Rundenbasiertes Taktik-Rollenspiel mit monumentalem Umfang und massig spielerischem Tiefgang – ein echter Überraschungshit – allerdings mit einigen kleinen Präsentationsschwächen.Wie oft haben wir das schon erlebt – ein noch Monate, wenn nicht gar Jahre auf sich wartender Titel wird im Vorfeld dermaßen in den Himmel gelobt, dass kein Zweifel mehr an der gottgleichen Qualität der voreilig aufs Podest gehobenen Softwarekreation besteht: Erwartungsvolle Spieler saugen jeden Informationstropfen heißhungrig auf, Spiele-Redakteure verbringen Nächte um Nächte mit Recherchen und Artikeln und die Marketing-Strategen der großen Publisher investieren Unsummen in Werbung und Kampagnen. Und schließlich ist er da, der Tag auf den alle gewartet haben: RELEASE-DAY!!!! – und dann? Oftmals breite Ernüchterung und massig Enttäuschung unter den Spielern, sowie entschuldigende Berichte der Spiele-Redakteure („Ähh – in der Testversion sah das alles noch gaaaanz anders aus, ehrlich!“).
Gladius ist eines der wenigen, erfrischend anderen Beispiele - um nicht zu sagen das genaue Gegenteil: Ohne großen Rummel und ohne übertriebene Erwartungen zu wecken, schlich sich ein echter Überraschungshit in die Händlerregale. Warum dem so ist und ob ihr der richtige Spielertyp seid, um Gladius in vollen Zügen genießen zu können, das erfahrt ihr natürlich in unserem Masterreview zu LucasArts monumentalem Taktik-RPG.
Gladius? Ist doch Latein, oder? – spielt also sicher im alten Rom... „Gladius“ – so nannten die alten Römer das bei Legionären und Gladiatoren gleichermaßen beliebte Kurzschwert für alle Lebenslagen des kämpfenden Recken. Obwohl namensgebend für den hier unter die Lupe genommenen Titel, ist die Spielwelt von Gladius keineswegs eine simple Kopie der altrömischen Geschichte. Vielmehr verwebt Lucasarts die Mythologien des antiken Roms und der alten Helenen mit nordischen und keltischen Sagen zu einem fiktiven, aber dennoch irgendwie vertraut wirkenden Fantasy-Cocktail, der durchaus zu gefallen weiß. So spielt die Geschichte von Gladius vor dem Hintergrund der beiden Reiche Nordagh und Imperia. Während Nordagh eindeutig das Spiegelbild der germanisch/keltischen Vergangenheit darstellt – und dementsprechend überwiegend mit stolzen, fellummantelten Barbarenkriegern bevölkert ist, bietet Imperia ein Abbild des alten Roms mit schimmernden Rüstungen, großen Arenen und ruhmeshungrigen Legionären. Zwischen beiden Reichen tobte vor langer Zeit ein verhängnisvoller Krieg, der zwar heute beinahe in Vergessenheit geraten ist, aber noch immer für Reibereien und gegenseitiges Mißtrauen zwischen beiden Völkern sorgt. Zur Beruhigung der Gemüter hatten die Herrscher einen genialen Geistesblitz – sie ließen die alte Tradition der Gladiatorenkämpfe wieder aufleben und fortan konnten hitzige Gemüter ihre Reibereien ganz geordnet in der Arena statt auf dem tödlichen Schlachtfeld austragen. Vor diesem Hintergrund entscheidet ihr euch eingangs für einen von zwei Hauptcharakteren, mit dem ihr fortan das Spiel bestreitet. Entweder ihr wählt die neckische Ursula, Tochter des Königs von Nordagh, oder ihr entscheidet euch lieber für den heldenmütigen Valens, Sohn und Erbe einer einstmals stolzen Gladiatorenschule aus Imperia. Je nach gewähltem Charakter folgt ihr einer eigenständigen Story-Line, wobei euer Hauptziel in beiden Fällen der Aufbau einer viele Krieger umfassenden Gladiatoren-Crew ist.
