Packendes Japano-RPG abseits der üblichen Genreklischees, das den Vorgänger in allen Belangen überflügelt.Als im Jahre 2002
Shadow Hearts in unseren Breiten erschien, hielt sich das Lob der Fachpresse vor allem auf Grund der unterdurchschnittlichen Grafik in Grenzen. Dennoch konnte sich der Titel einiger erfrischender Ideen wegen seinen Platz in den Herzen eingefleischter Rollenspielcracks erobern. Rund drei Jahre später bläst der Nachfolger zum Angriff auf den PAL-Genrethron und fordert Titel wie
Final Fantasy X und
Star Ocean: Till the End of Time zum ultimativen Bosskampf heraus. Das folgende Master-Review verrät euch, ob
Shadow Hearts: Covenant das Schlachtfeld als Sieger verlässt oder reumütig den Rückzug antreten muss.
Im Osten nichts Neues Shadow Hearts: Covenant zeigt sich von Beginn an als
klassisches Japano-RPG. Ob Zufallskämpfe, stundenlanges Aufleveln der eigenen Party, komplexe Dungeons oder dramatische Hintergrundgeschichte:
» Gleich lässt Yuri es krachen. |
Das Spiel folgt auf den ersten Blick dem selben Strickmuster wie die meisten anderen Genrevertreter. Bizarr erscheint jedoch gleich anfangs das ungewöhnliche Setting. Anstatt in mittelalterlichen Fantasywelten oder futuristischen Science Fiction-Umgebungen gegen das Böse ins Feld zu ziehen, spielt sich hier das Geschehen inmitten der
Wirren und Machtkämpfe des Ersten Weltkriegs ab. Eure abenteuerliche Odyssee beginnt in Frankreich und alsbald durchwandert ihr den ganzen europäischen Kontinent, um das Übel dieser Welt an der Wurzel zu packen und einer elitären Sekte namens
Sapientes Gladio den Garaus zu machen. Dabei reist ihr nicht per pedes zwischen den Orten umher, sondern wählt auf einer Landkarte bequem die Destination eurer Wünsche. Somit erspart ihr euch lange Fußwege und werdet nur innerhalb der Dungeons mit Zufallskämpfen konfrontiert.
Zentraler Bestandteil der rundenbasierten Feindberührungen ist der sogenannte
Judgement Ring, mit dem ihr neben physischen Attacken auch Zauber und Spezialangriffe auslöst. Hier dreht sich ein Zeiger – ählich einer Uhr – im Kreis und ihr müsst diesen per Knopfdruck innerhalb der Trefferzonen eures Recken stoppen. Landet der Zeiger exakt am Ende einer dieser Zonen, so platziert ihr einen
Perfect Hit und verursacht größeren Schaden. Doch wer hoch pokert, kann auch viel verlieren: Verpasst ihr die gesamte Trefferzone, so misslingt eure Attacke und ihr müsst bis zur kommenden Runde auf eure nächste Chance warten. Wem dieses Geschicklichkeitselement nicht zusagt, der kann den – flexibel konfigurierbaren und um viele Spezialeffekte aufrüstbaren – Ring im Optionsmenü deaktivieren, muss sich dann jedoch mit lediglich durchschnittlichen Treffern begnügen. Um dem Gegner so richtig einzuheizen, könnt ihr die Angriffe eurer Party zu
Combos verknüpfen und so noch zusätzlichen Schaden verursachen.
Mächtig mächtigMagische Fähigkeiten sind nicht an bestimmte Charaktere sondern an
Crests gebunden, die ihr mit etwas Entdeckertrieb im Laufe des Abenteuers findet. So obliegt es euch selbst, wen ihr zum Heiler und wen zum Angriffszauberer kürt,
» CGI-Sequenzen treiben die Handlung voran. |
indem ihr die betreffende Person mit dem gewünschten Crest ausrüstet. Jedem der Protagonisten ist zusätzlich noch eine
individuelle Fähigkeit zuteil, die das Ruder in verloren geglaubten Kämpfen oftmals noch herumreißen kann. Während sich Titelheld Yuri in einen Dämon verwandeln kann, wartet die Tänzerin Lucia mit der Macht der Tarot-Karten auf. Der Wrestler und Superheld in Personalunion Joachim vermöbelt seine Kontrahenten gar mit spektakulären Schlag- und Wurfkombinationen, die ihm Mentor und Wrestlinglegende Great Gama beigebracht hat.
