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John Woo presents Stranglehold  
» Autor: Stefan Lehmler
» Datum: 13.10.2007
» Gesamtwertung:
/5
4/5: Empfehlenswert
mit zahlreichen Stärken.
Wie wir bewerten
Neueinsteiger Tiger Hill lässt es krachen und bietet uns mit Stranglehold den ersten spielbaren John Woo-Film.

Regisseur John Woo zählt zu den Meistern des actionreichen Hong Kong-Kinos. Bevor er nach Hollywood ging und seine Filme leider immer mehr an Qualität verloren, belieferte er das Action-Genre mit unvergesslichen Klassikern wie Hard-Boiled, The Killer oder Bullet in the Head. Mit dem Tiger Hill Studio ist der Kultregisseur nun auch in die Videospiel-Branche eingestiegen. The Stranglehold ist das erste digitale Werk, welches sich ganz an Hong Kong-Krachern orientiert. Was das Spiel taugt deckt wie immer unser Master-Review auf.

Hong Kong-Action zum Selberspielen
Freunde des Hong Kong-Kinos werden den Protagonisten von Stranglehold sofort wiedererkennen. Inspector Tequila - verkörpert von Chow Yun-Fat - spielte bereits im
» Chow Yun-Fat ist gut getroffen.
Actionfilm Hard Boiled von 1992 die Hauptrolle und räumte auch dort mit allerlei Waffengewalt mächtigst unter Verbrechern auf. Dank moderner Digitalisierungs-Technik zeigt sich der Wiedererkennungs-Wert des Polygon-Chow Yun-Fat auch entsprechend hoch. Die Geschichte ist, wie bereits im Kino-Vorgänger, natürlich sehr nebensächlich. Ein Haufen Verbrecher, zwei entführte Mädels und ein wild ballernder Inspector Tequila sind die Hauptbestandteile der dünnen Rahmenhandlung, welche durch nette Ingame-Sequenzen fortgesponnen wird.

Viel wichtiger als Story und Charaktere ist in einem Actionspiel wie Stranglehold natürlich das eigentliche Gameplay. Hier bedient man sich fleißig bei der Konkurrenz, allem voran Max Payne, aber auch Total Overdose. Eigentlich nur fair, ließen sich diese Titel doch auch stark von John Woos Kinofilmen inspirieren. Demnach präsentiert sich die Action aus der Third-Person-Ansicht. Mittels eingängiger Buttonbelegung bewegt man seine Figur durch aufwändig gestaltete Umgebungen und schickt allerlei Schergen über den Jordan.

It's Tequila-Time, Baby
In den Schießereien stehen Inspector Tequila nicht nur Pistole, Shotgun, MP, Sturm- und Maschinengewehr, Handgranaten sowie ein Raketenwerfer zur Verfügung sondern auch Tequila-Time und Tequila-Moves.
» Der rollende Tod.
Während erste nichts anderes als die aus Max Payne wohlbekannte Bullet-Time ist, lehnen sich die Tequila-Moves an die Loco-Moves aus Total Overdose an. Durch das möglichst stylische Abknallen von Feinden lädt sich ein Energiebalken auf, welcher in vier verschiedene Aktionen investiert werden kann.

Jedem Move ist eine Richtung am Digitalkreuz zugewiesen, so dass man jederzeit einfach auf diese zugreifen kann. Das einfachste und günstigste Manöver ist das Heilen des Protagonisten. Etwas teurer, dafür aber für fast jeden Gegner sofort tödlich: der Präzisionsschuss. Hier wird der Spielverlauf extrem verlangsamt und das Programm schaltet in einen Zoom-Ego-Perspektive um. Der anschließend abgefeuerte Schuss tötet getroffene Gegner sofort. Noch weitaus letaler sind schlussendlich die Moves drei und vier. Während man im Trommelfeuer-Modus kurzzeitig unbesiegbar mit unendlich herumballern darf, tötet man mit der Drehattacke automatisch alle Feinde in Reichweite.

Bullet-Time mal anders
Die Bullet-Time funktioniert etwas anders als in vergleichbaren Games. Neben der Möglichkeit jederzeit für eine bestimmte Dauer manuell in die Tequila-Time zu wechseln, verlangsamt das Programm in bestimmten Situationen
» Die Zwischensequenzen sind nett inszeniert.
automatisch das Spielgeschehen, sobald man auf Feinde zielt. Beispielsweise immer dann, wenn man sich per Hechtsprung in der Luft befindet, ein Treppengeländer hochläuft oder auf einem fahrbaren Untergrund wie einem Servierwagen durch den Level rollt. Was zunächst etwas chaotisch und willkürich wirkt, entpuppt sich nach kurzer Eingewöhnung als sehr praktisch und angenehm "anders".

Um Umgebungen wie Treppengeländer oder Rollwagen für sich zu nutzen reicht es übrigens, die Actiontaste, welche auch zum Herumhechten benutzt wird, zu drücken. Alles in allem funktionieren solch spektakuläre Manöver sehr gut und tragen viel zum Coolness-Faktor des Spiels bei. Weniger gelungen ist hingegen das Deckungs-System. So will sich Tequila partout nicht hinter bestimmten Objekten niederkauern, wodurch selten klar erstichlich ist, wo man denn eigentlich Schutz in der Umgebung suchen kann.