Gladius – Ein kurzer Reiseführer für Neuankömmlinge.... Die Spielwelt von Gladius zu beschreiben stellt sich als gar nicht so einfach dar. Am besten ihr folgt mir einfach durch meinen kleinen Rundgang, der uns von den großen Reichen und Gebieten von Gladius bis zu den einzelnen Arenen und Kämpfen führen wird, damit ihr euch einen Überblick über die vor euch liegenden Aufgaben machen könnt:
Die vier Gebiete
Die Welt von Gladius ist in vier abgeschlossene Gebiete aufgeteilt: Nordagh – das Reich der Barbaren, Imperia – die Heimat der römisch inspirierten Kämpfer, die nördlichen Steppen – eine unwirtliche Graslandschaft und das Südviertel – ein lebensfeindliches Wüstengebiet. Jedes dieser Gebiete könnt ihr erst verlassen und in das nächste vorrücken, wenn ihr die jeweilige Meisterschaft (dazu später mehr) des Gebietes gewonnen habt. Innerhalb eines Gebietes bewegt ihr euch zumeist auf der übersichtlichen Gebietskarte vorwärts:
Die Gebietskarte
In fixer und relativ weit entfernter Kameraposition dirigiert ihr euren Hauptcharakter über Wege, durch Wälder und Steppen um so die verschiedenen Städte und Ansiedlungen zu erreichen. Neben den sporadisch eingestreuten Zufallsbegegnungen und einigen Händlern sowie wortkargen Nicht-Spielercharakter ist dies aber auch der einzige Zweck der Gebietskarte, die zudem nicht gerade sehr groß ausgefallen ist. Insgesamt wäre bei diesem Gameplay-Teil wohl mehr in Punkto Präsentation und Spieltiefe herauszuholen gewesen. Da es sich dabei im wesentlichen nur um eine Möglichkeit handelt, andere Städte aufzusuchen, bleibt dies aber für das eigentliche Gameplay verschmerzbar.
Die Städte und Ansiedlungen
Sobald ihr auf der Gebietskarte in die Nähe einer Stadt oder einer Ansiedlung kommt, könnt ihr diese betreten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Städte von Gladius bestehen im wesentlichen nur aus einzelnen Menüs um die verschiedenen Dienste (z.B. Händler, Rekrutierung) in Anspruch zu nehmen, bzw. die lokale Arena für verschiedene Kämpfe aufzusuchen. Eine wie auch immer als „begehbar“ zu bezeichnende Innenwelt der Städte wird euch nicht geboten. Auch hier bleibt eingangs schon anzumerken, dass eine schickere Präsentation und eine eigene Stadt-Innenwelt durchaus kein Fehler gewesen wären, auch wenn die Menuführung in den Städten sehr übersichtlich und intuitiv bedienbar ist.
Die Arenen
Jede Ansiedelung in der Welt von Gladius besitzt ihre eigene, ganz charakteristische Arena, in welcher die unterschiedlichen Kämpfe ausgetragen werden. Auch hier begrüßt euch eingangs ein übersichtliches Menü-Gamplay. Bevor ihr euch auf dem schicken, in vollständigem 3D umgesetzten Kampfplatz beweisen dürft, gilt es zuerst den Kampf eurer Wahl auszusuchen. So sind die Kämpfe in Ligen zusammengefaßt, wobei ihr, um in einer Liga überhaupt antreten zu können, oft bestimmte Voraussetzungen erfüllen müßt, wie beispielsweise bereits gewonnene andere Ligen oder eine bestimmte Publikumspopularität. Die eigentlichen Kämpfe dürft ihr zumeist in beliebiger Reihenfolge absolvieren, wobei für jeden gewonnen Kampf Ligapunkte vergeben werden. Sobald ihr eine gewisse Anzahl dieser Punkte errungen habt, ist die Liga als ganzes gewonnen und ihr könnt ordentliche Geld- und Sachpreise (Rüstungen, Waffen, Items) einheimsen. Sobald ihr genügend lokale Ligen einer Ansiedlung gewonnen habt, dürft ihr auch im Rahmen des ortsansässigen Turniers antreten. Auch hier gilt es eine Reihe von Kämpfen zu absolvieren, um somit zu beweisen, dass ihr den besten Gladiatoren dieser Stadt gewachsen seid. Schlussendlich findet in der größten Ansiedlung jedes Gebietes die lokale Meisterschaft statt, zu der ihr erst nach Absolvieren aller Turniere antreten dürft. Nach dem Gewinn einer Meisterschaft könnt ihr (müsst aber nicht) das aktuelle Gebiet verlassen und in die nächste Region weiterziehen.
