Monumentales RPG mit enttäuschender Story und fehlendem Tiefgang.
Vom überkomplexen Epos zur WeltraumballereiAnno 1998 schuf Entwickler Bioware mit
Baldurs Gate den Anfang einer der besten und erfolgreichsten RPG-Sagas der Spielegeschichte. Doch
Baldurs Gate war mehr als nur das:
Das ISO-RPG, welches auf den D&D-Regeln basierte, war zugleich Retter eines ganzen Genres: Den klassischen West-RPGs. Mittlerweile sind viele Jahre ins Land gezogen. Eines hat sich jedoch nicht verändert: Bioware gilt immer noch als Experte für West-RPGs.
Allerdings haben sich die Spiele in eine für viele alteingesessene Fans enttäuschende Richtung entwickelt: Sie wurden von Mal zu Mal simpler. So verzichtete
Neverwinter Nights auf eine Party, bot allerdings immer noch das komplette D&D-Regelwerk.
Star Wars: Knights of the Old Republic hingegen schmiss etliche Regeln über Bord und stutze das einst komplexe Regelwerk auf die wichtigsten Daten, was dem Spieler in Punkte taktisches Vorgehen und Charakterentwicklung deutliche Grenzen aufzeichnete.
Jade Empire und
Mass Effect waren dann schlussendlich kaum mehr als Action-Adventures mit starkem RPG-Einschlag. Komplexität und taktisch anspruchsvolle Kämpfe suchte man in diesen Games vergebens.
08/15-FantasyMit
Dragon Age will man sich nun auf alte Tugenden zurückbesinnen. Statt sich wie gewohnt auf die D&D-Regeln und -Spielwelt zuverlassen stampften die Kanadier allerdings gleich
» Die Charaktere sind programmierbar. |
eine
komplett eigene Fantasy-Welt aus dem Boden. Auch wenn diese keinerlei Besonderheiten bietet und sich fast 1:1 an
Der Herr der Ringe und eben
Dungeons & Dragons bedient, ist es Bioware gelungen, mit Ferelden eine glaubhafte Welt zu krieren - samt komplexen Politik-Strukturen, verschiedenen Völkern, ihren Zwisten und etlichen interessanten Bewohnern, Legenden sowie Orten. Schade nur, dass man nicht etwas mehr Mut zur Eigenständigkeit hatte und sich zu sehr in
ausgelutschten Klischees suhlt, anstatt Ferelden von anderen 08/15-Fantasywelten abzuheben.
Die Ausgangsposition der Story ist dabei ebenso simpel wie bekannt: Die dunkle Brut, eine Dämonenhorde, bedroht die gesamte Bevölkerung von Ferelden gleichermaßen: Zwerge, Menschen und Elfen. Also suchen die sogenannten
Grauen Wächter - eine Art Eliteeinheit des Königs - nach neuen Rekruten, um sich der Gefahr entgegen zu stellen. Natürlich gehört der Spieler selbst nach einem umfangreichen Prolog zu diesen Auserwählten und zieht fortan gegen die dunklen Schergen in den Kampf. Da er nicht alleine gewinnen kann, muss er Vertreter aller Völker Fereldens um sich scharen, um eine Armee aus Zwergen, Elfen und Menschen aufzustellen ...
Charakter-Erstellung leicht gemachtWie es sich bei einem West-RPG gehört, steht vor allem natürlich die Charakter-Kreation. Als "spiritueller Nachfolger von Baldurs Gate" gibt sich
Dragon Age hierbei aber sehr spärlich. Gerade einmal
» Was führt Hexe Morrigan im Schilde? |
drei Rassen (Elf, Mensch, Zwerg) mit einer spärlichen Anzahl von sechs Berufen stehen zur Auswahl. Obendrein ist es nicht einmal jeder Rasse erlaubt jeden Beruf zu erlernen, was die Charaktergestaltung zusätzlich einschränkt.
Dementsprechend flott ist die Charaktererstellung auch durch: Schnell noch ein passendes Gesicht und Stimme gewählt, bestimmt ob man als Männlein oder Weiblein auf Dämonenjagd gehen will und einige Startattribute und Talente vergeben - fertig. Die Fertigkeiten der einzelnen Klassen sind dabei recht übersichtlich und reichen von Kampfskills und Zaubern über soziale Dinge wie Redegewandheit bis hin zu handwerklichen Fertigkeiten wie Kräuterkunde, Taschendiebstahl und dem Knacken von Schlössers. Im späteren Spielverlauf darf sich jeder Beruf nochmals in vier Subklassen weiterentwickeln, welche jeweils nochmal klassenspezifische Fähigkeiten mit sich bringen. Auch das klingt allerdings vielversprechender als es im Endeffekt ist.
Je nach gewählter Rasse und sozialer Schicht (Bürgerlicher oder Adeliger) durchschreitet man anschließend eine andere, rund ein bis zwei Stunden umfassende, Tutorial-Quest. Die vermittelt einem gekonnt die Grundlagen des Spiels und der Steuerung. Während man auf dem PC seine bis zu vier Mann starke Party vorzugsweise aus der Vogelperspektive durch die Lande kommandiert, spielt sich das Konsolen-Geschehen komplett aus der
Third-Person-Ansicht ab. Ähnlich wie in
Knights of the Old Republic werden bestimmten Skills Hotkeys zugewiesen, während jederzeit zwischen den vier aktiven Partymitgliedern umgeschaltet werden kann, um direkt deren Kontrolle zu übernehmen.
