Wiederbelebter Klassiker mit top Grafik, angestaubtem Gameplay und umfangreichem Mehrspielermodus.Als vor vier Jahren ein kleines Eichhörnchen namens
Conker den Nintendo 64 eroberte, war die Freude unter Besitzern dieser Konsole groß. Das Spiel vereinte Knuddeloptik mit tiefschwarzem Fäkalhumor, derber Brutalität, modernem Gameplay und top Grafik. Mittlerweile ist das Originalmodul zu einer Rarität geworden. Wer in den Genuss des Klassikers kommen will, muss bei ebay und Konsorten 50 Euro und mehr berappen. Glücklicherweise wurde nun das Remake für Microsofts Xbox fertig gestellt, welches neben einer stark aufgemotzten Grafik auch einen umfangreichen Mehrspielermodus bietet. Was wir von
Conker: Live & Reloaded halten, erfahrt ihr wie immer in unserem
Master-Review.
King ConkerBereits der Vorspann zeigt, was den Spieler in der rund
zehn Stunden langen Solo-Kampagne erwartet:
Tiefschwarzer Humor in einer
brillanten Knuddeloptik, gewürzt mit zahlreichen
» Conker trifft auf seltsame Zeitgenossen. |
Seitenhieben auf bekannte Kultfilme. Schon die ersten Sekunden strapazieren die Lachmuskeln: Die morbide Eingangssequenz ist an
Stanley Kubricks Meisterwerk
Clockwork Orange angelehnt und zeigt einen absolut geschafft dreinblickenden
König Conker inmitten seiner nicht weniger seltsamen Gefolgsleute. Nach ein paar einleitenden Worten springt der Titel einen Tag zurück, um die Geschichte von vorne zu erzählen.
Conker’s Bad Fur Day - so der Name des fast 1:1 aus dem Original übernommenen Solo-Parts des Titels - beginnt mit einem Saufgelage in einer billigen Spelunke, wo der Protagonist zusammen mit ein paar Kumpels ein alkoholhaltiges Fest feiert. Anschließend schleppt sich das vollkommen betrunkene Eichhörnchen kotzend und lallend in Richtung Heimat. Hier übernimmt der Spieler die Kontrolle über den besoffenen Conker und wagt die ersten Schritte in der
knallbunten Comicwelt. Bereits in diesen Sequenzen ist die
Grafik eine einzige Augenweide. Lediglich
seltene Ruckler schmälern den ansonsten überragenden Eindruck, welcher dank hochauflösenden Texturen, einer gigantischen Weitsicht und detaillierten Spielfiguren zustande kommt.
Holy Sh…Gezeichnet vom übermäßigen Alkoholgenuss folgt die Hauptfigur wankend den Controllereingaben des Spielers. Nach einigen Metern trifft man auf eine versoffene Vogelscheuche, die dem Protagonisten ebenfalls lallend und Alkohol
nachfüllend einige grundlegende Bewegungsmanöver näher bringt. Wer sich bei solch stark
dialektlastigen und undeutlich ausgesprochenen
Dialogen vollkommen auf sein Gehör und Sprachverständnis verlassen möchte, der sollte über sehr gute Englischkenntnisse verfügen. Kann man der
professionellen Synchronisation nicht folgen, darf alternativ auf deutsche Bildschirmtexte zurückgegriffen werden. So entgehen niemandem die
aberwitzigen Dialoge voller – teilweise gepiepter – Schimpfworte und jeder Menge Wortwitz. Leider hat man bei der deutschen Übersetzung nicht immer gute Arbeit geleistet, so dass es von leichtem Vorteil ist, das Gesprochene zu verstehen. Die gelungene Einleitungssequenz ist allerdings erst ein kleiner Vorgeschmack auf noch wesentlich
deftigere Gags im späteren Game. Im Verlauf des Programms muss der Spieler unter anderem gegen Nazi-Teddybären antreten, aus Kuhexkrementen Kugeln rollen oder auf den übergroßen Brüsten einer Sonnenblume Trampolin springen. Besonders abgefahren wird es bei den
einfallsreichen Endgegnern: So muss sich der Protagonist beispielsweise gegen einen Dampfroboter mit riesigen Hoden oder einen überdimensionierten, singenden Kothaufen zur Wehr setzen. Diese Art von derbem Humor zieht sich konstant durch den gesamten Titel und strapaziert durchgehend die Lachmuskeln des Spielers – vorausgesetzt man steht auf diese Art von Witzen.
