Spannend konzipierter Western mit hervorragender Soundkulisse – in etwas lebloser Welt.Man darf doch träumen, oder? Clint Eastwood- und John Wayne-Fans bekamen bei der Ankündigung von
GUN feuchte Augen – wurde doch Gameplay à la
Grand Theft Auto im Wilden Westen versprochen. Auch die ersten Videos und Screenshots rüttelten nicht an diesem – frühen – Image. Warum im Endeffekt doch einige Spieler auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden, klärt einmal mehr unser
Master-Review. Also: Aufsatteln und dem Sonnenuntergang entgegen!
Rache muss seinMontana in den 1880ern: Colton White und sein Vater Ned führen ein beschauliches Leben, die Jagd und das Fallenstellen ernährt die beiden Einsiedler schon seit Jahren. Eines Tages passiert jedoch das Unglück: Eben
» Der Alltag eines Western-Helden. |
dabei, ihr dürftiges Einkommen an Bord eines Flussdampfers abzuholen, überschlagen sich für unsere Recken die Ereignisse. Eine Bande maskierter Bösewichter überfällt das Schiff, die Besatzung sowie Gäste wie im Rausch massakrierend. Den Kampfhandlungen fällt auch euer Vater zum Opfer – nicht ohne euch noch zwei Dinge für euren späteren Weg mitzugeben: Eine Münze für das Bordell
Alhambra sowie die erschreckende Wahrheit, dass er in den letzten Jahren nicht seinen eigenen Sohn aufgezogen hat. Als einziger Überlebender des Überfalls liegt es nun an euch, die Getöteten zu rächen und hinter das Geheimnis eures Vaters zu kommen.
Was so fulminant beginnt, setzt sich – und das gleich vorweg – auch im späteren Spielverlauf fort: Mit
GUN erwartet euch eine
spannende und abwechslungsreiche Story, mit all den typischen Facetten und Wendungen, welche auch einen klassischer Western auszeichnen. Dem Flair besonders zuträglich ist – neben den
hervorragenden englischen
Synchronstimmen – die atmosphärische Musikuntermalung. Deutsche Untertitel können auf Wunsch selbstverständlich zugeschaltet werden.
Das Leben als NobodyÄhnlich der
Grand Theft Auto-Reihe bietet der Titel eine
offene, frei erkundbare Welt. Habt ihr euch in den einführenden Tutorials, in welchen ihr sowohl den Schusswaffengebrauch übt als
» Das sieht nicht gut aus. |
auch erste Reitstunden absolviert, erst einmal an die Steuerung gewöhnt, steht euch ein kompletter Landstrich zur freien Verfügung. So dürfen gleich zu Beginn diverse Nebenmissionen wie der
Pony Express, die
Kopfgeldjagd oder ein
Poker-Turnier (gespielt wird klarerweise
Texas Hold’em) in Angriff genommen werden. Ebenso locken zahlreiche, über die gesamte Karte versteckte Goldminen, die für Bares ausgebeutet werden können – der Erwerb einer Spitzhacke vorausgesetzt. Daneben betätigt ihr euch noch als Aushilfssheriff, Rancharbeiter und Jäger. Es gibt viel zu tun im Wilden Westen – auch wenn die Nebenmissionen nicht ganz an die Klasse des Hauptmissionstrangs anschließen können, da sie weder qualitativ noch quantitativ besonders hervorstechen. Darüber hinaus sind die meisten Sidequests auch noch äußerst einfach abzuschließen, lediglich das Pokern erfordert in späteren Abschnitten ein gewisses Maß an Taktik und Spielwitz.
Leider offenbart sich in diesem Zusammenhang auch schon eine erste Schwäche, welche das offene Spielsystem gewissermaßen untergräbt: Trotz unzähliger Tätigkeiten ist das Potenzial schnell ausgeschöpft. Um einen Vergleich heranzuziehen: Könnt ihr in
Grand Theft Auto: San Andreas an jeder Ecke zumindest eine Waffe, eine Monster-Stunt Location, zwei Graffitis und vielleicht auch ein Easter-Egg entdecken, so habt ihr in
GUN mit
unbelebter Leere zu kämpfen. Die Örtlichkeiten werden zwar allesamt hübsch präsentiert, kämpfen aber zum Unglück erforscherfreudiger Naturen ein wenig mit fehlenden Inhalten. Dies lässt sich schon anhand der ersten besuchten Stadt,
Dodge City, demonstrieren: Ihr findet zwar zuhauf offene Gebäude und zig Hinterhöfe, welche aber auf der Tristesse-Skala einer Geisterstadt gleichzusetzen sind. Mit anderen Worten (und in Anlehnung an ein bekanntes Sprichwort): Außer
Tresen nichts gewesen. Die wenigen Ausnahmen wie Saloons, Bordelle & Co. bestätigen die berühmte Regel.
