Nicht ganz der erhoffte 'epochale' BioWare-Titel, aber eines der wichtigsten Spiele 2007.
Massive insomnia, effective emotions Im 22. Jahrhundert hat die Menschheit einen gewaltigen technologischen Sprung nach vorne gemacht. Auf dem Mars wurden
Überreste einer hochentwickelten außerirdischen Kultur entdeckt. Da nun Beweise existieren, dass die Menschen nicht alleine in der Galaxie sind, rücken sie enger zusammen und bilden eine Allianz. Zu den wichtigsten Erkenntnissen aus der Ausgrabungsstätte zählt die Fähigkeit, mittels dem sog. "Masseneffekt" schneller als Lichtgeschwindigkeit zu reisen. Es dauert natürlich nicht lange und die Menschen treffen auf andere Lebensformen. Nach anfänglichen Scharmützeln entgeht man knapp einem Krieg und die humanoide Rasse tritt einer Art
Vereinte Nationen der Galaxie - Citadel genannt - bei.
Mass Effect ist knapp 20 Jahre nach diesen Ereignissen angesiedelt und am Horizont braut sich eine gefährliche Situation von universalem Ausmaß zusammen, die Commander Shepard im Auftrag des Citadelrats erforschen soll. Genre-typisch darf ein Charakter (m/w) erstellt werden. Wer schnell zur Action kommen möchte, wählt einfach eine Klasse und verwendet einen Vorlage-Charakter, ansonsten steht aber ein reichhaltiger Editor für optische Veränderungen zur Verfügung. Insgesamt gibt es
sechs Klassen zur Auswahl: Die Skala reicht vom waffenbegabten Soldaten über den smarten Techniker bis hin zum Biotiker, wobei letzterer besonders starke Telekinese-Fähigkeiten anwenden kann.
Talk is cheap Herzstück von
Mass Effect stellt das ausgewachsene Dialog-System dar. Bis zu
sechs Auswahlmöglichkeiten für Antworten stehen zur Verfügung. Manche Optionen führen zu abrupten Gesprächswendungen,
» Das Dialogsystem sorgt für dynamische Gespräche. |
"permanenten" Entscheidungen oder dienen schlicht der Informationsbeschaffung.
BioWare hat so viel Sprache reingepackt, dass es unwahrscheinlich ist, im normalen Spielverlauf zweimal den selben Wortlaut zu hören. Der Clou an der Sache: Man gibt nur eine Richtung vor, die eigentlichen Dialoge verkommen somit nicht zur langweilen 1:1-Wiederholung. Vielmehr wird
der Ton des Gesprächs bestimmt. Mal ist Shepard eher vorsichtig, kurz angebunden oder ein andermal zeigt er offen Gefühle - alles ist möglich.
Auch abseits von Gesprächen gibt es viel zu hören: Im Lift erzählt ein Radioreporter die aktuellen Nachrichten, beim Flannieren auf dem Markt fliegen einem Sprachfetzen von Konversationen zu und die eigenen Mitstreiter quatschen sogar untereinander. Bei allem Lob kann aber nicht unerwähnt bleiben, dass einem die
ganz große Freiheit natürlich nur vorgegaukelt wird. Letztendlich führen die meisten Gespräche doch zum ähnlichen Ende oder
Mass Effect "richtet" es so, dass keine echte Alternative mehr existiert. Aber die Entwickler tun dies auf geschickte Art und Weise und so stört es kaum, dass die
Story doch recht linear verläuft. Da aber komfortablerweise jederzeit gespeichert werden darf, kann man verschiedene Story-Gabelungen ausgiebig erforschen.
Shoot first, ask questions later Bereits in den ersten Missionen entpuppt sich der
BioWare-Titel teils als Action-lastiger Shooter, der einzelne Gameplay-Elemente wie das
Deckungssystem von
Gears of War adaptiert. Dank einstellbarem
» Micro-Management für biotische Attacken. |
(und jederzeit änderbarem) Schwierigkeitsgrad bietet
Mass Effect aber für alle Spielernaturen etwas. Prinzipiell steuert man immer Shepard ins Kampfgeschehen, dank der Schultertasten können aber die Teammitglieder (micro-)gemanagt werden. Wer will, darf die
eingesetzten Waffen oder biotischen Attacken vorgegeben. Rudimentäre Befehle wie "Angriff", "Vorrücken" oder "Deckung" vergibt man jederzeit in-game über das Steuerkreuz.