Die Kämpfe
Die einzelnen Kämpfe sind durchwegs sehr abwechslungsreich gestaltet und stellen euch vor sehr unterschiedliche Herausforderungen: Im „Standard-Kampf“ gilt es alle Gegner taktisch klug aus dem Rennen (bzw. der Arena) zu tilgen – wer zuletzt noch zumindest einen Recken auf dem Schlachtfeld stehen hat gewinnt. In den „King-of-the-Hill“ Kämpfen dagegen ist es euer Ziel innerhalb eines gewissen Zeitlimits eine erhobene Position länger als eure Konkurrenten zu halten, während es bei dem Kampftyp „Schaden zufügen“ mit unverwundbaren Kämpfern nur darum geht, dem Gegner möglichst viele Treffer zuzufügen. Für Abwechslung sorgen weitere Aufgabenstellungen, wie das Zerdeppern möglichst vieler Fässer, oder verschiedene Spezialaufgaben, wie das Eliminieren des gegnerischen Anführers. Besonders gefinkelt präsentieren sich die sog. „Ausdauer-Kämpfe“, bei denen ihr eine Serie von Kämpfen unmittelbar hintereinander bestreiten müßt, während Wellen von frischen Gegner auf euch einstürmen. Alles in allem bietet Gladius bereits bei diesen grundlegenden Kampftypen eine Menge Abwechslung und bei weitem mehr als das genreübliche „Haudrauf-bis-zum-letzten-Mann“. Übrigens braucht ihr euch bei den „offiziellen“ Kämpfen in den Arenen nicht um gefallene Kameraden sorgen, da diese unmittelbar nach dem Kampf medizinisch versorgt werden und für den nächsten Einsatz wieder putzmunter auf der Matte stehen. Bei Begegnungen in der freien Wildbahn geht es aber schon des öfteren um Leben und Tod...
Gladius – Eine kleine Einführung in die Kunst des Arena-Kampfes.... Das Herzstück von Gladius stellen natürlich die rundenbasierten Scharmützel dar, die zumeist in einer der ca. 20 sehr unterschiedlich ausgefallenen Arenen – aber auch mal in freier Natur ausgetragen werden. Dementsprechend wollen wir allen Aspekten dieses zentralen Spiel-Elementes in diesem Kapitel die gebührende Aufmerksamkeit widmen.
Vorbereitung ist das halbe Leben
Bevor ihr euch in einen der obig beschriebenen Kämpfe stürzt, ist taktische Vorplanung ein absolutes Muss. Ihr könnt vor einem Kampf alle Gegner inkl. deren Attribute, Klassen und Stufen einsehen, und die jeweils am besten geeigneten Mitglieder euer Gladiatorenschule für diesen Kampf auswählen. Dies will wohl überlegt sein, da je nach Mix der Kontrahenten bereits zu diesem Zeitpunkt eine grundlegende Strategie des folgenden Kampfes in euren Köpfen Gestalt annehmen sollte. So kann es sinnvoll sein, eine Gruppe von schwerfälligen Gegner mit Bogenschützen aus der Ferne zu beharken um ihnen dann mit einigen starken Nahkämpfern den Rest zu geben, während vorwiegend wendige und schnelle Gegner eine völlig andere Strategie erfordern. Zudem gilt es meist kampfspezifische Einschränkungen zu beachten: So dürfen in manchen Kämpfen nur männliche oder nur weibliche Krieger antreten, oder es sind spezielle Klassen ausgeschlossen.
Neben der optimalen Zusammenstellung des Kampfteams ist auch die Startaufstellung oft von entscheidender Bedeutung. Auf einer 2D-Übersichtskarte könnt ihr die Arena und die Startpositionen der Gegner einsehen und die eigenen Kämpfer entsprechend klug plazieren und deren Start-Blickrichtung auswählen. In Summe sehr übersichtlich gelöst, auch wenn die Höhe des jeweiligen Startpunktes leider nicht ersichtlich ist. Dies ist besonders deshalb störend, da sich Höhenunterschiede (z.B. Angriffe von oben) sehr stark auf die Stärke und Trefferwahrscheinlichkeit auswirken und ihr aufgrund der fehlenden Anzeige in der Aufstellungskarte schon mal mitten in einer taktisch sehr ungünstigen Grube landet.
