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Lost Odyssey  
» Autor: Amir-Oliver Tabba
» Datum: 21.03.2008
» Gesamtwertung:
/5
4/5: Empfehlenswert
mit zahlreichen Stärken.
Wie wir bewerten
Gefühlvolles und traditionelles J-RPG, das jedoch unter einem zähen Spielverlauf sowie technischen Mängeln leidet.

Die Odyssey beginnt
Gestählt durch unzählige Schlachten metzelt sich Kaim Argonar durch die feindlichen Reihen, als wären seine Gegner nur kleine Kinder, die mit Holzstöckchen spielen. Er ist der perfekte Soldat,
» Soeben fegt Kaim seine Gegner zu Boden.
schließlich kennt er keine Furcht vor dem Tod – als Unsterblicher wird er sie auch nie erfahren. Schon seit 1000 Jahren wandelt Kaim durch die Welt, einsam und ohne jegliche Erinnerung an seine Vergangenheit. Er will sich auch nicht erinnern und doch plagen ihn jede Nacht Alpträume, die er nie zuordnen kann. Sind sie wahre Begebenheiten seiner Vergangenheit oder doch nur Hirngespinste?

Nach einer weiteren erfolgreich bestrittenen Schlacht nimmt Kaim einen neuen Auftrag an, bei dem er von Seth Balmore, einer ehemaligen Piratin, und Jansen Friedh, einem Dieb und Lebemann, begleitet wird. Die junge Frau wandelt ebenfalls schon seit 1000 Jahren durch die Welt ohne einen blassen Schimmer was in ihrem früheren Leben geschah – denn auch sie ist unsterblich. Während ihrer Reise beginnt sich jedoch der Schleier in ihren Köpfen zu lichten und Bruchstücke ihrer Erinnerungen kehren allmählich zurück. Eine lange und tragische Odyssey beginnt …

Die unendliche Geschichte
Als Setting für sein neuestes Rollenspiel wählte der Final Fantasy-Erfinder Hironobu Sakaguchi eine Welt die sich gerade in der magisch-industriellen Revolution befindet.
» Mittels Videosequenzen wird die Geschichte vorangetrieben.
An allen Ecken und Enden quillt Magie empor und die Nationen nutzen diese, um ihre Krieggerätschaften immer weiter zu verbessern. In Szene gesetzt wurde dieses erwachsene und leicht bedrückende Setting vom Manga-Zeichner Takehiko Inoue (Vagabond, Slam Dunk), der in seiner Heimat Kultstatus genießt. Im Gegensatz zu anderen japanischen Rollenspielen, in denen Anime-Figuren und bunte Umgebungen typisch sind, dominieren in Lost Odyssey dunklere Farben das Geschehen.

Der Hauptplot und aktuelle Geschehnisse werden mittels spektakulärer Videosequenzen präsentiert. Trotz der Bedienung einiger Klischees bietet die Geschichte einen passenden Rahmen für das traditionelle Rollenspiel, in dem zahlreiche Gespräche, Besuche verschiedenster Städte sowie Dungeons und rundenbasierte Kämpfe an der Tagesordnung stehen. Nur durch die Träume der Unsterblichen hebt sich Lost Odyssey von der breiten Masse an J-RPGs ab. Diese werden mittels Texttafeln präsentiert und berichten gefühlvoll über verschiedenste Ereignisse aus ihrer Vergangenheit. Liebe, Tod, Krieg, Freundschaft, Einsamkeit und Glück sind nur einige der Themen, welche die vom Schriftsteller Kiyoshi Shigematsu verfassten Geschichten dabei behandeln.

Auf den Spuren der finalen Fantasie
Beim Spielprinzip folgte der Vater der Final Fantasy-Reihe bekannten Pfaden. So gilt es zuerst in Städten wichtige Gespräche mit den NPCs zu führen, um neue Dungeons frei zu
» In den Bosskämpfen hilft nur die richtige Strategie.
schalten und andere nützliche Informationen zu erhalten. Neben dem Besuch von Geschäften, um neue Waffen und Accessoires zu kaufen, steht auch das Ausruhen in Gasthäusern auf dem Programm. Sind all diese Tätigkeiten erledigt wird es Zeit die Ortschaft zu verlassen und den nächsten Schauplatz aufzusuchen. Anstatt einer Oberwelt erwartet hier den Spieler jedoch ein Auswahlbildschirm, der das bequeme Reisen per Tastendruck zum gewünschten Ziel ermöglicht.

Im Dungeon angekommen gilt es alle Freundlichkeiten beiseite zu lassen und den dort befindlichen Feinden per rundenbasierten Kampf zu Leibe zu rücken. Die Optionen in den Duellen beschränken sich dabei auf die traditionellen Funktionen – Attacke, Zauber, Fähigkeiten, Verteidigen, Gegenstände, Formation und Fliehen. Wählt man den Standardangriff aus, so kommt das Ringsystem zum Tragen. Dabei erscheint über dem Gegner ein Ring, den es mit einem zweiten beweglichen so zu treffen gilt, dass beide deckungsgleich sind. Je präziser dies gelingt, desto höher fällt der angerichtete Schaden aus. Dieser simple Reaktionstest erfordert glücklicherweise keine schnellen Reflexe und lockert die leicht angestaubten Kämpfe gelungen auf.

