Im vorhinein in den Himmel gelobt, gibt sich XIII im Endeffekt als ganz normaler Shooter ohne Starallüren.Stechende Kopfschmerzen, eine Pumpe knapp am Abkratzen und den Mund voller Blut und Sand. Was zum Geier ist hier passiert? Und wer bin ich?
Amnesie à la carte, bon appétit!Euer Alter Ego hat es wahrlich nicht leicht: Völlig benebelt auf einem menschenleeren Strand aufzuwachen hat nichts für sich, noch dazu kann sich der Ärmste an gar nichts erinnern. Ein Fall für die Nervenklinik oder noch besser… ein scharfes Baywatchgirl im extrafitten Mini-Badeanzug und Körbchengröße Doppel-D. Die holde Maid schnappt uns auch gleich und bringt uns auf die Station mit Meeresblick. Doch die Idylle hält nur kurz, der Mann ohne Namen malt sich gerade aus, wie er das scharfe Ding wohl rumkriegen mag, als sie auch schon mausetot am Boden liegt. Die Gewehrschüsse dürften doch wohl näher gewesen sein als vermutet.
Damnit, da ist wohl etwas schief gelaufen denkt ihr euch und schnappt euch den nächst besten Sessel…
Come on boys, make my day
From the scratchIn XIII seid ihr einmal kein Held mit glänzender Vergangenheit und Zukunft: Ihr werdet des Mordes am Präsidenten der USA beschuldigt und eindeutige Beweise liegen auch vor. Was also tun, wenn man sich an nichts erinnern kann und die einzigen zwei Dinge, die einem helfen könnten die eigene Identität festzustellen, ein Schlüssel für ein Bankschließfach und eine Tätowierung sind, die die römische Zahl 13 zeigt…
XIII?!? Richtig: Ballern, was das Zeug hält, erst schießen dann frag(g)en… denn XIII ist ja auch ein Ego-Shooter und kein Rollenspiel. In gewohnter und eingängiger Halo-Steuerung metzelt ihr euch also durch unzählige Levels, benutzt das eine oder andere Mal ein Gimmick/Tech-Tool und habt auch oft genug damit zu kämpfen, nicht gesehen werden zu dürfen. Sam Fisher’s Little Helper sozusagen. Das besondere an XIII ist vorweg einmal die gewöhnungsbedürftige aber geniale Cel-Shading-Optik, die dem Comic-Original zu einhundert Prozent gerecht wird: Markante Gesichter im typischen französisch/belgischen Zeichenstil, flüssige Animationen und zwei der besten Neuerungen, die die Shooter-Welt je gesehen hat: 1. Die *Krach*, *Whoooooosh*, *Klick* und *Tap* Einblendungen und 2. das Max Payne ähnliche Sniper-System. Schießt ihr nämlich einem Gegenüber mit einer der beiden Scharfschützenwaffen (Armbrust und Sniperrifle) ein drittes Auge, wird euch der Einschlag des Bolzens/des Projektils in drei kurz eingeblendeten Bildchen noch einmal genau vor Augen geführt. “Bild in Bild“, so soll es sein.
Wie das Leben so spielt…Vor euch liegen also zahllose Level und Aufgaben bis ihr schließlich eine der größten Videospiel-Verschwörungsgeschichten seit
Deus Ex aufdeckt. Hochrangige Militärs, zwielichtige Frauen und ein Held wider Willen sind die Quintessenzen des Spiels. Um die Story voranzutreiben, verlasst ihr außerdem von Zeit zu Zeit den „normalen“ Weg des Pistoleros und lauft in schwarz-weiß in euren eigenen Erinnerungsfetzen herum, die euch Aufschluss über euch selbst geben. Auslöser hierfür sind größtenteils bestimmte Sätze oder Redewendungen, die ihr im Laufe eines abgehörten Gesprächs vernehmt und die euch an bestimmte Ereignisse aus der Vergangenheit erinnern. So wird euch bald das ganze Ausmaß der Verschwörung bewusst.
OhrenschmausGut unterlegt wird die stimmungsvolle Atmosphäre zusätzlich von den markanten Synchronsprechern und der hervorragenden Musik. So konnte unter anderem der deutsche Schauspieler
Ben Becker für die Synchronisierung des Titelhelden gewonnen werden. Die tiefe Reibeisen-Raucherbein-Stimme passt ausgezeichnet zur introvertierten Hauptperson, auch wenn man sich manchmal wünschte, er würde ein bisschen mehr Elan in die Stimme mit einfließen lassen. Ganz so trocken und langweilig, wie einige Magazine anmerken, ist die Interpretation von Becker jedoch nicht, unterstreicht sie doch den Charme des Spiels ausgesprochen gut. Auch der Soundtrack weiß zu gefallen: Situationsabhängig werden entweder ruhige oder schnelle Stücke gespielt, gemeinsam ist ihnen jedoch der jazzige Flair einer 30er-Jahre Big Band. Thumbs up!
