohin mit all dem Zeug. Frustmomente gibt es keine.
Die Hintergrundgeschichte rund um eine geheimnisvolle Verschwörung und den Angriff der Aliens wird innerhalb der Missionen weitergesponnen.
Zwischendurch gibt es immer wieder tolle, in Spielgrafik inszenierte, Zwischensequenzen zu bestaunen, die durch rasante Schnitte und witzige Dialoge zu überzeugen wissen. Auch wenn die Story an sich keinen Preis gewinnen würde und das Ende reichlich aufgesetzt wirkt, bleibt die Spannung durch viele Wendungen und die rasante Erzählweise stets auf hohem Niveau.

Grafik
Grafisch bietet Beyond Good and Evil hohes Playstation 2 Niveau. Der abgedrehte Comicstil passt wunderbar zu den noch abgedrehteren Bewohnern und Invasoren des Bilderbuchplaneten Hillys. Vor allem der Detailreichtum der lebendigen Welt ist beeindruckend. Texturtechnisch wäre manchmal zwar etwas mehr drin gewesen, aber das fällt während des flotten Gameplays kaum auf. Auch gelegentliche Slowdowns, vor allem bei rasanten Hovercraftkämpfen, lassen sich verschmerzen. Ein optionaler 60 Hertz Modus wäre für Besitzer entsprechender Fernseher aber sicher wünschenswert gewesen.
Wirklich störend - besonders auf kleinen Fernsehern - sind zwei dicken schwarzen Balken am oberen und unteren Rand des Bildschirms. Dies sind nicht etwa PAL-Balken, die durch eine schlechte Lokalisierung zustande kamen, sondern von den Entwicklern extra eingebaute "Film-Balken". Eine definitive Fehlentscheidung. Das Spiel würde auch ohne diese Balken seine volle Wirkung entfalten.

Sound

Soundtechnisch dreht das Spiel voll auf. Filmreife Musikuntermalung unterstreichen perfekt fast jede Szene. Besonders der flotte Latino-Soundtrack bei den Hovercraftrennen geht tief in den Gehörgang und bringt den ganzen Körper zum mitwippen. Auch die (deutsche) Sprachausgabe ist mehr als gelungen. Professionelle Sprecher leihen den Figuren ihre Stimmen und versehen sie mit einer ganz persönlichen Note. Waffeneffekte, Explosionen und Motorgeräusche können sich ebenfalls hören lassen.

Spielspaß Solo
Eins vorweg: Wer absolut nichts mit comichaften Inszenierungen und kunterbunten, von Knuddelwesen bevölkerten Spielwelten anfangen kann sollte einen großen Bogen um Beyond Good and Evil machen. Alle anderen: Zugreifen! Vor allem beim aktuellen Schnäppchenpreis von gerade einmal knapp 30 Euro lohnt sich das Spiel allemal. Leider fällt die Spielzeit mit 8-12 Stunden sehr knapp aus. Erneutes Durchspielen lohnt sich mangels freischaltbarer Extras auch nicht wirklich. Lediglich alle im Spiel verstecken Tiere und Perlen zu finden dürfte Perfektionisten reizen.

Spielspaß Multi
Im Spiel ist kein Mehrspielermodus enthalten
Pro
Viele Genres in einem Spiel
Niedriger Preis (unter 30 Euro)
Abwechslungsreiches Gameplay
Liebevoll designte Spielwelt
Coole Charaktere
Genialer Soundtrack
Tolle Zwischensequenzen
Contra
Zu kurz
Undynamische Dialoge
Für Profis zu leicht
Nicht alle Gespräche mit Sprachausgabe
Kein Wiederspielwert
Vereinzelte Slowdowns
Fazit
Beyond Good and Evil ist ein kleines Meisterwerk geworden. Eine Spieleperle, die in keiner ernsthaften Spielesammlung fehlen sollte. Es fällt schwer den wilden Mix als ein festes Genre zu klassifizieren. Prinzipiell ist es ein Action-Adventure. Doch abseits der Adventurepfade gibt es Rennspieleinlagen, Schleichabschnitte, Shooterelemente und handfeste Weltraumaction. Alles verschmilzt zu einem runden Ganzen und wirkt kein bisschen aufgesetzt oder unpassend. Sehr schade ist jedoch, dass viele Einlagen nicht wirklich ausgeschöpft wurden. So sind die vier Rennstrecken viel zu schnell und leicht bewältigt. Auch der Weltraumabschnitt gegen Ende des Spiels hätte ohne großen programmiertechnischen Aufwand und ohne zu langweilen viel, viel länger ausfallen können. Die pfeilschnellen und extrem spaßigen Piratenverfolgungen sind auch viel zu schnell vorbei. Außerdem könnten sich Profis angesichts des insgesamt recht seichten Schwierigkeitsgrades leicht unterfordert fühlen.
Angesichts des tollen Gameplays, der gelungenen Inszenierung und der liebevoll gestalteten Spielwelt und Charaktere wirken die Mängel aber eher unscheinbar und so avanciert Beyond Good and Evil zu einem der besten Action-Adventure die es derzeit konsolenübergreifend auf dem Markt gibt.