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Master-Review:   » drucken    » versenden

Fahrenheit

» Autor: Georg Gruber
» Datum: 09.10.2005
» Gesamtwertung:
/5
4/5: Empfehlenswert
mit zahlreichen Stärken.
Wie wir bewerten
Fahrenheit setzt erfrischende Akzente im angestaubten Adventure-Genre.

Um Haaresbreite würde es heute kein Spiel namens Fahrenheit (außerhalb Europas Indigo Prophecy) geben. Denn der Weg von Regisseur und Drehbuchautor David Cage war ein beschwerlicher. Die Suche nach einem Publisher, der ein neuartiges Spielkonzept in sein Programm aufnehmen wollte, gestaltete sich schwierig - was nicht gerade ein gutes Licht auf die Industrie wirft. Entwickler Quantic Dream ließ sich aber nicht entmutigen und hatte schließlich das Glück des Tüchtigen. Atari veröffentlichte das unter Adventure-Fans als Geheimtipp gehandelte Spiel für PC, PS2 und Xbox. Wie sich dieser Titel wirklich spielt, klärt unser Master-Review.

Ein Videospiel, das zu Tränen rührt
Die Filmindustrie hat den Bogen schon sehr lange heraus und weiß, wie man Emotionen beim Zuseher weckt. Eine vergleichsweise junge Videospielbranche hinkt hier immer hinterher.
» Eine blutige Angelegenheit.
Es gibt immer wieder positive Ausreißer mit spannenden Geschichten (Metal Gear Solid um nur ein Beispiel zu nennen), die meisten Titel sind jedoch streng linear oder setzen auf recht eingefahrene Genre-Grundsätze. Mit Fahrenheit ging Entwickler Quantic Dream das ehrgeizige Ziel an, ein Erlebnis zu schaffen, das einerseits dramatische Handlung und andererseits emotionale Tiefe vermitteln soll. Die ersten 30 Minuten des Spiels stellen ein intensives Erlebnis dar, das wirklich jeden Gamer fesselt.

Die Story, kurz zusammengefasst, dreht sich um Lucas Kane, der auf höchst ungewöhnliche Weise zum Mordwerkzeug einer mysteriösen Macht mutiert. Auf der Toilette eines Schnellimbisses in New York City begeht Kane einen blutigen Ritualmord. Nach dem sehr psychedelischen Intro übernimmt man die Kontrolle über Lucas, der immer tiefer in die fesselnde Story hineingezogen wird. Einen Großteil des Reizes macht die allmähliche Erforschung der wahren Hintergründe aus.

Das Zauberwort lautet: Fl-ex-ib-el
Das Genre von Fahrenheit müsste traditionell als Adventure bezeichnet werden - David Cage nennt es interaktives Drama. Der gesteuerte Charakter hat die Fähigkeit, Context-sensitive
» Ich kann mich nicht entscheiden...
Handlungen wie "Türe öffen", "Sprechen", "Betrachten" und eine Vielzahl von anderen Aktionen einzusetzen. Nicht komplett neu aber sehr gut umgesetzt wurde die Möglichkeit multiple Charaktere abwechselnd zu steuern. Allerdings ist es sehr interessant, einmal in der Haut von Lucas Kane (der Mördverdächtige) und ein anderes Mal z.B. in der von Carla Valenti (die Dektektivin) oder ihres Kollegen Tyler Miles zu stecken. Diese oftmals spannend inszenierten Charakter-Wechsel sind wichtige Bestandteile des Handlungsablaufs und ermöglichen eine besondere Perspektive auf die verschiedenen Persönlichkeiten.

Die stimmige Atmosphäre und die verzweigende Handlung machen Fahrenheit so ungewöhnlich mitreißend. Ein kaltes, verschneites New York - Temperatur als Storyelement, daher auch der Name Fahrenheit - lässt einen selbst im behaglichen Wohnzimmer schnell frösteln. Die Krone des Gameplays stellt aber die flexible Story mit vielen verschiedenen Handlungssträngen dar. Je nachdem welche Aktion ein Charakter ausführt oder unterlässt, ergeben sich völlig neuartige Situationen oder Herausforderungen, die mitunter auch auf die Hauptstory beeinflussen. Besonders toll: Wenn sich eine Aktion ganz vom Anfang des Spiels erst viel später, dafür aber umso einschneidender auf den Verlauf des Spiels auswirkt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Täterbeschreibung. Zu Beginn des Abenteuers fertigt der Spieler selbst ein Fahndungsbild an, das erst in der zweiten Hälfte der Story - je nach Genauigkeit - Carlas Misstrauen gegenüber Lucas beeinflusst.

