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Psychonauts  
» Autor: Klaus Fleerkötter
» Datum: 18.03.2006
» Gesamtwertung:
/5
5/5: Pflichtkauf
uneingeschränkte Empfehlung.
Wie wir bewerten
Wunderbar witziges und skurriles Jump'n'Run mit einzigartig spritzigen Ideen.

Anfang 2006: Die Videospielszene ist geprägt von einer nicht ablassenden Hysteriewelle um hochauflösende Grafikverzückungen der nächsten Konsolengeneration. Abseits von diesem Trubel schaffen Starentwickler Tim Schafer und sein Team ein abgedrehtes Jump’n’Run, das nach vier Jahren Entwicklungszeit und einem Publisherwechsel nun seit Dezember vorigen Jahres auch in den europäischen Händlerregalen steht. Ob Psychonauts auch ohne bekannten Seriennamen oder erfolgreichen Vorgänger bestehen kann, prognostiziert unser Master-Review.

Endlich kommt der Sommer wieder
In der warmen Jahreszeit unter amerikanischen Teenagern der Hit: Das Ferienlager. Doch das Camp, in welches sich Protagonist Rasputin, genannt Raz, hereinschummelt, ist kein gewöhnliches. Hier
» Der verrückte Ford Cruller bildet Raz aus.
werden übernatürlich begabte Kinder zu Psychonauten, speziellen Geheimagenten, die in den skurrilen Gehirnwelten anderer Personen operieren, ausgebildet. Schnell stellt sich heraus, dass der Neuankömmling ein besonderes Talent besitzt: Während er von dem verwirrt-genialen, an Albert Einstein erinnernden Psychowissenschaftler, Hausmeister, Wildhüter und Chefkoch Ford Cruller sowie den Agenten Sasha Nain und Milla Vodello eine Sonderausbildung erhält, lernt er die anderen Kinder des Camps kennen. Besonders die leicht schizophrene Lili erregt seine Aufmerksamkeit, welche, obwohl sie bereits alle Abzeichen erworben hat, immer noch das Lager besucht, ist hier zu erwähnen. Dabei kommt Raz ganz nebenbei merkwürdigen Vorkommnissen auf die Spur, denn im Lager geht nicht alles mit rechten Dingen zu.

Normal ist das nicht
Der Ausdruck "merkwürdige Vorkommnisse" ist im Kontext von Psychonauts eindeutig relativ zu sehen, denn in der Ferienidylle dieses Spiels ist nichts wirklich normal. Wer sich die Zeit lässt und den frei begehbaren
» Raz liefert sich ein Brettspiel mit Napoleon Bonaparte.
Lagerbereich
ausgiebig erkundet, wird mehr als nur ein leichtes Schmunzeln an sinnbefreite Dialoge der anderen Kinder oder ulkige Anschläge am Schwarzen Brett verlieren. Dabei dient das Gelände nur als Ausgangspunkt für die schrägen Gedankenwelten, in denen sich das Hauptgeschehen abspielt: Erst über Psychoportale und den so genannten Gehirnmixer verschafft ihr euch Zutritt zu den höchst abwechslungsreichen Levels, die allesamt grundverschieden designt sind.

Beispiele gefällig? So pöbelt Raz in der Gedankenwelt des mutierten Lungenfischs "Linda" im Stil trashiger japanischer Godzilla-Streifen als "Riesenmonster Brillogor durch die Metropole der atmenden Winzlinge. Im Gehirn eines verwirrten Wachmanns hingegen findet ihr euch in einer surrealen Kopie des B-Movie-Klischeebilds einer amerikanischen Vorstadtidylle der fünfziger Jahre. Hier wollen euch mysteriöse Männer mit dunklen Gesichtern und langen Mänteln davon überzeugen, sie seien lediglich unspektakuläre Straßenarbeiter.

Jäger und Sammler
Wer suchet, der findet: In Psychonauts muss der Spieler stets nach allerlei verstreuten Dingen Ausschau halten, auf die ein simples Level-Up-System aufbaut. Überall in den geistigen und der realen Welt sind
» Zensoren sind nervende Zeitgenossen.
Pfeilspitzen, welche der örtliche Kiosk als Zahlungsmittel akzeptiert, Psi-Karten und Psi-Aufstiegsmarkierungen verteilt, wobei letztere Raz' Stufe erhöhen. In mentalen Ebenen geistern des Weiteren Trugbilder herum, die zum selben Zweck gesammelt werden können. Habt ihr dann noch nicht genug, findet und befreit ihr unterdrückte Emotionen in den diversen Gehirnen (in Form unterschiedlichster Taschen oder Koffer) oder sucht Gegenstände für eine Schnitzeljagd im Lager.

