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SCAR: Squadra Corse Alfa Romeo  
» Autor: Klaus Fleerkötter
» Datum: 04.08.2005
» Gesamtwertung:
/5
4/5: Empfehlenswert
mit zahlreichen Stärken.
Wie wir bewerten
Ordentlicher Mix aus Renn- und Rollenspiel, der an einigen Macken leidet.

Um gegen die harte Konkurrenz der Spieleindustrie zu bestehen, ist heutzutage schon mehr nötig, als ein bekanntes Konzept auszulutschen. Die Spieler schreien nach Innovation, sie fordern Abwechslung. Mit SCAR: Squadra Corse Alfa Romeo wagt sich Black Bean an einen Mix aus Renn- und Rollenspiel: Ihr absolviert Rennspiel-typisch eine Karriere als Rennfahrer, in der ihr Erfahrungspunkte sammelt und hochlevelt – ganz wie in einem Rollenspiel. Ob der Spagat zwischen den beiden Spielwelten gelungen ist, erfahrt ihr in unserem Master-Review.

Ein Cocktail aus dem Genremischer
Wie der Name schon erahnen lässt, ist SCAR: Squadra Corse Alfa Romeo exklusiv dem italienischen Autohersteller Alfa Romeo gewidmet, weswegen die 25 Originalwagen ausschließlich aus dem Fuhrpark des zu Fiat
» Wer verfolgt wird tut gut, eine hohe Fahrerkondition zu haben.
gehörenden Konzerns stammen. Auf insgesamt 15 lizenzierten Rennstrecken, unter denen sich zum Beispiel auch der Hockenheimring befindet, drehen diese ihre Runden.

Der Entwickler versteht sein Spiel als das erste CaRPG, denn die Rennsimulation ist mit einigen Rollenspielelementen gespickt. So fallen während des Spielens zuerst zwei farbige, Genre-untypische HUD-Anzeigen auf, welche den Zustand von Fahrer und Wagen widerspiegeln. Die Fahrerkondition sinkt, sobald ein Gegner euch von hinten bedrängt – er wird "unter Druck" gesetzt. Erreicht der Wert Null, verschwimmt das Bild und ein heftiges Pochen überlagert den Ton – K.O. Euer Alter Ego braucht einige Zeit, um sich von diesem Zustand zu erholen. Unwiderruflich beendet ist das Spiel allerdings, wenn der Wagenzustand gegen Null geht, denn das stellt einen Totalschaden des Rennboliden dar. Ihr werdet diesen Notsituationen natürlich nicht hilflos ausgeliefert: In SCAR besitzt eure Spielfigur in bester Rollenspielmanier neun Attribute, auf die bei Levelaufstieg Fähigkeitspunkte verteilt werden können. Diese Charakterzüge - viel weniger Werte wie Stärke oder Intelligenz, sondern Eigenschaften wie Sicht, Konzentration oder Ausdauer – beeinflussen eure Kondition während des Rennens sowie den Tiger-Effekt. Diese Rückspulfunktion, die wir schon aus Titeln wie Max Payne oder Prince of Persia kennen, ermöglicht nach einem Unfall einen zweiten Versuch. Zusammen mit Gegenständen wie Helmen, Schuhen oder Handschuhen, die ebenfalls Einfluss auf Kondition und Tiger-Effekt haben, passt ihr so die Spielfigur eurer Fahrweise an: Wer hauptsächlich an erster Stelle liegt, kann mit einem hohen Konzentrationswert verhindern, dass die Konkurrenz von hinten für ein K.O. sorgt. Anderen, denen das schrittweise Vorarbeiten liegt, könnte ein hoher Einschüchterungswert nützlich sein, da sie so leichter gegnerische Fahrfehler provozieren.

Warriors war gestern
Im Dynastie-Modus kämpft ihr euch durch zahlreiche Rennserien, die mit wertvollen Erfahrungspunkten und Ausrüstungsgegenständen locken. Es handelt sich hierbei um den Hauptteil des Spiels, welcher im Gegensatz zur Genreikone Gran Turismo 4 sehr
» Allzu gewagte Manöver landen meist im Kiesbett.
linear verläuft. Ihr absolviert klassische Rennen, hier Touren genannt, von unterschiedlicher Länge sowie kleinere Fahrspiele, die Herausforderungen. Ähnlich wie in PGR 2: Project Gotham Racing gilt es, eine fehlerfreie Runde hinzulegen, eine Mindestgeschwindigkeit einzuhalten oder innerhalb eines Zeitlimits einen Kontrahenten zu überholen. Für diese relativ anspruchsvollen Aufgaben winken besonders viele Belohnungen. Fast schon selbstverständlich ist das Zeitfahren, in dem auf die Jagd nach Bestzeiten gegangen werden darf. Besitzern eines Netzwerkadapters ist es möglich, die Ghost-Dateien von Rekordhaltern herunterzuladen und sich in Highscores zu verewigen. Direkte Duelle sind im Online-Modus hingegen nicht möglich; diese bleiben dem Zwei-Spieler-Splitscreen-Rennen vorbehalten.

