Fahrenheit setzt erfrischende Akzente im angestaubten Adventure-Genre.Um Haaresbreite würde es heute kein Spiel namens
Fahrenheit (außerhalb Europas
Indigo Prophecy) geben. Denn der Weg von Regisseur und Drehbuchautor David Cage war ein beschwerlicher. Die Suche nach einem Publisher, der ein neuartiges Spielkonzept in sein Programm aufnehmen wollte, gestaltete sich schwierig - was nicht gerade ein gutes Licht auf die Industrie wirft. Entwickler
Quantic Dream ließ sich aber nicht entmutigen und hatte schließlich das Glück des Tüchtigen.
Atari veröffentlichte das unter Adventure-Fans als Geheimtipp gehandelte Spiel für PC, PS2 und Xbox. Wie sich dieser Titel wirklich spielt, klärt unser
Master-Review.
Ein Videospiel, das zu Tränen rührt Die Filmindustrie hat den Bogen schon sehr lange heraus und weiß, wie man Emotionen beim Zuseher weckt. Eine vergleichsweise junge Videospielbranche hinkt hier immer hinterher.
» Eine blutige Angelegenheit. |
Es gibt immer wieder positive Ausreißer mit spannenden Geschichten (
Metal Gear Solid um nur ein Beispiel zu nennen), die meisten Titel sind jedoch streng linear oder setzen auf recht eingefahrene Genre-Grundsätze. Mit
Fahrenheit ging Entwickler
Quantic Dream das ehrgeizige Ziel an, ein Erlebnis zu schaffen, das einerseits
dramatische Handlung und andererseits
emotionale Tiefe vermitteln soll. Die ersten 30 Minuten des Spiels stellen ein intensives Erlebnis dar, das wirklich jeden Gamer fesselt.
Die Story, kurz zusammengefasst, dreht sich um Lucas Kane, der auf höchst ungewöhnliche Weise zum
Mordwerkzeug einer mysteriösen Macht mutiert. Auf der Toilette eines Schnellimbisses in New York City begeht Kane einen blutigen Ritualmord. Nach dem sehr psychedelischen Intro übernimmt man die Kontrolle über Lucas, der immer tiefer in die fesselnde Story hineingezogen wird. Einen Großteil des Reizes macht die allmähliche Erforschung der wahren Hintergründe aus.
Das Zauberwort lautet: Fl-ex-ib-el Das Genre von
Fahrenheit müsste traditionell als
Adventure bezeichnet werden - David Cage nennt es
interaktives Drama. Der gesteuerte Charakter hat die Fähigkeit, Context-sensitive
» Ich kann mich nicht entscheiden... |
Handlungen wie "Türe öffen", "Sprechen", "Betrachten" und eine Vielzahl von anderen Aktionen einzusetzen. Nicht komplett neu aber sehr gut umgesetzt wurde die Möglichkeit multiple
Charaktere abwechselnd zu steuern. Allerdings ist es sehr interessant, einmal in der Haut von Lucas Kane (der Mördverdächtige) und ein anderes Mal z.B. in der von Carla Valenti (die Dektektivin) oder ihres Kollegen Tyler Miles zu stecken. Diese oftmals spannend inszenierten Charakter-Wechsel sind wichtige Bestandteile des Handlungsablaufs und ermöglichen eine besondere Perspektive auf die verschiedenen Persönlichkeiten.
Die
stimmige Atmosphäre und die verzweigende Handlung machen
Fahrenheit so ungewöhnlich mitreißend. Ein kaltes, verschneites New York - Temperatur als Storyelement, daher auch der Name
Fahrenheit - lässt einen selbst im behaglichen Wohnzimmer schnell frösteln. Die Krone des Gameplays stellt aber die
flexible Story mit vielen verschiedenen Handlungssträngen dar. Je nachdem welche Aktion ein Charakter ausführt oder unterlässt, ergeben sich völlig neuartige Situationen oder Herausforderungen, die mitunter auch auf die Hauptstory beeinflussen. Besonders toll: Wenn sich eine Aktion ganz vom Anfang des Spiels erst viel später, dafür aber umso einschneidender auf den Verlauf des Spiels auswirkt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Täterbeschreibung. Zu Beginn des Abenteuers fertigt der Spieler selbst ein Fahndungsbild an, das erst in der zweiten Hälfte der Story - je nach Genauigkeit - Carlas Misstrauen gegenüber Lucas beeinflusst.
