Im Zuge des alljährlichen EA Sports-Sequel-Wahns ging auch die namhafte Golfsimulation Tiger Woods PGA Tour in die nächste Runde. Bereits zum zweiten Mal durften GameCube-Besitzer zusammen mit dem weltberühmten Meister des edlen Sports und diversen anderen mehr oder weniger prominenten Golfern über weitläufige und mit fiesen Schikanen versehene Rasenflächen ziehen.
Am Anfang erschuf Gott den Hauptcharakter
Nicht nur Spieler mit Allmachtsfantasien oder multiplen Persönlichkeiten freuen sich wahrscheinlich besonders über die eingebaute Funktion zum komplexen Erschaffen realistischer Alter Egos. Nirgendwo sonst hat man wohl so viele Möglichkeiten, um einen virtuellen Protagonisten nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, egal ob man eine gewisse Ähnlichkeit zum echten Aussehen (nein danke, ein Blick in den Spiegel ist schlimm genug *g*) oder aber eine völlig andere Gestalt erzielen möchte.
Zahllose Schieberegler und andere Hilfsmittel erlauben die Auswahl von Geschlecht, Alter, Haarfarbe, -länge, -schnitt und mannigfaltigen weiteren (oft sehr feinen) Details. Spieler XY will eine zahnspangentragende Oma mit Irokesenschnitt, schwarz-weißem Make-up und aufgespritzten Lippen über den Platz scheuchen? Kein Problem; der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Nach dem Erstellen des Gesichts darf man sich dann noch beim Körperbau von Brust bis Fuß austoben (Träume von 90-60-90 werden Wirklichkeit) und das Werk in passende Klamotten verpacken. Wer mit dem kostenlosen Standardzeug nicht zufrieden ist verprasst einfach einen Teil des Startkapitals, welches jedoch auch für das Verbessern verschiedener spielrelevanter Attribute (Kraft, Treffsicherheit etc.) benötigt wird.
Nach dem Abräumen von Preisgeldern und dem Freischalten von zusätzlichen Accessoires durch das Erfüllen vorgegebener Bedingungen lohnt sich nicht zuletzt deshalb immer wieder ein Besuch im dazugehörigen Menü.
Erste Schritte, Profikarrieren und spaßige Spielchen für gesellige Golfer
Das eigentliche Spiel beginnt mit einem kurzen Basis-Training aus verschiedenen kleinen Lektionen, demonstriert von Tiger Woods höchstselbst. Das wichtigste Element der Steuerung ist der Analogstick, mit dessen Hilfe der Schläger geschwungen wird. Eine Kraftanzeige wird man dabei vergeblich suchen und der Erfolg des Versuchs hängt so stark vom Fingerspitzengefühl des Spielers ab. Durch das mehrmalige schnelle Drücken des Z-Knopfes beim Ausholen baut der Golfer zusätzliche Power auf, während die selbe Methode später noch ein paar kleine Korrekturen in der Flugbahn ermöglicht. Beim zielgenauen Putten helfen außerdem die eingeblendeten Tipps des virtuellen Caddys. Viel mehr muss man anfangs eigentlich kaum wissen, wobei natürlich noch ein paar weitere Knöpfe für das Wechseln der verfügbaren Schläger oder andere Funktionen benötigt werden.
Als Belohnung für das Absolvieren des Tutorials erhält der Nachwuchsgolfer die so genannte Bronze Tour Card und der Streifzug durch die beeindruckende Varianten-Vielfalt kann beginnen: So fordert man innerhalb der World Tour bekannte oder fiktive Sportler in verschiedenen Regionen der Erde heraus, um unter anderem einen Batzen Geld oder zusätzliche Charaktere abzustauben.
Im namensgebenden PGA Tour-Mode startet man eine echte Profikarriere, welche sich über mehrere Jahre vollgestopft mit zahlreichen jeweils viertägigen Turnieren erstrecken kann. Neben überdurchschnittlichen Spielkünsten können dabei übrigens auch lukrative Sponsorenverträge (abhängig vom benutzten Equipment/der getragenen Kleidung) Geld in leere Kassen schwemmen.
Gerade für schon etwas besser trainierte Charaktere eignen sich die dreißig vorgefertigten Szenarien, in denen man zum Beispiel mit steifen Brisen oder anderen Gemeinheiten konfrontiert wird. Für das Unterschreiten bestimmter Schlagzahlen oder das Erreichen von anderen vorgegebenen Zielen gibt es Medaillen, die wiederum Gegenstände im Shop freischalten.