Nicht ganz perfekt
Weitere Probleme findet man im Leveldesign des Spiels. Dass die Missionen sehr linear sind, stört bei einem Titel wie Stranglehold nicht wirklich. Allerdings wirken die Umgebungen von Tiger Hills Erstlings-Werk
» Das Schwein war schon tot.
zu sehr konstruiert und gewollt. So stehen Gegner viel zu oft wie auf dem Präsentierteller neben explosiven oder unter schweren Gegenständen. Auch haben die Entwickler ein wenig zu oft auf das bekannte Arena-Levelprinzip zurückgegriffen. An vielen Stellen des Spiels befindet man sich lediglich in einem Raum und bekämpft Gegnerwelle um Gegnerwelle, bis es im nächsten Raum weiter geht. Auch an einigen Stellen auftretende Stand-Offs, in denen man gegnerischen Schüssen in Zeitlupe ausweichen und schnell zurückschießen muss wirken etwas aufgesetzt.


Zudem haben es die Programmierer verpasst, spannende Bosskämpfe ins Spiel zu integrieren. Statt dessen sind diese einfach nur überstarke Gegner, die extrem viel aushalten und sich fast immer durch die gleiche Taktik besiegen lassen – nämlich fleißiges Aufladen der Tequila-Moves und massivem Tequila-Time-Einsatz. Leicht zu frustrierende Spielernaturen sollten zudem den leichtesten Schwierigkeitsgrad bevorzugen. Stranglehold ist nämlich bereits auf normal ein recht harter Brocken, der stellenweise auf Grund zu vieler Gegner gleichzeitig auch schon einmal an der Grenze zum Unfairen kratzt. Erschwerend hinzu kommen etwas zu selten platzierte Checkpoints.

Zerbrösel alles!
Während das Gameplay nicht durchwegs überzeugt, gibt sich die Grafik keine Blöße. Dank Unreal Engine 3 wirken Figuren und Umgebungen sehr detailliert. Letztere hinterlassen vor allem durch ihre
» Die Umgebungen sind hochzerstörbar.
extrem hohe Zerstörbarkeit einen bleibenden Eindruck und sorgen für spektakuläre Shoot-Outs. Doch auch die Technik ist nicht ganz fehlerfrei. Während kleinere Framerateeinbrüche noch zu verschmerzen sind, fehlt es den Waffeneffekten am richtigen Bumms. Auch die deutschen Sprecher können nicht überzeugen. Die restlichen Soundeffekte und die passende Musikuntermalung stimmen im akustischen Bereich allerdings wieder versöhnlich.

Wer nach der im Umfang mit nur rund sechs bis sieben Stunden etwas mau ausgefallenen Solo-Kampagne noch Lust auf mehr verspürt, kann sich online mit bis zu fünf menschlichen Gegnern messen. Dieser Modus erinnert an eine moderne Version des beliebten Half-Life-Mods Action-Half-Life, ohne allerdings dessen Qualität zu erreichen. Zwar macht das Spiel auch im Mehrspieler-Modus Spaß, allerdings wirkt vor allem der Einsatz der Tequila-Time undurchdacht. Auch bewegen sich die Figuren zu schnell und abgehakt animiert durch die Levels, um ein echtes Shootout-Feeling zu erzeugen. Zudem gibt es nur (Team-)Deathmatch als Spielmodus. Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass die deutsche Version wieder einigen Schnitten zum Opfer gefallen ist – für österreichische und importfreudige Zocker sollte dies allerdings kein Problem darstellen, zumal die US-Version ebenfalls komplett auf deutsch und codefree ist.
Pro
Sehr gute Grafik
Höchst zerstörbare Umgebungen
Klasse inszenierte Shootouts
Coole Tequila-Moves und Bullet-Time
Contra
Geringer Umfang
Magerer Mehrspielerspieler-Modus
Deckungssystem nicht ausgereift
Levels teils zu arenamäßig
Bossfights nicht sehr gelungen
Fazit
Etwas zögerlich war ich bei der Wertung von Stranglehold ja doch. Dass ich mich letztendlich doch für die 4 statt der 3 entschieden habe, verdankt das Game vor allem seinen teils wahnsinnig cool inszenierten Shoot-Outs, die echtes Hong Kong-Action-Feeling versprühen. Wenn vor einem die Deckung vom Feindbeschuss wegbröckelt, man verzweifelt in Zeitlupte hinter den nächsten in Schutz springt und dabei ein paar Gegner ummäht, schnellt der Adrenalinspiegel unweigerlich in die Höhe. Der dabei angerichtete Schaden in der Umgebung sucht Seinesgleichen. Da nimmt man dann auch die negativen Aspekte des Spiels billigend in Kauf. Vor allem der geringe Umfang und die teils zu arenamäßigen Levels sowie schwachen Bossgegner sind hier zu nennen. Wer sich nicht mit einem etwas zu hohen Schwierigkeitsgrad und Frustpassagen herumärgern will, sollte somit auf der einfachsten Spieleinstellung beginnen. Alles in allem ist Stranglehold nicht ganz der dicke Actionkracher geworden, den wir uns alle erhofft haben, aber dennoch eine echte Empfehlung für alle Fans knallharter Ballererein. Und technisch gibt es Dank Unreal Engine 3 ohnehin kaum etwas auszusetzen.