Programmierbare KämpferUm taktische Feinheiten für den Kampf besser abzustimmen bedient sich
Dragon Age eine System ähnlich dem Gambit-System in
Final Fantasy 12. So können Charakteren
» In einer Parallelwelt warten ebenfalls Monster. |
bis ins kleinste Detail programmiert werden, indem man ihnen einfache "Wenn ..., dann ..."-Abfragen im Taktikbildschirm zuweist. Die Kämpfe gegen die zahlreichen Gegnertypen selbst laufen schließlich in Echtzeit ab. Eine Pause-Funktion wie auf dem PC gibt es nicht, dafür wurde der Schwierigkeitsgrad aber erheblich entschärft. Der
Story-Verlauf ist nicht-linear. Haupt- wie Nebenquests können je nach Erreichbarkeit bestimmter Ortschaften dann erledigt werden, wenn man Lust dazu hat. Letzten Endes laufen alle Hauptstränge natürlich zusammen, so dass nur die Reihenfolge, nicht aber der Verlauf der gesamten Story vom Spieler bestimmt werden kann.
Die Spielwelt ist wie in allen Bioware-Rollenspielen in Abschnitte unterteilt. Das Reisen findet mittels einer Weltkarte statt, auf der Zufallsbegegnungen (zumeist Angriffe) stattfinden können. Eine
sehr detaillierte Karte hilft darüber hinaus stets den Überblick in sämtlichen Gebieten zu behalten. Abseits der zahlreichen Kämpfe gibt es Bioware-typisch natürlich etliche Dialoge zu führen. In diesen hat man weitreichende Antwortmöglichkeiten, welche den Ausgang von Quests und das eigene Verhältnis zu Partymitgliedern erheblich beeinflussen können. Mit letzteren sind übrigens wie in Mass Effect auch Beziehungen möglich. Ebenfalls praktisch: Auch wenn Party-Mitglieder nicht unter den aktiven vier Charakteren dabei sind erhalten sie Erfahrungspunkte. Regelmäßiges Austauschen der aktiven Streiter an bestimmten Orten wie beispielsweise dem Lager ist also kein Problem.
Epischer UmfangIm Gegensatz zu
Mass Effect handelt es sich bei
Dragon Age um ein wahrhaft umfangreiches RPG-Erlebnis. 50 Stunden sollte man mindestens einplanen, um die Storyline und Nebenquests
» Manchmal kommt es zu spektakulären Finishern. |
abzuschließen. Wer sich darüber hinaus mit den überaus reichhaltigen Hintergrundinfos, Büchern und Gedichten zur Spielwelt, den Charakteren und Monstern aufhält und umfangreiche Charakterdialoge mit Party-Mitgliedern hält, der ist deutlich länger beschäftigt. Der
Wiederspielwert aufgrund der unterschiedlichen spielbaren Charaktere, Prolog-Szenen und teils sehr weitreichenden Entscheidungen innerhalb von Quests ist darüber hinaus ebenfalls hoch.
Zu alledem wollen natürlich zahllose Schätze gesammelt werden: Waffen, Rüstungen, Runen und allerlei Zutaten für eigene Rezepte warten nur darauf gefunden und angewandt zu werden - die entsprechenden Fertigkeiten und Attribute natürlich vorausgesetzt. Sehr unschön sind allerding zwei Dinge: Zum Einen sind die
Nebenquests extrem lieblos ausgefallen und werden lediglich per Texttafeln übermitteln. Außerdem gehen sie selten über das typische "Töte X Gegner" oder "Hole Gegenstand A ab und bringe ihn zu B" hinaus. Ein weiteres Ärgernis ist der
penetrante Einbau von Downloadcontent. So passiert es schoneinmal, dass man von einem Charakter um Hilfe gebeten wird, anschließend aber zunächst echtes Geld zahlen soll, um die DLC-Quest überhaupt starten zu können - ein absoluter Atmosphäre-Killer.
Technisch okayDie technische Umsetzung von Biowares neuestem Werk ist solide ohne wirklich zu begeistern. Die Fantasy-Umgebungen sind detailreich und schön in Szene gesetzt, allerdings durch häufige Ladeunterbrechungen
» Vor allem die Effekte wissen zu gefallen. |
voneinander getrennt. Die Charaktermodelle wissen zu gefallen, allerdings hinkt die Mimik hinter Spielen wie Mass Effect oder Heavenly Sword deutlich hinterher. Zauber- und Bluteffekte hingegen sind schön anzusehen, während die schwächelnden Texturen und die nicht immer konstante Framerate das Gesamtbild trüben.
Akustisch ist dafür alles bestens:
Sowohl die deutsche wie die englische Synchronisation wissen zu gefallen, während die pompöse Musikuntermalung das Geschehen perfekt unterstreicht. Im Gegensatz zur PlayStation3-Version enthält die Xbox 360-Variante übrigens nur eine Tonspur. Wer auf englisch Spielen will, muss also zum Import greifen. Die Bedienung geht gut von der Hand, auch wenn es ein wenig Einarbeitungszeit benötigt sich an die ganzen Quick-Buttons und Ringmenüs zu gewöhnen.