Mit durchdachten Modifikationen statt Feature-Manie sichern sich Konamis Vorzeigekicker abermals den Genrethron.Konamis Pro Evolution Soccer-Reihe hat sich in den Herzen vieler Videospieler einen Fixplatz erkämpft. Simulationslastige Duelle, die ein überlegtes Vorgehen auf dem Platz erfordern, sorgten in den vergangenen Teilen für unvergessliche Momente. Auch
EA Sports blieb der Erfolg dieses Zugangs zum Rasensport nicht verborgen: in der jüngsten Ausgabe der
FIFA-Reihe setzt man schließlich selbst auf mehr Realismus. Warum
Pro Evolution Soccer 6 die Nase vorn behält und was dennoch an dem Titel bemängelt werden muss, schildert das folgende
Master-Review.
Evolution statt Revolution Pro Evolution Soccer trägt gerade in der heurigen Ausgabe seinen Namen völlig zurecht. Auf Feature-Inflation und große Experimente im Gameplay wurde verzichtet. Die einzigen beiden neuen Spielmodi hören auf die Namen
» Adriano: Der Schrecken jedes Verteidigers. |
Internationale Herausforderung und
Überraschungsspiel. Ersterer bietet die Möglichkeit, eine Nationalmannschaft aus Europa, Süd- oder Nordamerika durch die Qualifikationsmatches zur Weltmeisterschaft zu führen. Als Trainer müsst ihr euch darüber hinaus noch um die Kaderauswahl kümmern: die ideale Gelegenheit also, um es den Löws und Hickersbergers zu zeigen.
Das Überraschungsspiel lässt euch – wie der Name vielleicht bereits vermuten lässt – mit
zufällig zusammengestellten Mannschaften auf den Bolzplatz treten. Dazu wählt ihr einfach eine Region oder Liga bzw. vier Mannschaften und die CPU erstellt aus dem Athletenpool einen schlagkräftigen Kader. Für Abwechslung ist somit auch und vor allem in Mehrspielerduellen auf lange Sicht hin gesorgt. Die beiden Modi präsentieren sich als nette Ergänzung, stellen aber keinen Kaufgrund dar. Hierfür sind viel eher Modifikationen an anderen Bestandteilen des Titels verantwortlich, die nicht gleich auf den ersten Blick hervorstechen.
Mittendrin statt nur dabeiDie wesentlichen Veränderungen betreffen das Kronjuwel der
Pro Evolution Soccer-Serie: das Gameplay. Der Vorgänger bot zwar einen großen Sprung in Sachen Realismus, die Schiedsrichter sorgten jedoch für so manche nicht
jugendfreie Hasstirade ob ihrer Kleinlichkeit bei Zweikämpfen. Gott sei Dank sind die Zeiten des Mittelfeldschachs vorbei, da die Männer in Schwarz die Partien nun deutlich umsichtiger leiten. In Sachen Verteidigung sticht vor allem die
neue Grätsche heraus. Erstmals ist es möglich, direkt nach dem Reinrutschen den Ball zu behalten. Schnellen Konterangriffen wird somit Tür und Tor geöffnet.
Die Zweikämpfe selbst wurden des Weiteren durch die
akkurate physikalische Umsetzung bereichert. Wenn zwei Recken in der Hitze des Gefechts ineinander prallen oder sich ein kräfteraubendes Laufduell liefern, taumelt der schwächere aus dem Weg oder stolpert schlicht und einfach. Vor allem in hektischen Strafraumsituationen wirkt das Geschehen dadurch realitätsnaher denn je und man fühlt sich immer wieder unweigerlich an Fernsehübertragungen des Ballsports erinnert. Natürlich tragen die Serien-bekannten
geschmeidigen Animationen ebenfalls ihr Scherflein zu dieser Tatsache bei. Auch hier wurde der Umfang abermals aufgebohrt. Insgesamt präsentiert sich der Ablauf der Matches
deutlich dynamischer.