Auf Dauer gestaltet sich dieses Anhäufen von Kleinigkeiten jedoch als stupide. Vor allem, da bestimmte Stufen oder käuflich erwerbbare Gegenstände teilweise zum Weiterkommen benötigt werden. Generell lässt sich jedoch sagen, dass das Spiel während der Durchspieldauer von circa elf Stunden stets unterschiedliche Aufgaben an euch stellt. Besonders die vielen Zwischengegner erfordern alle eine spezielle Taktik und sind auf normalem Wege nicht zu bezwingen. Ansonsten stellen sich euch unter anderem die Zensoren in den Weg, das sind Abwehragenten, die Fremdkörper, zu denen auch Raz zählt, in Gehirnen aufspüren und unschädlich machen. Welten-abhängig kreuzen weiterhin Widersacher aus dem entsprechenden Kontext euren Weg, doch häufiger gibt es Genre-typischen Plattformrätsel zu lösen

Kunterbunt und doch erwachsen
Die Grafik von Psychonauts ist in einem comichaften Stil gehalten, jedoch kommt das hierfür typische Cel-Shading (bekannt geworden unter anderem durch Zelda: The Wind Waker)
» In der Gedankenparty von Milla Vodello.
nicht zum Einsatz. Während dies den erwachsenen Humor des Titels unterstreicht, sorgen die teils kunterbunten und abgedrehten Gehirnareale für eine deutliche Akzentuierung der verrückten Späße des Spiels. Insgesamt ergibt sich so ein insgesamt gelungener und runder visueller Gesamteindruck. Durchgängig ist eine enorme Detailverliebtheit bei der Gestaltung zu erkennen, nette Kleinigkeiten und Easter-Eggs sind an allen Ecken und Enden zu finden. Weiterhin fallen die vielen, meist in Spielgrafik gehaltenen und teilweise vorgerenderten Zwischensequenzen auf, in denen der Plot geschickt vorangetrieben wird. Die Steuerung der Spielfigur aus der 3rd-Person-Perspektive geht nach kurzer Eingewöhnung flott von der Hand, wobei drei Aktionstasten beliebig mit bereits erlernten Psi-Kräften belegt werden können.

Bei der Tonuntermalung legte man sich bei Double Fine ebenfalls ins Zeug: Der Titel wartet mit gelungener orchestraler Hintergrundmusik und einer perfekt zur Komik passenden Sprachausgabe auf. Vor allem die deutschen Synchronsprecher ziehen in den überdurchschnittlich vielen Dialogminuten alle Dialektregister und leisten dabei vorbildliche Arbeit.
Pro
Wunderbar witzig
Liebevoll designte Welten
Abwechslungsreich
Dichte Story durch Zwischensequenzen
Runde Comicgrafik
Gelungene Sprachausgabe
Contra
Teils nerviges Itemsammeln
Fazit
Das Warten hat sich gelohnt: Psychonauts ist eine wahre Spielspaßperle. Schafer macht dabei nahezu alles richtig: Die Scheinwelt(en) um übernatürlich begabte Kinder und in Gehirnen agierende Geheimagenten ist bis ins Detail liebevoll ausgesponnen und perfekt mit den Mitteln des Mediums Videospiel umgesetzt. In den daraus entstehenden abwechslungsreichen elf Stunden virtuellen Genusses durchläuft der Spieler die unterschiedlichsten Settings durchläuft. Alle versprühen den verrückten Charme dieses Titels, der zuweilen mit bissiger Satire an gängigen Medienklischees angereichert ist. Auf der technischen Seite überzeugt eine in sich stimmige Grafik mit hohem Detailgrad und eine äußerst gelungene Sprachausgabe sowie Musikuntermalung. Vermeidbar wäre das durchgängige Aufsammeln von diversen Gegenständen gewesen, welches den Spielfluss bremst und gelegentlich für spielerische Durststrecken sorgt. Zocker mit Sinn für Humor sollten sich dieses Stück Software jedoch auf keinen Fall entgehen lassen, es ist trotzdem uneingeschränkt empfehlungswürdig.