Zug um Zug – Schlag um Schlag
Genretypisch wird abwechselnd gezogen, wobei eine in der Ebene frei drehbare Kamera, sowie eine lobenswerte Hitpoint-Anzeige aller Charaktere (auch der Gegner) sowohl Überblick als auch taktische Planung der nächsten Schritte gezielt unterstützen. Euch steht eine breite Palette an Spezialfertigkeiten, Combos, magischen Attacken, Stärkungsskills und ähnliches zur Verfügung, die ihr in einem intuitiven Menu auswählt. Natürlich sind die verfügbaren Fertigkeiten abhängig vom Charakter und dessen bisheriger Entwicklung. Sobald ihr eine Fertigkeit ausgewählt habt, dürft ihr mittels linkem Stick entweder den Gegner anvisieren (bei Angriffsskillls) aber auch euren Charakter in der Arena zu einer anderen Position dirigieren. Die Auswahl der unterschiedlichen Fertigkeiten ist dabei mehr als beeindruckend: Unzählige Angriffsvarianten, wie Kettenangriffe, Mehrfelderangriffe, verschiedene Fernangriffe und besonders effektive Powerschläge (mein persönlicher Favorit ist der im Namen schon alles sagende „Überkopfspalter“ ) reihen sich nahtlos in Reihen von Spezialattacken zur Schwächung des Gegners (Beinattacken, Schildspalter, Betäuben, etc.). Gruppenfertigkeiten (z.B. alle Teammitglieder motivieren, Gruppenangriffe) sind ebenso zu finden wie magische Talente, Heilungs- und Attributverbesserungstalente und passive Kampffertigkeiten (z.B. Ausweichen, Gegenangriff bei gescheitertem Angriff des Gegners, etc.). Als äußerst praktisch für Fernkämpfer hat sich zudem die Fertigkeit „Gebiet decken“ erwiesen. Ihr legt ein gewisses Areal fest, das der Kämpfer decken soll. Jeder Gegner, welcher im nächsten Zug innerhalb dieses Gebietes vorrückt, wird daraufhin aus der Ferne automatisch beharkt. Auf diese Weise lassen sich anstürmende Gegnerhorden bereits zu handlichen Mengen reduzieren, bevor eure gestählten Nahkämpfer eingreifen. Wie ihr seht, bietet bereits die Auswahl des jeweiligen Talentes und die Kombination verschiedener Kämpfer eine Unmenge an taktischen Möglichkeiten. Zu bedenken ist allerdings, dass der Einsatz von Fertigkeiten meist Aktionspunkte verbraucht, wobei machtvollere Attacken und Skills entsprechend mehr dieser begehrten Arena-Währung verbrauchen, während pro Runde nur ein Punkt regeneriert wird. Die taktisch kluge Vorausplanung bzw. das Aufsparen von Punkten für den wirklich vernichtenden Finalschlag will daher wohl überlegt sein.
Auf Wunsch mit einer Brise Geschicklichkeit
Sobald ihr eure Aktion mittels A-Taste bestätigt habt, wird diese ausgeführt, wobei nur die Standard-Attacken selbstständig ablaufen. Bei den meisten Combos und Spezialattacken folgt ein kleines Geschicklichkeitsspiel, bei dem es in verschiedenen Varianten gilt, möglichst schnell und genau bestimmte Buttons in der richtigen Reihenfolge zu drücken oder – der Vergleich sei mir verziehen – ähnlich wie in vielen Golfspielen eine schnell laufende Markierung innerhalb eines bestimmten Bereiches mittels Tastendruck zu stoppen. So einfach und wenig aufregend sich dies nun auch anhören mag, nach ein wenig Einspielzeit machen diese Minigames durchaus Laune und sorgen für mehr Interaktion zwischen Spieler und Spiel, auch wenn einige Taktik-Puristen ob dieses Action-Elementes vielleicht die Nase rümpfen werden. Je akkurater ihr diese Einlagen meistert, desto mehr Schaden richtet der Angriff an. Es lohnt sich also durchaus diese kleinen Minigames sorgfältig zu üben, um in den Arenen bestehen zu können. Wer dieser Minigames müde wird, oder ein Taktik-RPG lieber ohne Action-Einlagen spielen will, der kann diese jederzeit im Optionsmenu ausschalten.
Nutze deine Umgebung und deine Position!
Bereits ab der Startaufstellung machen sich Umgebungsvorteile bemerkbar: Angriffe von erhöhter Position sind weitaus wirkungsvoller, als wenn ihr Gegner aus Gruben heraus angreifen müßt. Ebenso sind Angriffe von der Seite oder gar von hinten – insbesondere wenn euer Gegner in dieser Runde gerade mit Verteidigung eines anderen Angriffes beschäftigt ist – sehr viel durchschlagskräftiger als Frontalattacken. Zudem sind diese Positionsvorteile auch noch sehr gut mit den Charakterklassen und Fertigkeiten integriert: So können beispielsweise Banditen eine spezielle Fertigkeit „Angriff von hinten“ erlernen, welche den Schaden bei derart heimtückischen Attacken nochmals verdoppelt. Auch in diesem Bereich offenbart Gladius eine unglaubliche Anzahl an taktischen Möglichkeiten, die für abwechslungsreiche und tiefgängige Kämpfe sorgen.
Gewinne das Publikum für dich!