Viele Konversationen und noch mehr Minigames Charaktere werden per L-Stick (leider etwas unpräzise) durch die Schauplätze navigiert. Bietet sich eine Aktion an, so erscheint am oberen Bildschirmrand eine Menüleiste,
» Lucas' Kung Fu is strong! |
in der Bewegungen des R-Sticks eine Handlung auslösen. Gespräche verlaufen recht unkonventionell, indem man innerhalb eines knappen Zeitlimits aus maximal vier angebotenen Stichwörtern wählt. Einige Zwiegespräche haben dabei einen recht simplen Verlauf, andere hingegen erschließen
echte Kehrtwenden im Dialog. Es gibt dabei keine "falschen" oder "richtigen" Antworten, jedoch bekommt man bei geschickter Wahl oftmals zusätzliche Zwischensequenzen oder nützliche Hinweise zu Gesicht.
Sehr oft kommen Minigames zum Einsatz, bei denen gewisse Muster mit L- und R-Stick erfolgreich gedrückt werden müssen, um den Verlauf der Story günstig zu beeinflussen. Weiters gibt es auch ein Minispiel, wo es nur darum geht, möglichst schnell die Schultertasten zu drücken. Diese Sequenzen sind fast immer in die Story eingebettet und halten den
Adrenalinpegel auf hohem Stand - lenken aber mitunter von der eigentlichen Handlung ab. Gemütlich zurücklehnen kann sich ein Spieler bei Cutscenes jedoch nicht, denn selbst hier kommt es vor, dass eine Tastenkombination gedrückt werden muss. Das gestaltet sich nicht ganz so dramatisch wie bei
Resident Evil 4, allerdings kostet es schon ein paar Nerven. Wenn die Fingerfertigkeit zu wünschen übrig lässt, kommt es
durchaus schnell zu einem Game Over.
Tolle Präsentation, kleine Macken und schmerzende Finger Fahrenheit präsentiert sich recht eigenwillig. Das Tutorial, in dem die Grundzüge des Gameplays von Regisseur David Cage persönlich vorgestellt werden, wirkt fast wie eine interaktive Schulstunde mit einer echten Person.
» Stylische Splitscreens. |
Die Charaktermodelle und deren Mimik sind sehr gut umgesetzt und in den
zahlreichen unterhaltsamen Extras (Artwork, Cutscenes und Soundtrack) findet sich auch ein Making-Of über das umfangreiche Motion Capturing, bei dem einem die Kinnlade nach unten klappt. Die Galerien können aber nur freigeschaltet werden, wenn man zuvor genügend versteckte Bonus-Items eingesammelt hat. Insider-Tipp: Nicht genügend Items gesammelt um alle Extras freizuschalten? Seht euch den Abspann nochmals komplett an, ganz am Schluss erhaltet ihr immer die 200 Credits.
Künstlerisch und grafisch schaut
Fahrenheit gut aus, Weltbewegendes darf man sich aber nicht erwarten. Die Framerate bricht oftmals spürbar weg, was sich vor allem bei Kameraschwenks negativ bemerkbar macht. Sehr stylisch stechen die
Bild-in-Bild-Sequenzen heraus, die wie in der TV-Serie
24 zeitgleich verschiedene Ereignisse oder Perspektiven zeigen. Atmosphärisch und vor allem
musikalisch zählt
Fahrenheit zur Spitzenklasse. Der von Angelo Badalamenti komponierte Soundtrack passt sehr gut zur Stimmung des Spiels, kommt aber fast einen Tick zu oft zum Einsatz. Abwechslungsreicher fallen die zwölf lizenzierten Soul- und Swing-lastigen Tracks aus, die für tolle Stimmung sorgen.