Das Ganze ist eben nicht mehr als die Summe seiner Teile: Cy Girls verschenkt zu viele Chancen, um wirklich zu glänzen.
Faszination CyberpunkKonami hat sich einer bei uns eher unbekannten Spielfigurenserie aus Japan angenommen und mit
Cy Girls ein umfangreich ausgefallenes Action-Adventure auf zwei Discs gebannt. Das Spiel erinnert in seiner Optik an die düsteren Bilder des Kultfilms
Blade Runner und wirkt wie einem Cyberpunk-Anime entsprungen. Gigantische und düstere Wolkenkratzer bilden die Skyline einer futuristischen Stadt in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Am 11. November 2058 versagt das globale von Satelliten gestützte Energienetzwerk der Erde. Der gerade noch von unzähligen Lichtquellen überzogene blaue Planet fällt in völlige Finsternis. Auch die Menschheit gerät in Panik. Der Tag geht als
Damnation Monday, der Tag der ersten weltweiten Massenhysterie, in die Geschichtsbücher ein. Die ökonomischen Auswirkungen sind sogar noch zwei Jahrzehnte später spürbar. Die Menschheit hat sich zwar rasch von der Panik erholt, aber damit so etwas nie wieder geschehen kann, soll ein gewaltiger
Space Elevator bis zum Ende des Jahrhunderts errichtet werden. Er stellt den Ausgangspunkt für die erst in den Kinderschuhen steckende interplanetare Weltraumforschung dar und soll darüber hinaus die planetare Energieversorgung sichern.
Das atmosphärisch starke Intro von
Cy Girls präsentiert die ersten Fäden eines großen Verschwörungsnetzes. Denn "gute" multinationale Konzerne haben ganz andere Absichten.
Im späten 21. Jahrhundert hat die Menschheit nicht nur Teile des Weltalls erobert, sondern auch die Grenzen der Realität erweitert. Das Internet kennt man nur mehr aus Geschichtsbüchern und "online" ist nicht viel mehr als ein sentimentales Wort aus vergangenen Zeiten. In der Zukunft surfen die Menschen im globalen Cyberspace, dem so genannten Cy-D. Diese virtuelle Dimension dient aber nicht nur der Unterhaltung, sondern hat die Gesellschaft komplett durchzogen. Cy-D ist für viele Menschen der Arbeitsplatz, wo sie von ihrer physischen Existenz losgelöst Aufgaben erledigen. Eines der mächtigsten Unternehmen, das auch maßgeblich an der Konstruktion des Weltraumlifts beteiligt ist, ist die Future Genesis Corporation (kurz FGC). Wie ihr nur unschwer erraten habt, führt der Chef des Konzerns aber nichts Gutes im Schilde, sondern will den Space Elevator für sich selbst und seine Allmachtsphantasien missbrauchen. Durch geschickte Manipulation soll der Lift in seine Machtzentrale umgewandelt werden. Mit ihm könnte er sowohl die Energiezufuhr als auch den gesamten Cy-D beherrschen. Den ganzen Cy-D? Nein, eine kleine unbeugsame Hacker-Gruppe leistet ihm erbitterten Widerstand. Da bereits viele Dinge komplett aus dem Cy-D heraus manipuliert werden können, ist es den Hackern gelungen, eine kleine Chance wahr zu nehmen und Agentinnen ein zu schleusen. Während sich normale Anwender nur mittels "Avataren", das sind elektronische Ebenbilder, in den Cyberspace beamen können, können sich die Cy Girls direkt für kurze Zeit in den Cy-D einloggen. Natürlich ist dies ein unbezahlbarer Vorteil im Kampf gegen den fiesen Konzernchef. Nur wenige Menschen, genauer gesagt nur wenige Frauen besitzen diese Eigenschaft, darum nennt sich die Hacker-Gruppe Cy Girls.
Zwei Discs voller ActionDie Handlung von
Cy Girls führt in eine Megacity, wo in den Computer von Net Justice eingebrochen werden muss, um wertvolle Informationen über FGC sammeln zu können. Ein Abstecher in ein argentinisches Frauengefängnis (es ist ein japanisches Spiel!) darf da ebenso wenig fehlen, wie ein archäologischer Streifzug durch peruanische Ruinen. Eine James-Bond-artige Mission führt die Cy Girls auch nach Spanien, wo sie die Party sprengen, sprichwörtlich versteht sich. Ein etwas längerer Aufenthalt auf einer paradiesischen Insel (inkl. völlig unsinnigem Einsatz von hautengen Bade- ...erhm... Kampfanzügen) gehört da ebenso dazu wie der Besuch einer Space Shuttle Startrampe in Arizona. Schließlich kann auch noch ein Abstecher auf die Raumstation des Space Elevators gemacht werden, was ebenfalls explosive Auswirkungen hat.