Für besonders effektiv ausgeführte Attacken und Spezialmoves aber auch für spezielle „Beeindrucken - Fertigkeiten“ (z.B. Gegner verhöhnen, pfeifende Pfeile für das Publikum abpfeffern, etc.) werden eurer Gruppe Zähler in der Publikumsgunst gutgeschrieben. Sobald diese eine gewisse Marke überschreiten, wird dem ganzen Team ein besonderer Bonus im Kampf zuteil, wie zum Beispiel verbesserte Initiative oder mehr Schaden. Dadurch kommt eine gewisse selbstverstärkende Komponente ins Spiel, da das Team auf der Gewinnerstrasse dadurch nochmals einen Bonus erhält, was aber durchaus im Sinne der Entwickler zu sein scheint: Vom Publikum angefeuert zu werden, lässt eure Recken über sich hinauswachsen und noch besser agieren. Weiters offenbart die Publikumsgunst einen amüsanten Einblick in die ansonsten durchwegs clever agierende Gegner-KI: So kann es des öfteren vorkommen, dass ein oder zwei hoffnungslos auf verlorenem Posten stehende gegnerische Bogenschützen ohne Chance auf einen Gewinn des Kampfes verzweifelt einen „pfeifenden Pfeil“ nach dem anderen in den Himmel jagen um die Gunst des Publikums wieder zu gewinnen und dabei gänzlich auf den eigentlichen Kampf vergessen (während eure gepanzerten Gladiatoren beginnen aufzuräumen). Beinahe bemitleidenswert, die armen Gesellen....
Bringe die Götter auf deine Seite!
Auch Magie kommt bei Gladius nicht zu kurz und wird im Spiel als „Verbundenheit“ bezeichnet, da Magie immer mit der Macht einer der Gottheiten verbunden ist. So könnt ihr durch entsprechende Wahl spezieller Verbundenheitswaffen, -items und –rüstungen euren Kämpfer einer speziellen Gottheit (Erde, Feuer, Wasser, Luft) widmen. Für jeden Treffer erhaltet ihr spezielle Verbundenheitspunkte, die hernach für besonders wirkungsvolle göttlich unterstützte Angriffe verwendet werden können. Neben dieser Art der Magie gibt es aber spezielle magische Klassen (Priester, Schamanen, Beschwörer, Hexen), die über eigene Fertigkeiten zur Gewinnung von Verbundenheitspunkten verfügen – was meist durch den Raub dieser Punkte von anderen Kämpfern bewerkstelligt wird. Selbstredend verfügen diese magische Klassen auch über ein jeweils eigenes Repertoire an magischen Skills von Elementarangriffen über Heilungszauber bis hin zur Beschwörung von Kreaturen.
Gladius – Eine Einführung in das Gladiatoren-Management Der Aufbau eurer Gladiatorenschule ist neben den eigentlichen Kämpfen wohl der zweite Pfeiler des gelungen Gesamt-Gameplays und wartet mit umfangreichen Möglichkeiten auf. Ungeduldige Naturen seien aber gleich eingangs gewarnt: In Gladius werdet ihr wohl die umfangreichste und abwechslungsreichste Rollenspiel-Party eurer Zocker-Karriere aufbauen und managen müssen. Bis zu 20 Kämpfer wollen sowohl in Bezug auf ihre Ausbildung (Levelaufstieg) als auch in Hinblick auf ihre umfangreiche Ausrüstung und sogar in modischen Fragen beraten werden – ein zeitintensives Unterfangen, das gut und gerne ein Viertel der Gesamtspielzeit in Anspruch nimmt, dafür aber mit viel spielerischem Tiefgang und enormer RPG-Motivation entschädigt.
Von Klassen und deren Beziehungen...
In Gladius werdet ihr auf ca. 20 spielbare Charakterklassen treffen, die in drei Hauptgruppen und drei Nebengruppen eingeteilt sind. Die Hauptgruppen umfassen die Bereiche „Schwere Kämpfer“ (richtige Haudrauf-Typen wie beispielsweise Oger, Zenturios, Samniten und Zyklopen), „mittlere Kämpfer“ (Allrounder wie Barbaren, Legionäre und Helden) sowie „leichte Kämpfer“ (schnelle, aber verwundbare Typen wie Banditen, Sekutoren und Derwische). Bereits an dieser beispielhaften Auswahl wird ersichtlich, dass Gladius die Wege herkömmlicher Charakterklassen ein gutes Stück hinter sich lässt, und sinnvoll mit dem Background-Setting abgestimmte Typen bietet. Der Clou an den drei Hauptklassen besteht dabei in ihren gegenseitigen Vor/Nachteilbeziehungen nach dem Stein-Schere-Papier Prinzip: Schwere Kämpfer besitzen Vorteile über mittlere Kampfklassen, mittlere Kämpfer besiegen leichte Kampfklassen eher und leichte Kämpfer schlußendlich tänzeln gewandt um die schwerfälligen Typen herum und treffen diese leichter. Natürlich sind dies keine absoluten Vorteile und immer in Zusammenhang mit Positionsvorteilen, Publikumsgunst, Spezialfertigkeiten und allen anderen taktischen Faktoren des Kampfes zu sehen.