Same old storyDie Mittelfeld-Ballstafetten des Vorgängers sind den vermehrten Szenen in und um den Strafraum herum gewichen. Dass die Spielergebnisse dennoch nicht astronomische Höhen erreichen (gleich starke Kontrahenten vorausgesetzt) hat mit
» Zidane ist auch mit von der Partie. |
einer signifikanten Umgewichtung im Gameplay zu tun. Durch den nachsichtigeren Referee und nicht zuletzt die neue Grätschmöglichkeit gestaltet sich die
Verteidigung einfacher als noch bei
Pro Evolution Soccer 5. Zusätzlich wurde die
Offensive gehörig erschwert. Im Speziellen tritt dies beim Torschuss selbst zu Tage. In den ersten Matches werdet ihr die Stürmer immer wieder verfluchen, da sich die Torchancen oft aus kürzester Distanz in Richtung Flutlichtanlage verflüchtigen. Mehr als zuvor kommt es auf die richtige Schusshaltung, genug Platz und viel Feingefühl mit dem entsprechenden Button an.
Auch die Ballbehandlung per Kopf erweist sich nun diffiziler und der erste Antritt beim Sprint hat ein wenig an Geschwindigkeit eingebüßt. Diese Veränderungen erfordern vom erfahrenen PES-Crack
einiges an Umlernzeit, sorgen aber für ein viel tiefgründigeres Gameplay. Die Möglichkeit,
Freistöße nun
schnell auszuführen und der Abwehr so keine Zeit zur Neuformation zu geben, zeigt sich da als netter Zusatz, der faktisch jedoch kaum Einfluss auf das Geschehen besitzt.
AbstiegskampfWie schon bei den früheren Teilen kämpft
Pro Evolution Soccer 6 auch dieses Mal mit den
serientypischen Schwächen. In punkto Präsentation siegt der Lokalrivale
FIFA 07 mehr als überzeugend.
» Cech hält den Kasten sauber. |
Sowohl die über weite Strecken belanglose Musikuntermalung als auch die – abgesehen von den Animationen – höchstens überdurchschnittliche Grafik sind einer Genrereferenz nicht würdig. Vor allem die Wiederholungen werden von allzu ausuferndem Kantenflimmern entstellt. Die
Kommentatoren geben nach wie vor den selben
unpassenden Quatsch von sich. Aufgrund der begrenzten Menge an Sprachsamples wiederholen sich diese noch dazu sehr bald und bilden somit den Nervfaktor Nummer eins.
Auch das
leidige Lizenzthema wurde diesmal nicht zur vollsten Zufriedenheit gelöst. Während zwar insgesamt mehr Mannschaften mit Originalspielern auflaufen und sogar die Jungs
Bayern München mit von der Partie sind, treten letztere skurrilerweise ohne Oliver Kahn an. Beim FC Chelsea hingegen ist der ganze Kader an Bord, dafür muss sich der Verein hinter dem Namen London FC verstecken. Die bislang ohnehin nie lizenzierte
deutsche Bundesliga wurde gar völlig
wegrationalisiert.
Deus ex MachinaInsgesamt ist das neue
Pro Evolution Soccer durch eine noch
steilere Lernkurve charakterisiert. Neueinsteiger beherrschen zwar in kürzester Zeit die grundlegende Spielmechanik, bis sich jedoch erste Erfolge gegen
die unerbittliche KI einstellen, ist viel Geduld aufzubringen. Pässe müssen wohl überlegt gespielt sein, Torschüsse gilt es zu üben und auch das richtige Verteidigen will erst gelernt sein. Selbst Serien-erfahrene Zocker benötigen so manche Partie, um sich auf die veränderte Spielmechanik einzustellen.
Trotz aller Einzelspieler-Modi sind die Multiplayer-Begegnungen nach wie vor die Krönung des Titels. Wer keine fußballbegeisterten Freunde hat, kann diesem Vergnügen alternativ auch online frönen. Die Anbindung klappt bis auf teils lange Ladezeiten tadellos und während des Testzeitraums gab es
selten schlimmere Lags, welche die Spielbarkeit trübten. Nichtsdestotrotz beginnt das Geschehen bei Internetmatches gerade während Standardsituationen in Strafraumnähe – sprich: wenn sich viele Kicker auf dem Bildschirm tummeln – zu stottern. Das ist zwar ärgerlich, nimmt dem Titel jedoch kaum etwas von seiner Faszination.
Online-Rankings und eine
Vielzahl von Turnieren halten auch in diesem Bereich die Motivation konstant hoch.