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Der Pate  
» Autor: Stefan Lehmler
» Datum: 05.04.2006
» Gesamtwertung:
/5
4/5: Empfehlenswert
mit zahlreichen Stärken.
Wie wir bewerten
Gelungene Videospiel-Adaption des Klassikers, der mit kleineren Unzulänglichkeit zu kämpfen hat.

Derzeit gewinnt man ein wenig den Eindruck, als würden neue Filme nicht mehr genug Stoff für Videospiele bieten. Nachdem so gut wie jeden aktuellen Blockbuster eine Softwareumsetzung begleitet fängt man bei den Entwicklern mittlerweile damit an, in der Mottenkiste der Kinogeschichte zu wühlen. Nach einer Umsetzung zu The Warriors folgt nun ein Spiel zum Mafia-Kultfilm Der Pate. Wir waren im Auftrag der Familie unterwegs und haben unsere Erfahrungen im folgenden Master-Review niedergeschrieben.

Harte Kindheit
Das Leben in New York der 30er-Jahre ist nicht leicht. Rivalisierende Mafiaclans kämpfen um die Vorherrschaft in den Vierteln und rücken jedem, der Schutzgeldzahlungen nicht nach kommt, mit äußerster Gewalt auf die Pelle.
» Mit Erpressungen verdienen wir unser erstes Geld.
Auch unser junger Protagonist wird Opfer dieser Machenschaften. Am hellichten Tage sprengen Mafiosi den Bäckerladen seines Vaters. In einer kurzen Einleitungssequenz liefert man sich in der Rolle des Papas eine Schlägerei mit einem Mordkommando, nur um anschließend im Kugelhagel umzukommen. Bereits hier wird klar: Im Paten geht es nicht zimperlich zu.

Die Schlägereien erinnern an die aus The Warriors, Gegner werden nicht einfach per Buttondruck geschlagen, sondern lassen sich durch zahlreiche Aktionen brutal vermöbeln. Ob man nun auf am Boden Liegende eintritt, ihnen an die Gurgel geht oder mit weit ausholenden Schlägen die Visage richtet - alles wirkt hart und realistisch. Einige Finish-Moves wie Genickbrecher sind da nur die Spitze der Gewalt. Wenige Spielminuten und etliche Ingame-Jahre später schlümpft man schließlich in die Rolle des erwachsen gewordenen Kindes, das, geprägt durch den gewaltsamen Mord an seines Vaters, auf die krumme Bahn geraten ist. Dank dem Interesses der Corleone-Familie an dem Jungen wird dieser schon sehr bald eine steile Karriere als Mafioso machen.

Willkommen in der Familie
Wie in einer richtigen Verbrecherkarriere üblich beginnt man natürlich als kleiner Handlanger, der für simple Aufträge wie das Zusammenschlagen ungehorsamem Klientel oder einfache Fahrjobs verantwortlich ist. Die nächste
» Gangster sein ist nicht ungefährlich.
Hauptaufgabe, welche jeweils für das Vorantreiben der Story zuständig ist, wird auf der Übersichtskarte stets als blauer Punkt markiert. Dort angekommen – meist nach einer recht langen Fahrt mit einem geklauten Auto - gibt es ganz GTA-like eine schick inszenierte Zwischensequenz in Spielgrafik zu bestaunen, die über den nächsten Auftrag informiert. Die erzählte Geschichte ist lediglich an die der Filme angelehnt.

Besser gesagt, sie verläuft parallel zu den Ereignissen der Leinwandvorlagen und erzählt diese aus anderen Blickwinkeln. So stiehlt man in einer Mission beispielsweise den Kopf eines Pferdes, um diesen neben dem schlafenden Besitzer des teuren Tiers zu platzieren, was Kenner des Films natürlich sofort richtig zuordnen können. Insgesamt sind die Missionen recht abwechslungsreich geraten. Mal gilt es Verfolgungsjagden zu überstehen, ein anderes Mal verkloppt man zahlreiche Feinde und wieder ein anderes Mal wird aus allen Rohren geballert. Den genialen Einfallsreichtum der GTA-Serie vermisst man allerdings.

Dumpfe Gegner
Natürlich muss man sich in den abwechslungsreichen Missionen mit allerlei Gegenwehr seitens verfeindeter Gangsterbanden und der Polizei gefasst machen. Um dieser entgegen zu treten gibt es neben dem bereits angesprochenen
» Ungehorsames Klientel wird bestraft.
brutalen Nahkampfsystem noch allerlei Ballermänner. Der Pate bietet wie die GTA-Reihe sowohl ein manuelles als auch ein automatisches Zielsystem. Außerdem ist es möglich, hinter Wänden in Deckung zu gehen und sich per Tastendruck um Ecken zu lehnen, um Feinde überraschend aufs Korn zu nehmen. Leider haben prinzipiell spannenden Schießereien mit einigen Problemen zu kämpfen.

Zunächst stört die nicht ganz optimale Kamera, welche vor allem bei Deckungsmanövern oftmals die Feinde aus dem Blickfeld verliert. Auch das Auto Aiming funktioniert nicht immer zu Gunsten des Spielers, wenn es darum geht, spezielle Widersacher aufs Korn zu nehmen. Eine weitere Unzulänglichkeit sind die teils derben KI-Aussetzer. Es kommt nicht selten vor, dass Feinde regungslos vor der Spielfigur stehen bleiben ohne zu schießen, oder sonst irgendwelche Anstalten machen, sich zu bewegen. Auch ist das Balancing der Ballereien nicht sonderlich gut gelungen, was sich vor allem dann zeigt, wenn man durch einen einzigen Treffer mehr als die Hälfte der Lebensenergie verliert.