ProvisorienHabt ihr einmal keine Waffe zur Hand oder müsst ihr etwa eine gegnerische Basis ohne entdeckt zu werden infiltrieren, helfen euch viele kleine, breit in den Level verteilte Gimmicks, eure Gegner möglichst lautlos zur Strecke zu bringen. Sessel, Besen, Aschenbecher und Bierflaschen sind hervorragende Helferlein wenn es ums lautlose Ausschalten von Wachen geht. Auch die Armbrust oder eure Wurfmesser leisten in diesen (leider viel zu häufigen) Schleichpassagen gute Dienste. Habt ihr erst einmal einen Gegner K.O. geschlagen, müsst ihr natürlich zusehen den leblosen Körper gut zu verstecken. Also aufgeschultert und los geht’s ins nächste Kämmerlein. Auch vor klaffenden Abgründen macht XIII nicht halt: Die Seilwinde hilft euch locker über Vorsprünge hinweg, mit Vor- und Rückwärtsbewegungen schwingt ihr. Sollte es mit dem Landen einmal nicht so klappen, offenbart sich leider auch eine der größten Schwächen des Spiels: Das Speichersystem. Grundsätzlich dürft ihr zwar jederzeit und überall abspeichern, im Falle des Ablebens werdet ihr jedoch immer an den letzten Checkpoint zurück verfrachtet. Dies ist insbesondere in den Schleichlevel nervig, da hier oft 15-20 Minuten noch einmal gespielt werden dürfen, werdet ihr erschossen oder von den Wachen gesehen, heißt’s von neuem starten.
Große KaliberDoch auch ohne Besenstiele und Sessel gibt’s in XIII Waffen zuhauf: Vom kleinen Wurfmesser, 9mm, Uzi, M16, Shotgun bis zur M60 und Bazooka ist alles vertreten was das Herz eines Shooterfans begehrt. Sogar Stand-MGs dürft ihr einsetzen, wobei euch jedoch die Gegner gerade in diesen Abschnitten recht heftig zusetzen: Klammert ihr auch ans Ende eines solchen MGs dürft ihr locker mit 15-25 auftauchenden Gegnern rechnen, die definitiv keinen Spaß verstehen. Die ganzen großen Knarren helfen jedoch nichts, wenn etwa eine zu beschützende Person einfach wild drauf los rennt und sich mutig mitten ins Feindfeuer wirft… womit wir bei der zweiten großen Schwäche des Spiels wären: Die KI, welche ganz offensichtlich ihren programmiertechnischen Ursprung vor einigen Jährchen hatte. Gefinkelte Angriffszüge, Täuschmanöver, Hinterhalte und Rückzüge sieht man selten bis gar nicht, meistens läuft eine gegnerische Einheit wild ballernd auf euch zu, ohne sich anscheinend ernsthafte Gedanken über eure Feuerkraft zu machen. Ein paar Ausbildungsrunden
Rainbow Six hätte den feindlichen Soldaten sicherlich nicht geschadet, ebenso wie eine gehörige Portion Respekt vor Leuten mit Knarren.
Von A nach BEin weiterer negativer Punkt, der nicht unerwähnt bleiben darf ist das rigoros lineare Leveldesign. „Möglichst schnell von A nach B und ohne Umwege“ dürfte wohl das Motto der Entwickler gelautet haben. Spielerischen Freiraum lässt dieses System also missen. Die einzigen Rätsel des Spiels beschränken sich leider nur auf Schalter-finden-Tür-öffnen und ab und zu muss auch die Seilwinde für gewagte Sprung- und Klettermanöver eingesetzt werden, das war’s aber auch schon, mehr gibt’s nicht. Doch trotz Linearität und Rätselmangel sind die Level ansprechend gestaltet und mit einiger Liebe zum Detail versehen… in Umkleidekabinen könnt ihr unzählige Schränkchen und Türchen öffnen, Kleider hängen an der Wand, Schnee fällt vom Himmel und einige makabre Szenen gibt es auch zu bewundern (die meisten werden den Screenshot vom eingefrorenen und als Schneemann getarnten Bösewicht vielleicht kennen).
AllerleiAbseits des Spielgeschehens gibt es im Laufe des Spielefortschritts auch im Hauptmenü einige neue Dinge zu entdecken. So könnt ihr euch zum Beispiel die bisher erlebte Geschichte als Zeichentrickband anzeigen lassen (leider nur in extrem gekürzter Fassung), ihr dürft durch gefundene Unterlagen blättern und eure eigenen verschwörungstheoretischen Schlüsse ziehen. Auch eure Spezialfähigkeiten könnt ihr euch anzeigen lassen… so gibt es zum Beispiel den so genannten 6. Sinn, der euch, so ihr ruhig verharrt, die Schritte eurer Feinde in Form kleiner „Tap, Tap“-Schriftzeichen anzeigt und euch so Aufschluss darüber gibt wo euch die nächste Konfrontation erwartet.