Zur Abrundung des Klassenprogramms bietet Gladius zudem die drei Nebengruppen „Unterstützung“ (Fernkämpfer wie Bogenschützen und Speerträger), „Arkanisch“ (magische Klassen wie Priester, Hexen, Beschwörer und Schamanen), sowie einen reichen Fundus an Bestien aller Tierstämme (Bären, Wölfe, Tiger, Rieseninsekten, etc.), die weitere unzählige taktische Möglichkeiten in das Gameplay einbringen.
Stufe um Stufe – Bis zur Perfektion!
Was wäre ein RPG ohne Erfahrungspunkte? Richtig: Kein RPG! So werden auch in Gladius für absolvierte Kämpfe Erfahrungspunkte auf dem Konto eines jeden Gladiators gutgeschrieben, wobei die in einem Kampf nicht teilnehmenden Krieger (wahrscheinlich durch „learning by watching“) ebenfalls mit einigen dieser ersehnten Zählern belohnt werden – durchaus keine schlechte Idee, da somit auch weniger oft eingesetzte Gladiatoren nicht auf der Strecke bleiben und in späteren Kämpfen noch mithalten können. Sobald die nächste Levelgrenze erreicht ist, dürft ihr erhaltene Fertigkeitspunkte in neue Spezialmanöver investieren oder diese auch für später aufsparen um einige der mächtigen Moves zu erlernen. Die Auswahl der pro Charakterklasse verfügbaren Spezialtalente ist dabei mehr als beeindruckend. Um die 30-40 unterschiedliche Talente sind pro Klasse (!!) verfügbar – Da fällt die Wahl nicht leicht und will gut überlegt sein, da im Zuge des Spieles nicht alle Talente erkauft werden können und Spezialisierung meist effektiver ist als einen mittelmäßigen Alles-Nur-Halb-Könner zu kreieren.
Neben den Talenten kann das RPG-System von Gladius den erfahrenen Rollenspieler aber auch mit unzähligen Basiseigenschaften von Stärke und Geschick über Präzision und Abwehr bis zu Schnelligkeit und Initiative locken. Leider sind diese beim Levelaufstieg nicht manuell justierbar, sondern werden automatisch vom Spiel gesteigert. Etwas schade, aber andererseits ist mit den restlichen „Management-Aufgaben“ noch mehr als genug für euch zu tun und zudem bleiben die Charaktere dadurch in ihren Basiseigenschaften das ganze Spiel hinweg ausgewogen. Es ist also nicht möglich einen schwerfälligen Samniten (großer, schwerer Schildkämpfer) zu einem leichtfüßigen Bogenschützen „umzuschulen“
Welche Axt darf´s denn sein?
Neben dem Level-Aufstieg der Gladiatoren wird euch zumeist die Besorgung und Ausrüstung neuer Waffen, Rüstungen und Items beschäftigen. Auch hier bietet Gladius buchstäblich Tonnen an verschiedenem Kriegsgerät für alle Lebenslagen: Äxte, Schwerter, Speere, Keulen, Kampfhammer, Bögen und Kampfstäbe in unterschiedlichsten Ausprägungen und mit verschiedenen Level- und Klassenbeschränkungen – alle mit ausführlichen Hintergrundinfos und unterschiedlichen Auswirkungen auf die Eigenschaften des tragenden Gladiators. So gilt es ständig abzuwägen, ob ihr größeren Schaden auf Kosten eurer Beweglichkeit und Initiative verursachen wollt, oder doch lieber auf leichteres Gerät mit höheren Angriffsraten und besserer Abwehr setzt. Ähnliche Fragen müßt ihr euch auch bei den unzähligen Rüstungen, Schilden, Helmen und Stirnreifen stellen, zumal es diese oft mit magischen Zusatzeigenschaften zu erwerben gibt – gar nicht zu reden von den bereits angesprochenen Verbundenheiten, die beim Kauf neuer Waffen und Rüstungen natürlich auch bedacht sein wollen. Hier kommt jede Menge „Gladiatoren-Management“ auf euch zu – durch die intuitive Menuführung aber kein wirkliches Problem und vor allem für Jäger-und-Sammler Naturen unter euch ein wahres Item-Vallhalla!