Der Anfang vom Ende
Neue Fähigkeiten erhalten Normalsterbliche durch den gewöhnlichen Stufenaufstieg. Anders sieht die Angelegenheit jedoch bei Kaim und den restlichen Unsterblichen aus. Jene
» Das bedrückende Setting zeichnet dieses J-RPG aus.
erlernen nur Fertigkeiten, wenn sie sich diese von normalen Gefährten abschauen oder ein Accessoire ausrüsten. Außerdem steht den Unsterblichen nur eine begrenzte Anzahl an ausrüstbaren Skills pro Kampf zur Verfügung, wodurch ein weiteres taktisches Element das Spielprinzip bereichert.

Während des weiteren Voranschreiten des Games fällt auf, dass die Entwickler in jedem Abschnitt eine gewisse Levelgrenze vorgesehen haben. Wenn diese Stufe erreicht ist, dauert das Trainieren der Gruppe immens lange, wodurch das Spiel teilweise in Arbeit ausartet. Die festgelegten Levelgrenzen sorgen wiederum dafür, dass die Gefechte über den gesamten Spielverlauf mehr fordern als in anderen J-RPG. Profis werden diese Idee also begrüßen, während Anfänger wohl weniger Gefallen daran finden. Allzu große Sorgen sollten sich unerfahrene Spieler jedoch nicht machen, da der Schwierigkeitsgrad mit fortschreitender Spieldauer merklich sinkt. Dies liegt vor allem an den immer mächtigeren Heil- und Zaubersprüchen, welche Kaim und seine Gefährten im Laufe der Zeit erlernen.

In der Ruhe liegt die Kraft
Technisch ist Lost Odyssey leider ein zweischneidiges Schwert. Bei jeder Gelegenheit taucht ein Ladebildschirm auf, der die Spielgeschwindigkeit merklich bremst.
» Als Unsterblicher fürchtet Kaim keinen Feind.
Bei jedem Abschnittswechsel, Betreten eines Gebäudes oder Auslösen eines Kampfes muss man fünf bis fünfzehn Sekunden warten. Besonders ärgerlich sind die beim Laden auftretenden Ruckler, die zu Beginn zahlreicher Schlachten und Videosequenzen kurz vorkommen. Mit etwas mehr Sorgfalt wäre dieser Schluckauf durchaus zu vermeiden gewesen. Wenn das Spiel jedoch fertig geladen hat, läuft es dafür absolut flüssig und belohnt den Zocker mit wunderschönen Umgebungen. Ob Eisschluchten, dunklen Höhlen oder Paläste, kein Schauplatz gleicht dem anderen.

Netterweise spendierte Publisher Microsoft dem Spiel fünf verschiedene Sprachausgaben – Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Japanisch -, um den Spiel die nötige Atmosphäre zu verleihen. Leider weiß keine der fünf Synchronisationen vollständig zu überzeugen, selbst die japanischen Sprecher lassen die gewohnte Intensität vermissen. Dieses Manko gleicht dafür der gefühlvolle und epische Soundtrack von Altmeister Uematsu wiederum gelungen aus. Die einfachen, aber oft ruhigen Melodien vermitteln stets die passende Stimmung und intensivieren die Wirkung der oft traurig-schön geschriebenen Träume und Dialoge.
Pro
Gefühlvolle Geschichte
Atmosphärischer Soundtrack
Solides Kampfsystem
Interessantes Setting
Spektakuläre Videosequenzen
Schöne Umgebungsgrafik
Fünf verschiedene Sprachausgaben …
Contra
… die von durchwachsener Qualität sind
Häufige und lange Ladezeiten
Ruckler während des Ladens
Klischeehafte Story
Langatmiges Trainieren der Gruppenmitglieder
Fazit
Lost Odyssey ist ein traditionelles japanisches Rollenspiel geworden. Der Erfinder der Final Fantasy-Reihe wich nämlich kein Stück von der bekannten Formel seiner früheren Videospielerfolge ab, wodurch Veteranen des Genres sich sofort heimisch fühlen werden. Klassische rundenbasierte Kämpfe, zahlreiche lange Dialoge und gefühlvolle Texte zeichnen dieses Spiel aus. Bei vielen Zockern wird zudem das erwachsene und für japanische Rollenspiele untypische Setting viel Lob ernten. Die Geschichte um den unsterblichen Kaim und seine Gefährten präsentiert sich äußerst gefühlvoll, obwohl die Figuren trotzdem viele altbekannte Klischees bedienen. Unterstützt wird diese besondere Atmosphäre des Spiels durch den einfühlsamen sowie epischen Soundtrack, der aus der Feder Uematsus stammt. Trotzdem ist Lost Odyssey nicht das erhoffte Meisterwerk, das sich viele Zocker gewünscht hatten. Die langatmige Erzählweise, das streckenweise zähe Spielprinzip und die häufigen Ladebildschirme berauben das Spiel eines Teils seines Charmes. Trotzdem sollten ausgehungerte Rollenspiel-Liebhaber und Xbox 360-Besitzer Sakaguchis neuestem Werk auf jeden Fall eine Chance geben und es zumindest probespielen. Nur Spieler mit einer ungeduldigen Natur sollten lieber einen Bogen um Lost Odyssey machen.