Misslungener Versuch, über zehn Jahre hinweg ein gutes Spiel zu entwickeln.
Too much waitingToo Human, das ist fast ein Spielebegriff wie
Duke Nukem Forever oder
Gran Turismo Mobile. Seit nunmehr über zehn Jahren schwirrt dieser Titel durch Gaming-Magazine, Websites und Internet-Foren. Das
» Finstere Gesellen warten auf Held Baldur. |
Spiel von Silicon Knights – ihres Zeichens verantwortlich für Hits wie
The Legacy of Kain: Blood Omen,
Metal Gear Solid: The Twin Snakes und
Eternal Darkness: Sanity's Requiem - sollte ursprünglich für die PlayStation One (!) erscheinen. Schlussendlich hat es der Titel über viele Umwege auf die Xbox 360 geschafft und steht mittlerweile im Ladenregal.
Leider beweist
Too Human vor allem eines: Eine lange Entwicklungszeit führt nicht automatisch zu einem guten Spiel. Das Programm versucht vieles zu sein, ist dabei aber letztendlich in keinem Punkt wirklich erfolgreich. Bereits beim Intro fällt auf, dass die
Zwischensequenzen mehr schlecht als recht inszeniert sind. Während die Dialoge noch auf einem ordentlichen Niveau ablaufen, versagte der Regisseur vor allem beim Einsatz von Stilmitteln, was vorwiegend bei den vielen Actionsequenzen ins Auge sticht. Die pseudo-stylishen Kampfaktionen diverser Charaktere sind eher peinlich als cool, während andere Sequenzen wiederum extrem lieblos hingeschludert wirken. Gerade in Zeiten eines
Metal Gear Solid 4: Guns Of The Patriots erwartet man an dieser Stelle einfach deutlich mehr.
Too boringDie in zahlreichen Sequenzen erzählte Geschichte ist rätselhaft und in einem gewöhnungsbedürftigem Setting angesiedelt. So dreht sich alles um
alt-nordische Götter die in einer hochtechnologisierten » Techno-Viking Baldur kämpft gegen den bösen Loki. |
Welt leben und irgendetwas mit Biotechnik zu schaffen haben. Der Hauptcharakter,
Baldur, leidet darüber hinaus an Gedächtnislücken und muss seiner geheimnisvollen Vergangenheit auf die Spur kommen. Das Ganze ist sehr wirr erzählt und obendrein nicht zu Ende geführt, da Too Human als Trilogie ausgelegt wurde und so mit einem Cliffhanger mitten im Geschehen endet. Es ist also unmöglich die Story an diesem Punkt wirklich zu bewerten. Fakt bleibt jedoch, dass nach dem Durchspielen ein sehr unbefriedigendes Gefühl zurückbleibt.
Nicht besser als die verhunzte Inszenierung zeigt sich das Gameplay. Aus der Third-Person-Perspektive steuert man sein virtuelles Alter Ego durch insgesamt vier große Areae und metzelt und ballert sich durch Monsterhorden. Leider verzichtet das Leveldesign komplett auf all das, was virtuelle Umgebungen interessant macht. So besteht das
komplette Spiel fast ausschließlich aus langen Korridoren und offenen Plätzen die man stur linear abläuft. Für Abwechslung sollen hier Abstecher in eine Parallelwelt – den Cyberspace – sorgen. Wird in dieser idyllischen Welt etwas verändert, wirkt sich das auf die richtige Welt aus – ähnlich wie in Soul Reaver und der dortigen Geisterwelt. Dummerweise erfordert der Cyberspace auch nie mehr als das Ablatschen eines Pfades mit anschließendem Manipulieren eines offensichtlichen, durch eine leuchtende Rune gekennzeichneten Gegenstandes sowie das anschließende Zurückkehren in die richtige Welt.
Too badNicht glorreicher als der Rest des Spiels: Das Kampfsytem. Statt Buttons wird
für das Angreifen von bzw. Zielen auf Gegner der rechte Analog-Stick benutzt. Dies bringt gleich mehrere Nachteile
» An der Walküre hat man sich schnell satt gesehen. |
mit sich. Zum Einen ist es hierdurch weitaus schwieriger und weniger intuitiv Kombos auszuführen, zum Anderen geht dem Spieler der Button zum manuellen Nachjustieren der Kamera verloren. Angesichts der
schwachen Kamera und des bei vielen Gegnern gleichzeitig fummeligen Auto-Aimings ein Problem, welches häufig für sehr unübersichtliche Kämpfe sorgt – da hilft auch manuelles Zentrieren per L1-Button nicht immer.
Doch dies ist nicht das einzige Problem der Kämpfe. An vielen Stellen wird man es schwer haben ohne Ableben voran zu kommen. Dadurch steigt allerdings nicht der Schwierigkeitsgrad, sondern beweist sich lediglich selbst, wie undurchdacht das komplette System ist. Statt nach dem Tod einen Game Over-Bildschirm zu sehen, wird die Spielfigur wenige Meter entfernt von ihrem Ablebepunkt automatisch wiederbelebt – sämtliche Feinde behalten hingegen ihre dezimierten Lebenspunkte. Lediglich die Ausrüstung des Spielers nimmt minimalen Schaden, ansonsten gibt es keine Strafe fürs Sterben (außer einer langen, nicht abbrechbaren Wiederbelebungs-Sequenz durch eine Techno-Walküre). Dieses System nimmt sämtlichen Fights sowie den
schlecht designten Bossgegnern jegliche Spannung.
Too shortImmerhin: Eine Sache spricht wirklich für
Too Human und kann nur als gelungen bezeichnet werden. Der Titel verfügt über eine extrem breite Palette an Rüstungsteilen und Waffen, was das Monstermetzeln
» Feuerwaffen gehören zum festen Waffenarsenal. |
zumindest für Sammelfreaks erträglich macht. Auch die fünf Charakterklassen mit ihren verschiedenen Skillbäumen sowie Vor- und Nachteilen motivieren zum fleißigen Aufleveln. Dumm nur, dass es für wirklich hochlevelige Charaktere keine höheren Schwierigkeitsgrade gibt. Stattdessen bedient sich Silicon Knights eines einfachen, aber bei vielen Genre-liebhabern nicht gern gesehenen Tricks: Die
Monsterhorden leveln mit dem Spieler und passen sich an dessen Stärke an.
Technisch wissen vor allem die teils beeindruckenden Kulissen sowie einige detaillierte Charaktermodelle zu überzeugen. Erstere wiederholen sich die Umgebungen innerhalb der vier Levels aber ständig, so dass schnell Monotonie aufkommt. Wirklich
negativ auf den optischen Gesamteindruck wirken sich hingegen die Animationen aus. Vor allem in Kämpfen wirken diese vielmehr peinlich als spektakulär und erinnern stark an Online-Rollenspiele, in denen Figuren wild ins leere Fuchteln, statt den Gegner wirklich zu treffen. Soundeffekt sowie die deutsche Sprachausgabe hingegen sind wiederum gelungen. Musikalisch wird gute, teils pompöse Untermalung geboten. Allerdings setzt diese viel zu selten und oft auch ziemlich abgehakt ein. Kooperativ-Freunde dürfen den Titel online mit einem Freund bestreiten. Leider ist die Spieleranzahl auf zwei Leute begrenzt. Ebenfalls mager: Die Spielzeit. Gerade einmal
zehn bis zwölf Stunden dauert die Reise in die seltsame Welt der hammerschwingenden Biotechnik-Götter.