Gameplay mit MackenGameplaytechnisch gibt sich
Conker: Live & Reloaded viel weniger abgefahren als in der Inszenierung. Prinzipiell ist der Titel ein ganz normales Jump’n’Run mit Ballereinlagen. Genau wie seine Genre-Kollegen
Mario oder
Rayman rennt und springt das süße Eichhörnchen durch die knallbunten Levels, löst kleinere Rätsel und weicht Hindernissen aus. Leider merkt man dem Titel hier an vielen Stellen sein eigentliches Alter an.
Längen im Spieldesign, wie beispielsweise ein öder Unterwasserlevel oder die nervige Schlüsselsuche in einem zombieverseuchten Schloss sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Hinzu kommen einige
frustrierende Stellen, die durch teils
unfaires Design oder
mangelnde Rücksetzpunkte unnötig die Nerven aller Jump’n’Run-Fans strapazieren. Aufgrund fehlender Schwierigkeitsgradanpassung dürften vor allem Anfänger an einigen Stellen schlichtweg überfordert sein und den Spaß am Spiel verlieren. Ein weiterer Kritikpunkt ist die
schlechte Abmischung der Jump’n’Run- und Ballerelemente. Während man in den ersten zwei Dritteln des Spiels fast nur dem Springen und Laufen frönt, gestaltet sich der Rest als Ballerorgie. Hier hätte ein besserer Mix für wesentlich mehr Abwechslung während des Verlaufs gesorgt.
Langweilige Nahkämpfe mit einem Baseballschläger,
Kameraprobleme und eine
teils schwammige Steuerung sprechen zudem nicht gerade für den Titel.
Das Level- und Rätseldesign dürfte ebenfalls sehr geschmacksabhängig sein. Aufgrund der großen, zusammenhängenden Spielwelt, welche den Spieler unter anderem Wälder, Seen, Lavahöhlen und einen Kotwelt entführt - sowie einiger abgefahrener Rätsel -, ist häufig explizites Erforschen der Areale von Nöten, um voran zu kommen. Während vor allem erkundungs- und experimentierfreudige Geister Spaß daran haben, werden Fans von flotteren Spielabläufen hier schnell mit ihrer Ungeduld zu kämpfen haben.
Live & ReloadedAusgewogener als der Solo-Modus präsentiert sich der Mehrspielerpart des Games. Extra für das Remake hat
Rare einen Onlinemodus springen lassen, der auch alleine gegen Bots, per Splittscreen oder im Netzwerk gespielt werden darf.
» Im Mehrspielermodus lassen wir es so richtig krachen. |
Insgesamt stehen
acht Maps, die in Weltkriegs und Zukunftsszenarien angesiedelt sind, zum blutigen Kampf zwischen
Squirrels und
Tediz bereit. Neben
verschiedenen Charakterklassen bietet der Titel auch einige
Fahr- und Flugzeuge sowie
stationäre Geschützstellungen, so dass ein wenig taktischer Tiefgang nicht fehlt. Sämtliche Modi sind auf Gruppenspiele ausgelegt und bieten
Capture the Flag und diverse
missionsbasierte Aufträge, in denen eine Gruppierung diverse Stellungen einnehmen, beziehungsweise halten muss. Der Spielablauf selbst präsentiert sich bei voller Besetzung von
16 Spielern als sehr hektisch, chaotisch und actionorientiert. Dank durchschlagenden Waffen wie Raketen-, Granatwerfern, Handgranaten und diversen Maschinen- und Scharfschützengewehren explodiert ständig der halbe Level und man muss stark aufpassen, nicht ins Kreuzfeuer der feindlichen Soldaten zu geraten. Leider sind die verschiedenen
Maps und das Balancing zwischen den Truppentypen
weniger gut gelungen. Erstere wirken zu
simpel und wenig durchdacht, während bei den Einheiten vor allem die Bazookaträger viel zu stark geraten sind. Für professionelle oder
ernsthafte Onlinegefechte eignet sich der Titel daher also nicht - für den effektgeladenen, actionreichen Multiplayerkick für Zwischendurch dafür aber umso mehr.