Das Fahrverhalten von SCAR erfordert einige Eingewöhnung, denn die Boliden des italienischen Fabrikanten liegen allesamt schwerfällig auf der Straße. Schon bald ist jedoch zu bemerken, dass die Physik ausgesprochen realistisch reagiert. Behutsames Vorgehen vorausgesetzt, werdet ihr euch bereits nach
» Erst einschüchtern, dann ausbremsen.
einigen Spielstunden in intensiven Positionskämpfen und knallharten Kurvenduellen wieder finden. Die intelligenten KI-Fahrer kontern fiese Rempler und wer allzu stark drängelt, landet, ehe er sich versieht im Kiesbett. Nichtsdestotrotz scheint der Rennablauf doch ruhig, denn ein Geschwindigkeitsgefühl wird kaum vermittelt.

Italienischer Kurzurlaub
Wieder zuhause geblieben? Macht gar nichts, denn in SCAR bekommt ihr einiges zu sehen. Von normalen Rennstrecken über sandige Trockenpisten bis hin zu Fahrten durchs idyllische Grün oder durch belebte Stadtschluchten bietet das Spiel abwechslungsreiche Settings. Doch teils grobe Texturen und starkes Kantenflimmern holen die grafische Qualität in den Bereich des oberen Durchschnitts zurück. Das Geschehen läuft im Einzelspielerbetrieb durchweg flüssig, jedoch kommt es im Splitscreen-Spiel teilweise zu heftigen Ruckeleinlagen. Besonders Besitzer eines Dobly ProLogic II-fähigen Soundsystems werden sich über den intensiven Surround-Sound freuen, der die Motorgeräusche realistisch vermittelt. Es sträuben sich die Nackenhärchen, wenn ein Gegner am Heckspoiler klemmt, sein Motor von hinten lauter zu hören ist als der eigene und ein tiefes Pochen die Abnahme der Fahrerkonzentration unterstreicht. Ein Soundtrack fehlt allerdings, auch auf Hintergrundmusik außerhalb des Menüs muss verzichtet werden. Ins Fettnäpfchen getreten sind die Entwickler mit den deutschen Bildschirmtexten, die aufgrund ihrer Ungereimtheit regelmäßig für ein Schmunzeln sorgen. Auch die Menüstruktur ist etwas unvorteilhaft gewählt; kleine Ladezeiten beim Auswählen stören den Bedienkomfort. Zum Speichern muss sich ebenfalls durch den Menüdschungel gekämpft werden, denn auf eine Autosave-Funktion wurde verzichtet.
Tuning- und Aufmotzorgien, wie sie jüngst im Genre Konjunktur feiern, fehlen in SCAR gänzlich. Es bleibt lediglich die etwas eingeschränkte Möglichkeit, die Beschleunigung und das Handling über die Fähigkeiten des Fahrers zu beeinflussen. Kennern des Einstellungsreichtums eines Formel Eins 05 werden sich allerdings über die Unflexibilität dieser Option beklagen.
Pro
Neues Spielkonzept
Ausgereifte Fahrphysik
Intensiver Sound
Abwechslungsreiche Settings
Originalautos und -strecken
Contra
Starkes Kantenflimmern
Wenig Abwechslung
Keine Tuningoptionen
Umständliches Menü
Kein Soundtrack
Fazit
Ich ging an SCAR mit gemischten Gefühlen heran, denn mein erster Gedanke war: "Oh mein Gott, die Wagen steuern sich ja noch schwerfälliger als die Lastwagen in DTM Race Driver 2!". Doch der Titel offenbart sein Potenzial erst auf den zweiten Blick, wenn die Steuerung erlernt und der Umgang mit den einzigartigen Rollenspielelementen verstanden ist. Obwohl jeder größere Schnitzer in Kurven oder bei Gegnerkontakt im Kiesbett endet, kommt kein Frust auf, da der Tiger-Effekt hier perfekt greift. So freundete ich mich mehr und mehr mit diesem Titel an. Denn die Attributverteilung macht in Kombination mit der Ausrüstung von Gegenständen durchaus Sinn, wenn auch natürlich keine Charakterentwicklung eines "richtigen" Rollenspiels zu erwarten ist. Geschickte Spieler passen mit einer gekonnten Abstimmung so das Alter Ego an ihr Fahrverhalten an. Doch einige negative Aspekte verwähren dem Titel einen Pflichtkauf: Einstellungsmöglichkeiten an den Wagen sind heutzutage quasi selbstverständlich, das arge Kantenflimmern hätte man in den Griff bekommen können und aufgrund des vergleichsweise mickrigen Umfangs an Wagen und Strecken ist nicht allzu viel Abwechslung gegeben. Rennspieler auf der Suche nach einem neuen Konzept dürfen allerdings zugreifen.