Recht interessant sind die Ideen rund um den Real Time Event-Mode, denn die Veranstaltungen dieser Variante richten sich nach der eingebauten Systemuhr des GameCubes. So finden zu bestimmten Zeitpunkten (Halloween, der Geburtstag des Spielers usw.) besondere Turniere oder Herausforderungen statt, an deren Ende wertvolle Items winken.
Ziemlich unterhaltsam gestalten sich außerdem - vor allem zwischendurch und mit menschlichen Kontrahenten - ein paar variantenreiche Spielchen im Arcade-Bereich. In „Skillzone“ sollen beispielsweise (teilweise bewegliche) Zielscheiben getroffen werden und bei „Speed Golf“ geht es passend zum Namen um das schnelle Versenken des Balls im Loch, wobei die Spieler zwischen den einzelnen Schlägen auch noch möglichst hurtig durch die Gegend flitzen müssen.
Als ob das nicht alles schon genug wäre bietet Tiger Woods 2004 abgesehen von den genannten Möglichkeiten noch eine ganze Menge andere Spielarten, welche durch einen Platz-Editor und eine Zeichenwerkstatt zum Erstellen von Logos oder Tattoos abgerundet werden. Der Preis des riesigen Umfangs ist bei der GameCube-Version übrigens eine Verteilung auf zwei Spiele-Discs, die man zwischendurch leider manchmal je nach gewünschtem Inhalt wechseln muss.
Beleidigte Gesichter und freche Kommentatoren
Auf einer großen Zahl von detailgetreu nachgebauten echten Plätzen und einigen Fantasievarianten glänzen die vorab mit viel Liebe erstellten Hauptcharaktere vor allem mit realistischen Gesichtsausdrücken und glaubhaften Reaktionen auf verschiedene Ereignisse. So führen siegreiche Sportler etwa kleine Freudetänze auf, während ehrgeizige Damen nach missglückten Schlägen anfangen zu schmollen. Gerade beim Benutzen von besonders kraftvollen Schlägen sorgen unterschiedliche interessante Effekte für eine dynamische Präsentation der ja sonst eher als ziemlich bieder geltenden Sportart. Die Details in der Umgebung (Zuschauer, Entchen auf einem Teich usw.) sind den Entwicklern ebenfalls relativ gut gelungen, auch wenn so manches Grünzeug aus der Nähe betrachtet ein paar unschöne Riesenpixel offenbart.
Der überwiegend schnelle Soundtrack mit seinen Rock- und Rap-Stücken wird wahrscheinlich nicht jeden typischen Golf-Enthusiasten ansprechen, aber da die Lieder im Normalfall ohnehin nur innerhalb der Menüs aus den Boxen dröhnen ist das ganze nicht weiter tragisch. Auf den Plätzen selbst dominieren dann eher die überzeugenden (stellenweise recht humorvollen) englischen Kommentare die Soundkulisse und man bekommt typische Umgebungsgeräusche wie zwitschernde Vögel, das Klatschen der Zuschauer oder vorbeifliegende Flugzeuge zu hören.
Besitzer der gleichnamigen GBA-Version profitieren übrigens ein weiteres Mal von der vielgerühmten Connectivity, denn durch das Verbinden der Spiele lassen sich in beiden Nintendo-Varianten ein paar Extrainhalte auftreiben.
Ein Muss für alle Freunde des Sports
Tiger Woods PGA Tour 2004 bietet praktisch alles was das friedfertige Herz eines Konsolen-Golfers begehrt. Der beeindruckende Umfang und die Detailverliebtheit was das Drumherum (vom Equipment bis zur Charaktergestaltung) betrifft werden Fans dieses Genres sicherlich sowohl im Alleingang als auch im Wettkampf gegen menschliche Widersacher über lange Zeit beschäftigen, wenngleich wichtige Elemente wie zum Beispiel viele Plätze, die Handhabung oder die grundsätzliche grafische Gestaltung mit kleinen Verbesserungen aus dem Vorgängerspiel übernommen wurden. Die trotz allem vorhandenen Neuerungen sind dafür sehr sinnvoll ausgefallen, an der Steuerung gibt es im Prinzip nichts zu meckern und der hiermit eroberte Genrethron dürfte (nicht nur aus Mangel an würdigen Konkurrenten) nicht allzu schnell ins Wanken geraten.
Anmerkung: Diesen Test findet ihr auch bei GameCaptain.de –> Keine Sorge: Ich habe ihn nicht geklaut, sondern ganz allein geschrieben ;)
Christina