Das Spiel verfügt über zwei Hauptcharaktere namens Ice und Aska. Startet ihr mit Ice, dann durchlebt ihr die Geschichte einer smarten und kühlen Blondine, die das Potential hat, die Welt aus den Angeln zu heben. Ice verlässt sich ganz auf ihren vorzüglichen Umgang mit diversen Schusswaffen wie Pistole, Lasergun, MG oder den guten alten Raketenwerfer (wenn's mal brenzlig wird). Dafür ist sie eher etwas ungelenk ausgefallen und kann auch nicht besonders hoch springen. Der Kontrast zwischen den Abenteuern der beiden Hauptdarstellerinnen könnte nicht größer sein. Nachdem man die erste Disc durchgespielt hat, erwartet euch auf der zweiten Disc eine völlig neue Handlung aus der Sicht einer Ninja-Kämpferin. Sie bewegt sich atemberaubend schnell und geschmeidig, streckt Gegner furchtlos mit Schwert und traditionellen japanischen Wurfwaffen nieder und kann sogar Wände entlang laufen. Ihre Agilität kennt keine Grenzen und im Vergleich zur behäbigeren Ice wirkt sie wie eine olympische Zehnkämpferin. Der Unterschied zwischen den Charakteren von
Cy Girls spiegelt sich also nicht nur in der Tatsache, dass zwei völlig unterschiedliche Handlungen auf je eine Disc gebannt wurden, sondern wird durch die unterschiedlichen Eigenschaften und der leicht veränderten Steuerung der beiden Agentinnen noch mehr unterstrichen.
Charlie's Angels im CyberspaceObwohl sich die beiden Abenteuer von einander spielerisch stark unterscheiden, so sind die Storylines doch in einander verflochten. Es gibt einige Cutscenes, in denen sich die beiden Protagonistinnen gegenüber stehen. Jedoch wird vieles beim ersten Durchspielen nicht enthüllt, was für eine bombige Überraschung sorgt, sobald die zweite Disc eingelegt wird. Denn auf den ersten Blick scheint es so als ob Ice und Aska gegeneinander arbeiten. Dennoch arbeiten sie für dieselbe Organisation namens Cy Girls und haben ähnliche Fähigkeiten im Cy-D.
Man merkt dem Spiel durchaus seine Wurzeln in der Traditon von
Metal Gear Solid 2 an, handelt es sich doch um einen Third-Person-Actiontitel.
Cy Girls spielt sich auch in vieler Hinsicht wie vergleichbare Genre-Vertreter. Ihr lauft durch verwinkelte Räume, sammelt Gegenstände, räumt Gegner mehr oder weniger unsanft aus dem Weg und löst (meist streng lineare) Rätsel. Gepaart mit ein paar Schleicheinlagen, dem gewieften Verschieben von Objekten oder auch hemmungsloser Baller- und Schwertkampfeinlagen sorgt das Gameplay für durchaus kurzweilige Unterhaltung. Das Interface des Spiels unterstützt euch durch ein Head-up-Display (HUD) bei euren Aufgaben. Sowohl das HUD als auch über die permanente Funkverbindung mit der Cy Girls-Zentrale erhaltet ihr immer wieder wichtige Hinweise um eure Aufgaben zu lösen.