Aufrüsten geschieht dank zahlreicher Items, die auch beim Händlern erwerbbar sind. Richtig notwendig ist dies jedoch nicht, da sehr viele Objekte in den Levels durch ein
simpel gestricktes Dekodier-Minigame aus Waffenschränken etc. entnommen werden können. Die Fähigkeiten von Shepard und den Teammitgliedern dürfen mittels
gesammelter Erfahrungspunkte (auch automatisch) aufgelevelt werden.
BioWare geht dabei sehr freizügig zur Sache: Nach bereits wenigen Missionen kann man einzelen Charakterstärken wie etwa
Waffenhandhabung, Hacking oder Biotik ausreizen. Auch diverse andere Eigenschaften wie etwa
Charme und Durchsetzungskraft können verbessert werden, dadurch stehen bei Konversationen mehr/andere Alternativen zur Auswahl und Verhandlungspartner lassen sich besser manipulieren.
Look at the size of that thing Die Hauptstory von
Mass Effect ist wahrscheinlich in
kurzen zehn Stunden durchzockbar, jedoch verpasst man dann das, worum es eigentlich geht: Erforschen und Recherchieren. Mittels des eigenen
» Vor jeder Mission wird die beste Crew ausgewählt. |
High-Tech-Raumkreuzers Normandy stehen einem
viele Sternensysteme als Reiseziel zur Auswahl, wobei jedes zumindest einen begeh- bzw. befahrbaren Planeten besitzt. Da die teils sehr generischen Planetenoberflächen riesig sind, gibt es einen abwerfbaren Rover namens "Mako". Mit diesem Gefährt kann man schnell alle interessanten Punkte erreichen, außerdem bietet die Bordkanone zusätzliche Offensivkapazitäten.
Zahlreiche Nebenmissionen drehen sich um das Besuchen von entfernten Planeten im Auftrag von NPCs. Oft winken Erfahrungspunkte, Geld oder Spezialgegenstände als Belohnung. Dank dem
hervorragenden Hauptmenü verliert der eigene Protagonist aber nie den roten Faden. Egal ob der Spieler Informationen in der Enzyklopädie nachschlagen oder Daten zu den Sidequest abrufen will - dort wird alles minutiös vermerkt.
Mass Effect ist eines jener Spiele, bei denen
stets glasklar ist, was man als nächstes tun kann. Einzig bei der Bedienung in manchen Menüs (z.B. Inventar) wäre etwas mehr Feinschliff angebracht gewesen, um die Übersichtlichkeit zu erhöhen.
Standing on the shoulders of giants Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke wären auf
Mass Effect vom künstlerischen Standpunkt her sicher stolz gewesen.
BioWare hat eine
eindrucksvolle Optik geschaffen, die vor allem aufgrund der
» Waffen-Pimping leicht gemacht. |
realistischen Oberflächen (Bump/Normal mapping) punktet. So schön die Unreal Engine 3 auch ihren Dienst versieht - es gibt durch das gesamte Spiel hinweg
spürbaren Schluckauf. Mal lädt eine Oberfläche irritierend spät, ein anderes Mal zwingen Slowdowns im dichten Kampfgeschehen die Xbox 360 in die Knie. Zwar wird
Mass Effect nie unspielbar, aber ein paar
kritische Worte in Sachen Technik müssen sich die Entwickler schon gefallen lassen.
Wenn die Grafik frei von den genannten Problemen ist, überzeugt sie jedoch in allen Belangen. Vor allem die
Charaktere sehen sensationell real aus. Die In-Game-Cutscenes könnten direkt aus einer FMV-Animation stammen. Vor allem die
Mimik in Dialogen sieht fantastisch aus, obwohl manchmal eine gewisse sterile Atmosphäre vorherrscht. Die Entwickler haben sich mit den "Digital Actors" wirklich Mühe gegeben und man spürt in jedem Moment, wieviel
Aufmerksamkeit in selbst kleinste Details geflossen ist. Auch in Sachen Soundtrack überzeugt
Mass Effect auf ganzer Linie. Die musikalische Untermalung matcht die
hervorragenden Sprachausgabe und weckt Erinnerungen an die berühmten Science Fiction-Filme der 1970er/1980er-Jahre.