Viele Konversationen und noch mehr Minigames
Charaktere werden per L-Stick (leider etwas unpräzise) durch die Schauplätze navigiert. Bietet sich eine Aktion an, so erscheint am oberen Bildschirmrand eine Menüleiste,
» Lucas' Kung Fu is strong!
in der Bewegungen des R-Sticks eine Handlung auslösen. Gespräche verlaufen recht unkonventionell, indem man innerhalb eines knappen Zeitlimits aus maximal vier angebotenen Stichwörtern wählt. Einige Zwiegespräche haben dabei einen recht simplen Verlauf, andere hingegen erschließen echte Kehrtwenden im Dialog. Es gibt dabei keine "falschen" oder "richtigen" Antworten, jedoch bekommt man bei geschickter Wahl oftmals zusätzliche Zwischensequenzen oder nützliche Hinweise zu Gesicht.

Sehr oft kommen Minigames zum Einsatz, bei denen gewisse Muster mit L- und R-Stick erfolgreich gedrückt werden müssen, um den Verlauf der Story günstig zu beeinflussen. Weiters gibt es auch ein Minispiel, wo es nur darum geht, möglichst schnell die Schultertasten zu drücken. Diese Sequenzen sind fast immer in die Story eingebettet und halten den Adrenalinpegel auf hohem Stand - lenken aber mitunter von der eigentlichen Handlung ab. Gemütlich zurücklehnen kann sich ein Spieler bei Cutscenes jedoch nicht, denn selbst hier kommt es vor, dass eine Tastenkombination gedrückt werden muss. Das gestaltet sich nicht ganz so dramatisch wie bei Resident Evil 4, allerdings kostet es schon ein paar Nerven. Wenn die Fingerfertigkeit zu wünschen übrig lässt, kommt es durchaus schnell zu einem Game Over.

Tolle Präsentation, kleine Macken und schmerzende Finger
Fahrenheit präsentiert sich recht eigenwillig. Das Tutorial, in dem die Grundzüge des Gameplays von Regisseur David Cage persönlich vorgestellt werden, wirkt fast wie eine interaktive Schulstunde mit einer echten Person.
» Stylische Splitscreens.
Die Charaktermodelle und deren Mimik sind sehr gut umgesetzt und in den zahlreichen unterhaltsamen Extras (Artwork, Cutscenes und Soundtrack) findet sich auch ein Making-Of über das umfangreiche Motion Capturing, bei dem einem die Kinnlade nach unten klappt. Die Galerien können aber nur freigeschaltet werden, wenn man zuvor genügend versteckte Bonus-Items eingesammelt hat. Insider-Tipp: Nicht genügend Items gesammelt um alle Extras freizuschalten? Seht euch den Abspann nochmals komplett an, ganz am Schluss erhaltet ihr immer die 200 Credits.

Künstlerisch und grafisch schaut Fahrenheit gut aus, Weltbewegendes darf man sich aber nicht erwarten. Die Framerate bricht oftmals spürbar weg, was sich vor allem bei Kameraschwenks negativ bemerkbar macht. Sehr stylisch stechen die Bild-in-Bild-Sequenzen heraus, die wie in der TV-Serie 24 zeitgleich verschiedene Ereignisse oder Perspektiven zeigen. Atmosphärisch und vor allem musikalisch zählt Fahrenheit zur Spitzenklasse. Der von Angelo Badalamenti komponierte Soundtrack passt sehr gut zur Stimmung des Spiels, kommt aber fast einen Tick zu oft zum Einsatz. Abwechslungsreicher fallen die zwölf lizenzierten Soul- und Swing-lastigen Tracks aus, die für tolle Stimmung sorgen.
Pro
Mitreißende Story
Gute Präsentation
Stimmiger Soundtrack
Attraktiver Preis (ca. 40 EUR)
Contra
Schwächen bei der Steuerung
Framerate könnte besser sein
Kurze Spieldauer
Fazit
Die dichte Stimmung, die spannende Präsentation und vor allem die packende Handlung von Fahrenheit überzeugen ab der ersten Minute. Ganz so revolutionär wie die Produzenten gerne möchten, ist es dann aber doch nicht ausgefallen. Einige technische Schwächen (Steuerungsprobleme, Framerate und Minigames-Frust) und auch die, spät aber doch auftretende, Linearität verwehren dem Titel die Bestnote. Wer sich aber auch nur im Entferntesten für Adventures interessiert, bekommt für sein Geld viel geboten. Dank verzweigender Story gibt es auch einen hohen Wiederspielwert. Hat man den Bogen erst einmal heraus, so sieht man bereits nach knapp zehn Stunden den Abspann. Die verschiedenen Schwierigkeitsgrade ändern dabei nur die Herausforderung bei den ohnehin teils demotivierenden Minigame-Passagen. Sehr erfrischend: Der Content ist klar an erwachsenes Publikum gerichtet und enthält einen Schuss Sex and Crime als auch Mystisches. Somit geht die Alterseinstufung "ab 16" voll in Ordnung. Fahrenheit vermittelt ein emotionsgeladenes Spielerlebnis und sollte in keiner Adventure-Sammlung fehlen.
Infos
Erhältlich für
Genre
Adventure
Publisher
Atari
Entwickler
Quantic Dream
Website
www.fahrenheitg...
Release
16. September 2005
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