Wie in beinahe jedem Rollenspiel könnt ihr eure in Kämpfen sauer verdienten Moneten auch in
Shadow Hearts: Covenant bei einem Händler gegen
Waffen, Ausrüstung und nützliche Items eintauschen. Wer sein Geld brav investiert, bekommt später sogar Stammkundenrabatt und muss nicht mehr den Vollpreis für die begehrten Preziosen auslegen. Der schrullige (und offensichtlich homosexuelle) Kaufmann taucht dabei niemals alleine auf. Stets hat er seinen Gefährten, einen ebenso eigenartigen und tuntigen Schneider, im Schlepptau, der für eines eurer Partymitglieder – Gepetto, den Puppenspieler - Puppenkleider näht. Natürlich arbeitet der gute Mann auch nicht gratis, als Bezahlung akzeptiert er Bilder von halbnackten Männern, die seine Kreativität so richtig anregen - wenn ihr versteht, was ich meine.
Tragikomödie par ExcellenceWas
Shadow Hearts: Covenant neben all diesen skurrilen Gestalten von der Genrekonkurrenz abhebt, ist die
dramaturgisch einwandfreie Inszenierung. Tragische Geschehnisse wechseln sich gekonnt mit sarkastischen
» Der Judgement Ring in Aktion. |
und äußerst witzigen Dialogen ab, ohne dass die Charaktere dabei an Glaubwürdigkeit verlieren. Durch das
hervorragende Voice Acting gehen euch dabei die traurigen Momente genau so nahe, wie die pointenreichen Gespräche zum lauten Lachen animieren. Der Humor erreicht stellenweise ein recht anzügliches Niveau, ohne dabei aber jemals billig zu wirken. Den Jüngsten unter uns wird dadurch allerdings so mancher Schenkelklopfer verborgen bleiben. Damit euch auch in punkto Langzeitspielspaß nicht das Lachen im Halse stecken bleibt, sorgen neben dem
in rund 40 bis 45 Stunden absolvierbaren Hauptquest unzählige anspruchsvolle Nebenaufgaben dafür, dass sich die Spielzeit noch annähernd verdoppelt. Bis ihr das letzte Geheimnis in der Welt von
Shadow Hearts gelüftet habt, wird somit viel Zeit ins Land ziehen.
Die Geschichte des Titels knüpft an die Ereignisse des ersten Teils an, Vorkenntnisse sind dennoch nicht erforderlich, da etwaige Anspielungen auf das Prequel in Zwischensequenzen nacherzählt werden.
Shadow Hearts: Covenant lebt vor allem vom
hervorragenden Charakterdesign, das dem Titel zuteil wurde. Neben dem Protagonisten Yuri finden sich außer Karin, einer attraktiven ehemaligen deutschen Heeresoffizierin, der russischen Prinzessin Anastacia Romanow und dem greisen Puppenspieler Gepetto eine Reihe weiterer skurriler aber allesamt liebenswerter Helden in eurer Party wieder. Während große Teile der spielbaren Figuren bei vielen RPGs schnell zu schmückendem Beiwerk verkommen, sorgt hier der feinfühlige Charakteraufbau dafür, dass euch die gesamte Gruppe mitsamt ihrer Stärken, Schwächen und inneren Konflikten ans Herz wächst. Die Entscheidung, wer sein Plätzchen in der vierköpfigen Kampftruppe erhält, mutiert so (im positiven Sinne) zur Qual der Wahl.
Licht- und SchattenseitenDie PAL-Konvertierung des auf zwei DVDs ausgelieferten Titels blieb nicht gänzlich ohne Folgen. Zwar werdet ihr nicht von überdimensionierten Balken am oberen und unteren Bildrand erschlagen, wie dies bei so manchem Konkurrenzprodukt
» Tänzerin Lucia vertraut auf die Macht der Tarot-Karten. |
der Fall ist, dafür wurde dieser Vorteil auf Kosten eines stellenweise äußerst
unschönen Kantenflimmerns erkauft. Mit kleinen schwarzen Rändern müsst ihr trotz allem dennoch leben. Von der Realisierung eines 60-Hertz-Modus wurde abgesehen. Immerhin dürfen sich all jene, die des Englischen nicht mächtig sind, über deutsche Untertitel freuen, deren Qualität jedoch als maximal durchschnittlich und stellenweise äußerst schlampig eingestuft werden muss.
Soundtechnisch spielt der Titel problemlos in der höchsten Liga mit. Die bereits erwähnten hervorragenden Voice Overs stecken sämtliche Konkurrenzprodukte ohne größere Mühe in die Tasche und auch die Musik zeigt sich als größtenteils äußerst gelungen. Zumeist nehmt ihr die auf den ersten Anblick (bzw. Anhorch) belanglos erscheinenden Lieder oft gar nicht wahr, auf subtile Art und Weise wandelt sich jedoch eines nach dem anderen zum
regelrechten Ohrwurm, der euch auch abseits der Playstation begleiten wird. Zwischensequenzen begegnen euch sowohl in Form von Ingame-Grafikszenen und Renderfilmchen als auch in bilderbuchhaft erzählten Segmenten. Während erstere durch das bereits erwähnte Kantenflimmern etwas an Flair einbüßen, überzeugen die beiden anderen Varianten durch hohe Qualität und tragen enorm viel zur Spielatmosphäre bei.