MultiplayerAuch an diversen Multiplayereinstellungen wurde nicht gespart. So könnt ihr, zumindest auf der Xbox, das volle Programm fahren: Splitscreen, System Link und Xbox Live. Ersteres bietet euch den Multiplayercharme vergangener Tage (James Bond Goldeneye), während zweiteres schon größere Schlachten zulässt. Der Xbox Live Modus wirkt allerdings etwas aufgesetzt, was jedoch nicht heißen soll, dass wir die XBL-Implementierung nicht zu würdigen wissen (spielen tuts aber eigentlich niemand). Der große Vorteil des Shooters, übrigens auch im Splitscreen, ist die Möglichkeit, Bots ins Geschehen miteinzubinden. So steht auch einer Zwei-Spieler-CTF-Session nichts im Weg, da ihr bis zu 8 menschliche und/oder KI-gesteuerte Kämpfer pro Spiel anwählen könnt. An Spielmodi stehen euch Deathmatch, Team Deathmatch, Capture the Flag und Sabotage zur Auswahl. Während die ersten drei bekannt sein dürften handelt es sich bei
Sabotage um eine Mischung aus
Counter-Strike und
Team Fortress. Ihr wählt eine von vier Klassen (Jäger, Gepanzerter Soldat, Scharfschütze und Soldat), wählt eine Teamfarbe (die über Angreifer und Verteidiger entscheidet) und begebt euch aufs Schlachtfeld. Die Angreifer müssen nun versuchen 3 strategische Punkte in die Luft zu sprengen während Team 2 ebendies verhindern muss. Der große Unterschied zu Team Fortress besteht aber darin, dass ihr Waffen von getöteten Spielern aufnehmen könnt, ihr seid also nicht nur auf eure klassendefinierten Waffen beschränkt. Alle Spielmodi lassen jedoch die Einstellung eigener Waffensets vermissen, es werden immer alle Waffen zur Verfügung gestellt.
GrafikSieht klasse aus, keine Frage. Der gewöhnungsbedürftige Stil weiß zu gefallen und schon bald seid ihr gefangen in der kleinen (Erwachsenen-)Comicwelt. Die vielen Gags und Stilelemente der gedruckten Vorlage finden sich auch im Spiel wieder und ab und zu habt ihr sogar das Gefühl in einer
Batman-Serien-Verfilmung aus den 60ern mitzuspielen. Die vielen „Krach“, „Bang“ und „Klick“-Blasen drücken dem Spiel ganz gehörig ihren Stempel auf.
SoundEbenfalls sehr gut, sowohl was die Musikauswahl anbelangt, als auch die Soundeffekte. Ganz besonders stimmungsvoll sind die vielen Jazz-Nummern im XIII-Soundtrack, die eine gepflegte Atmosphäre schaffen und situationsbedingt mal in schnellere, mal in ruhigere Tracks umschwenken. Auch die Synchronisierung ist state-of-the-art.
Spielspaß SoloXIII ist ein guter Shooter ohne große Macken aber auch ohne besondere Höhen. Das Spiel ist von fortgeschrittenen Spielern außerdem viel zu schnell durchgezockt und bietet leider keinerlei Langzeitmotivation, wie etwa Genrekollege
TimeSplitters 2, das durch viele freispielbare Gimmicks, Figuren und Extras das „lasting appeal“ in ungeahnte Höhen treibt. Dennoch bietet das Spiel Unterhaltung für einige Stunden, die sich insbesondere von der durchgehend guten und durchtriebenen Story nährt, Verschwörungstheorien in Videospielen sind sowieso immer eine Klasse für sich. Ganze besonders gut gefallen haben mir auch die Flashbacks, in denen ihr euch frei bewegen könnt und die ein wenig
Max Payne Flair verbreiten.
Spielspaß MultiXIII ist primär ein Singleplayer-Spiel, daran ändern auch die zahlreichen Multiplayereinstellungen und die XBL-Anbindung nichts. Irgendwie fehlt der letzte Schliff um aus dem Spiel ein zweites TimeSplitters, Goldeneye, Halo oder RTCW zu machen. Insbesondere die fehlende Möglichkeit eigene Waffensets festzulegen und das generell etwas träge Spielgefühl bei Multiplayerschlachten können die fehlende Langzeitmotivation des Singleplayermodus keinesfalls aufwiegen. Wer also zu mehrt ballern möchte, dem seien diverse andere Spiele ans Herz gelegt.