New York, New York
Natürlich ist es abseits der im Vergleich zur Grand Theft Auto-Reihe recht wenigen Hauptmissionen möglich, die große Stadt frei zu erkunden und allerlei Nebentätigkeiten wahr zu nehmen. Im Mittelpunkt steht hier das Erpressen
» Bloß nicht zu weit rechts schießen.
von Geschäftsinhabern, so dass diese einen wöchentlichen Tribut an die Corleone-Familie sowie den Spieler abtreten. Die meisten Besitzer solcher Einrichtungen müssen durch körperliche Gewalt oder das Zertrümmern der Einrichtung überredet werden, bevor sie einlenken. Gefährlich für den Spieler wird es immer dann, wenn bereits eine andere Familie Schutzgeld von einem Geschäft erpresst. Hier müssen zunächst feindliche Gangster, welche den Laden bewachen, durch Schläge oder Waffengewalt ausgeschaltet werden. Doch Vorsicht!

Wer zu viele Handlanger einer gegnerischen Familie ins Jenseits befördert, löst Bandenkriege aus, die nur durch das Zerbomben eines feindlichen Geschäftes beendbar sind. Schafft man es innerhalb eines großzügigen Zeitlimits nicht, ein feindliches Etablisement zu zestören, vernichtet der Feind eines des Spielers, was zu verminderten Wochen-Einnahmen führt. Darüber hinaus kann man sich durch Mordaufträge zusätzliche Moneten verdienen. Das eingenommene Geld steckt man in den Kauf und Upgrades neuer Waffen, sowie schicker Kleidung für die Spielerfigur. Außerdem ist es möglich, durch Erfahrungspunkte - im Game "Respekt" genannt – Grundfertigkeiten wie Schießen, Nahkampf und Tempo zu verbessern.

Zwiespältige Technik
Technisch bietet sich ein recht durchwachsenes Gesamtbild. Die Grafik weiß vor allem durch die lebendig inszenierte Stadt, die toll eingefangenen Gesichter der Hauptcharaktere und deren Mimik sowie fette Explosionseffekte und
» Nicht selten gibt's richtig auf die Kauleiste.
kurze Ladezeiten zu überzeugen. Auf der anderen Seite gibt es allerlei Grafikfehler, hässliche Nebelbildung, Slowdowns und teils misslungene Texturen zu beklagen. Die Xbox-Version sieht dabei wie im Normalfall üblich leicht besser aus als das PS2-Pendant. Soundtechnisch wird auf den bekannten Filmsoundtrack sowie professionelle Sprecher zurückgegriffen, was für die richtige Atmosphäre sorgt.

Leider gibt es in Fahrzeugen keine Radiofunktion, wie man sie aus vergleichbaren Titeln kennt, was die einzelnen Musikstücke recht oft wiederkehren lässt. Der Schwierigkeitsgrad ist vor allem bei späteren Schießereien relativ hoch angesetzt und leidet unter einigen unfairen Situationen, in denen Gegner beispielsweise hinter dem Spieler oder in toten Winkeln auftauchen. Glücklicherweise bietet das Game während der Missionen Checkpoints, so dass man nicht immer alles komplett neu spielen muss. Warum diese Rücksetzpunkte aber ausgerechnet bei den beinharten Missionen gegen Ende der Hauptstory weggelassen wurden, bleibt ein Rätsel.
Pro
Schöne Inszenierung
Gutes Nahkampfsystem
Abwechslungsreiche Missionen
Viel zu tun abseits der Story
Checkpoints
Contra
Unausgewogener Schwierigkeitsgrad
Derbe KI-Aussetzer
Teils zu lange Fahrtwege
Ziel- und Deckungssystem mit Macken
Ein paar mehr Hauptmissionen hätten nicht geschadet
Fazit
Nach The Warriors zeigt auch Der Pate eindrucksvoll, dass Spiele zu Filmen mehr als nur Umsetzungen der bekannten Materie sein können. Hier werden neue Ereignisse geschickt mit denen des Films verknüpft, so dass die bekannte Storyline aus einem anderen Blickwinkel mit zusätzlichen Elementen erzählt wird. Rein spielerisch wird eine überzeugende Adaption des bekannten GTA-Spielprinzipes geboten, welches zwar bei weitem nicht an Rockstars geniale Vorlage heran reicht, aber trotzdem jede Menge Spaß macht. Die guten, neuen Ideen wie das Erpressen von Geschäftsbesitzern fügen sich gut in das Konzept ein und sorgen für frischen Wind im Genre. Technisch geht der Titel ebenfalls okay. Wirklichen Grund zum Klagen gibt es allerdings bei dem unausgewogenem Schwierigkeitsgrad, der nicht ganz optimalen Zielerfassung, den fehlenden Checkpoints in den letzten Missionen sowie den oft zu lang geratenen Fahrtwegen. Dennoch bleibt unter dem Strich ein guter GTA-Klon, der vor allem Fans des Films bestens bedienen dürfte. Und mal ehrlich: Wer hätte das bei der Ankündigung vor geraumer Zeit gedacht?