Fight for your right!Für den Kampf hat man sich bei
Neversoft etwas besonderes einfallen lassen, denn diesmal kann nicht nur die
breite Palette an Bleispritzen überzeugen. Neben diversen Gewehren,
Schrotflinten und Pistolen klemmt ihr euch auch hinter Pfeil und Bogen, lehrt euren Feinden mit Wurfäxten das Fürchten und geht aus dem intimeren Schlagabtausch mithilfe eines zweischneidigen Arguments als Sieger hervor. Die Waffe der Wahl dürfte aber zumeist euer treuer Trommelrevolver sein: Habt ihr reichlich Gesocks auf dem Gewissen, könnt ihr jederzeit in den so genannten
Quickdraw-Modus umschalten – sozusagen der Vorgänger der
Bullet-Time. Hierzu blendet das Spiel in die Ego-Perspektive und lässt euch in Schießbudenmanier die Schergen im Sekundentakt aufs Korn nehmen. Spaß³! Bei den
zahlreichen Endgegnern hilft aber selbst das nichts mehr. Diese scheinen nämlich schon zum Frühstück blaue Bohnen zu verspeisen – hier muss also größeres Geschütz herhalten. Als kleine Belohnung winkt dafür nach jedem Boss eine neue Waffe. Medipacks sucht ihr in
GUN übrigens vergeblich. An ihrer statt tritt natürlich das
Feuerwasser, welches großzügig in den Levels verteilt wurde und – zum großen Glück für alle Alkoholkranken – auch keinerlei Neben- und Nachwirkungen mit sich bringt.
Selbst das Reittier darf als Waffe missbraucht werden: Fußvolk (vorzugsweise feindlich gesinntes aber natürlich ebenso unbescholtene Bürger) dürfen niedergeritten werden. Widerstandsfähigere Kontrahenten trampelt ihr per Druck auf
Quadrat hingegen nieder. Gerade das
Reiten darf sicherlich als
eines der Highlights des Titels hervorgehoben werden: Die Animationen der Gäule sind authentisch und auch die Steuerung geht leicht von der Hand. Habt ihr es einmal besonders eilig, darf man den Paarhufern selbstverständlich die Sporen geben. Übertreiben solltet ihr es dabei allerdings nicht, sonst drohen eurem tierischen Freund irreparable Schäden.
Der mit dem Besen im AllerwertestenWeniger gelungen ist hingegen die Steuerung wenn ihr per pedes unterwegs seid. Gerade die
Zielerfassung geht
äußerst großzügig mit euren Zielversuchen um und wertet schon mal Treffer, die in vergleichbaren Titeln unbarmherzig im Nirvana
» Shoot-Out im Heuschober. |
landen. Auch die Animationen hätten durchaus noch ein wenig Feinschliff vertragen können. Abgesehen davon präsentiert sich die optische Seite aber durchaus gelungen: Der Western-Flair wird im Allgemeinen gut eingefangen. Man vermisst lediglich die bereits erwähnte "Belebtheit", welche aber durch das hervorragende Voice-Acting und die stimmungsvolle Musik (beinahe) wettgemacht wird. Nach ca.
15 Stunden ist der Spaß aber auch leider schon wieder vorbei – an einem Wochenende sollte der Titel also allemal durchgezockt sein. Hinzuweisen wäre auch noch auf die Tatsache, dass hierzulande nur eine
gekürzte Version erscheint: Blut und die heftigen Skalpier-Animationen wurden zum Leidwesen volljähriger Zocker entfernt. Allen
Uncut-Fans sei also ein Import aus dem englischsprachigen Ausland ans Herz gelegt.