Grün, Rot, Braun? Oder Schwarz? Oder ein wenig von allem?
Was wären heutige Sportteams ohne individuelle Trikots und Vereinsfarben? Individualität steht auch bei Gladius hoch im Kurs: Ihr könnt jeden Gladiator in Haut- und Haarfarbe, Kleidungs- und Rüstungsfarbe und Stil individuell anpassen und so einen bunten Haufen zusammenstellen – oder ihr setzt eine striktere Kleiderordnung an und stattet alle eure Recken mit einheitlichen Dressen aus. Eine durchgestylte Frühjahrs-Kollektion für eurer Team ist aber nicht nur im modischer Hinsicht eine Notwendigkeit für trendbewußte Gladiatoren-Manager, sondern auch im Kampf eine durchaus sinnvolle Investition: So könnt ihr auf einen Blick eure eigenen Streiter vom Gegnervolk unterscheiden.
Neben all diesen Management-Möglichkeiten könnt ihr in einem eigenen Statistik-Menu auch allerhand sinnvolles und weniger sinnvolles Zahlenmaterial zu euren Kämpfern und eurer Gruppe abrufen. Wer immer schon mal wissen wollte welche Entfernung in Meter ein Kämpfer bisher zurückgelegt hat, oder wie viele Wölfe er insgesamt schon in den Raubtierhimmel geschickt habt, der ist hier genau richtig!
Ein paar Worte zu Story und Präsentation derselbigen.... Bereits in der einleitenden Eröffnungssequenz spart Gladius nicht mit stimmungsvollen Intro-Elementen. Die Vorgeschichte (und später auch bestimmte Zwischensequenzen) werden in sehr hübsch gezeichneten, teilweise animierten Standbildern, begleitet von einer professionellen Erzählerstimme präsentiert. Auch wenn dies nicht gerade zeitgemäß anmutet – für ordentliche und epische Stimmung ist somit von Beginn an bereits gesorgt. Allerdings kann Gladius diese erzählerische Dichte und die durch die Einleitung aufgebaute Spannung nicht wirklich über den Mittelteil des Story-Plots erhalten: Obwohl hin und wider eingestreute, meist in ordentlicher InGame-Graphik gehaltene Cut-Scenes kurze Einblicke und Andeutungen der Zusammenhänge hinter den Kulissen offenbaren, bleibt die Story doch sehr im Hintergrund und hat meist keinen Zusammenhang mit euren aktuellen Turnier- und Ligakämpfen. Erst nach Abschluß des letzten und größten Turniers kommt der Plot so richtig in Fahrt und die Andeutungen der vorangegangenen Spielstunden werden aufgelöst. So verbringt ihr die letzten 10% des Spiels im Prinzip nur mehr mit aufeinanderfolgenden Bosskämpfen, bis hin zum finalen Showdown – der alleine gut und gerne 1-2 Stunden Spielzeit in Anspruch nimmt. Insgesamt wirkt diese Trennung (90% des Spieles mit relativ freien Ligakämpfen und Gladiatoren-Management zu verbringen und die letzten 10% einen Bosskampf nach dem anderen bis zum Ende absolvieren zu müssen) doch etwas seltsam, da sich die beiden „Teile“ fast wie zwei verschiedene Titel spielen: Während Freude von spielerischen Freiheiten und losem Story-Zusammenhang die ersten 90% genießen und die letzten 10% Prozent unnötig finden könnten, werden Fans von sehr storylastigen RPGs, welche den Spieler vom Beginn weg an der Hand nehmen, die für sie interessanten 10% zu Ende des Spiels wohl gar nicht erreichen. So bleibt eine etwas seltsam anmutende Wasserscheide im erzählerischen Stil von Gladius, deren Sinnhaftigkeit wohl jede/r selbst beurteilen muß.
Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle bleiben, dass die eingestreuten Cut-Scenes aber allesamt hervorragend in Szene gesetzt sind und atmosphärische Intermezzi zwischen den schweißtreibenden Kämpfen bieten. Vor allem die Interaktion zwischen den Charakteren kommt sehr gut zur Geltung – alleine bei der ersten Zwischensequenz werden die einzelnen Figuren sehr gut vorgestellt und deren Beziehungen (aber auch Spannungen) untereinander können erahnt werden. Die einzelnen Hauptfiguren werden so sehr authentisch - mit eigenen Motivationen und Persönlichkeiten – präsentiert und heben sich somit positiv von den oft sehr anonymen Helden vieler RPGs ab.
Grafik Graphisch werden die Möglichkeiten der Xbox wohl nicht ausgereizt. Obwohl sowohl Charaktere, Settings, als auch Effekte solide in Szene gesetzt sind, fehlt ein wenig das berühmte optische Sahnehäubchen und ehrfurchtgebietende Wow-Effekte bleiben leider aus. Vor allem bei den begehbaren Gebietskarten und in den lediglich aus Menüs und Portraiteinblendungen bestehenden Städten hätte der Titel eine schickere Präsentation mehr als verdient. Alles in allem ist die graphische Umsetzung aber alles andere als schlecht und sowohl der Spielthematik, als auch dem Genre und dem Setting angemessen.
Sound In Sachen Beschallung bietet Gladius solide und stimmungsvolle Kost: Epische Orchesterstücke untermalen die Kämpfe und Wanderungen, während allerlei authentisch klingendes Schlachtgeräusch in den Arenen widerhallt. Zudem wurden für die deutsche Lokalisierung kompetente Synchronsprecher engagiert, welche vor allem in den Zwischensequenzen einen hervorragenden Job leisten. Einzig die sich doch oft wiederholenden Schlachtkommentare der Kämpfer nerven auf Dauer doch etwas. Beim 400. Kampf seinen bereits altgedienten Stufe 18 Helden zum buchstäblich 1000. Male „Für die Ehre Imperias“ rufen zu hören, lässt doch einige akustische Gewöhnungseffekte eintreten – Ein verschmerzbares Manko im ansonsten sehr ordentlichen Soundkostüm.
Spielspaß Solo Ebenso monumental wie die akustische Untermalung präsentiert sich auch die Spieldauer und der Umfang von Gladius. Für eine der beiden Storylines werden ihr gut und gerne zwischen 40 und 50 Stünden veranschlagen müssen, um bis zum finalen Bossgegner vordringen zu können. 50 Stunden, die allerdings durchwegs mit Kurzweil gefüllt sein werden: Der laufende Auf- und Ausbau eurer Gladiatorenschule, das persönliche Coaching eines jeden Gladiators und natürlich die an taktischer Spieltiefe derzeit von keinem anderen Xbox-Titel zu überbietenden Kämpfe lassen RPG-Taktiker von der ersten Spielstunde an nicht mehr los und fesseln erbarmungslos vor den heimischen Fernsehapparat. Zudem verschafft eine sanfte Lernkurve auch Einsteigern sehr schnell Erfolgserlebnisse, während Profis bereits von Beginn an mit den taktischen Möglichkeiten kokettieren. So bleibt Gladius für Spieler jeder Erfahrungsstufe optimal zugänglich. Der Schwierigkeitsgrad ist insgesamt sehr gut ausbalanciert und Frustmomente werden so gut wie ausnahmslos vermieden. Wenn ihr trotzdem in einem Kampf hoffungslos unterlegen seid, dann liegt dies meist an einer nicht optimalen Taktik, Kämpferzusammenstellung oder falschem Fertigkeitseinsatz und nicht an bewußt unfair gestalteten Spielstellen.
Nicht zu unterschätzen in Bezug auf den Wiederspielwert nach dem ersten Durchspielen, ist die Möglichkeit mit dem zweiten Hauptcharakter eine alternative Storyline zu erleben. So kramt man Gladius nach einem halben Jahr gerne noch einmal hervor und kann das grundlegende Spielprinzip im Rahmen einer zweiten Story nochmals erleben – beinahe wie ein bereits im Titel inkludiertes Add-On.
Spielspaß Multi Auch Freunde des gemeinsamen Schwertschwingens kommen bei Gladius auf ihre Kosten. Während der „normalen“ Solo-Kampgange könnt ihr jederzeit vor einem Kampf einen zweiten Controller einstöpseln, die Gladiatoren zwischen beiden Spielern aufteilen und habt somit einen vollwertigen Coop-Multiplayermodus zu eurer Verfügung. Zu Zweit bereiten die taktischen Scharmützel und das Gladiatoren-Management ebensoviel, wenn nicht sogar mehr Spielspaß, als das solitäre Gameplay. Richtig Sinn macht dies aber nur, wenn ihr einen ausdauernden Kumpan zur Hand habt, den ein kurzes „Spiel doch schnell mal mit, Heinz“ während einer laufenden Kampagne ist aufgrund der Spieltiefe und der notwendigen Einlernzeit wohl nur selten spaßig. Neben dem kooperativen Spielerlebnis können im „Versus“-Mode aber auch bis zu vier Spieler gegeneinander antreten, um zu beweisen wer die beste Gladiatorenschule sein eigen nennen darf.