Der besondere Twist des Spiels sind aber die Passagen im Cy-D. Die Cy Girls können nämlich in den Cyberspace eintreten und müssen sich dort einigen Herausforderungen stellen. Die Idee ist ausgezeichnet, nur die Umsetzung hinkt hinterher. Die Heldinnen können sich per "Dive Terminals" ins digitale Reich, das übrigens große Ähnlichkeiten zur Optik des legendären
Rez auf der Dreamcast aufweist, einklinken. Im Cy-D steht euch ein völlig neues Menü zur Verfügung, mit dem möglich ist, per Tastenkombination Files zu hacken, andere Benutzer heimlich zu belauschen um Geheimnisse in Erfahrung zu bringen oder auch spielerisch die Grenzen der Physik zu überwinden. Richtige Waffen besitzt ihr im virtuellen Raum nicht, dafür könnt ihr eure "Skills", die ihr per Download erlernen könnt, gegen diverse Antiviren-Programme einsetzen, die es auf euch abgesehen haben. Nur einsetzen müssen die Agentinnen ihre Fähigkeiten fast nie. Die Passagen im Cyberspace dienen meist nur einem Zweck: dem Backtracking. So jagt ihr irgendwelchen Informationen, die ihr eigentlich schon selbst erraten hättet können, sinnlos hinterher. Wer an Cyberspace denkt, stellt sich ungeahnte Möglichkeiten vor, jedoch realisierten die Entwickler nur sehr wenig vom vorstellbaren Spektrum. Der Cy-D ist nämlich den Levels im Spiel sehr ähnlich und unterscheidet sich nur in Optik und anderen physikalischen Gesetzen.
GrafikObwohl aus dem Hause Konami stammend, kann
Cy Girls grafisch nur bedingt überzeugen. Die Grafik erreicht nicht einmal das Niveau des bereits in die Jahre gekommenen
Metal Gear Solid 2. Verwaschene Optik und wenig Weitsicht (Unschärfefilter) stoßen übel auf. Vor allem der an
Rez erinnernde Look des Cyberspace hätte besser überarbeitet gehört. Auch den Cutscenes wurde etwas zu wenig Achtung geschenkt. Obwohl die Zwischensequenzen reich an atmosphärischen Details sind, enttäuschen sie durch eher lieblose Gestaltung. Dagegen sind die Animationen der Charaktere gut ausgefallen: sie wirken äußerst realistisch. Besonders cool sind die Bewegungsabläufe beim Schusswechsel, hier kommt oft richtig gute Stimmung auf – etwa wenn Ice gegnerischem Feuer ausweicht, sich hinwirft und mit zwei Pistolen das Feuer erwidert.
Cy Girls hat eine solide Grafik, die zugunsten des Umfangs allerdings etwas vernachlässig wurde. Positiv ist auch die für ein Third Person Spiel gut funktionierende Kamera zu erwähnen, die wahlweise auch frei bewegt werden kann.
SoundDer Soundtrack ist durchaus gefällig, kann aber nie wirklich vom Hocker reißen. Einige Techno-Trance-Passagen im Cy-D wirken nicht schlecht. Allerdings ist der Soundtrack insgesamt viel zu monoton ausgefallen. Das Voice-Acting ist ebenfalls durchschnittlich, aber keinesfalls schlecht. Das etwas protzige Dolby Pro Logic II, das zu Beginn des Spiels prangt, kann ich nicht ganz nachvollziehen, jedenfalls ist der Raumklang nicht besonders ausgeprägt. Auch hier nur Durchschnitt.
Spielspaß SoloAuf der ersten Disc hatte ich mit Ice so manche Durststrecke zu durchleben. Vor allem die zwar gute, aber im Vergleich zu Aska erheblich behäbigere Steuerung, ließ bei mir wenig Spielspaß aufkommen.
Cy Girls lebt aus der tollen Story heraus, kann aber weder in Sachen Präsentation noch Technik wirklich begeistern. Auch das Spieldesign selbst muss sich viel Kritik gefallen lassen. Noch selten zuvor musste ich soviel hin und herlaufen, nur um irgendwo irgendwas Belangloses zu tun. Man rennt andauernd, ohne Idee was als nächstes zu tun ist, hin und her, verirrt sich und findet nur dank der sehr hilfreichen Karte wieder zurück. Die sehr comic-hafte Animestimmung kommt sehr gut rüber, was vielleicht unsere Freunde in Japan in Entzücken (Stichwort: Girls im Badeanzug) versetzen mag. Allerdings kann das einen Casual Gamer in Europa nur bedingt begeistern. Wer keinen Spaß aus der Handlung beziehen kann, wird auch sonst bei
Cy Girls nicht viel zu lachen haben. Schrecklich sind die eigentlich gut gemeinten Passagen im Cy-D. Aber bekanntlich ist ja "gut gemeint" das Gegenteil von "gut gemacht". Das viele und wirklich nervtötende Backtracking gepaart mit einigen absolut unnötigen Längen im Gameplay verwehren
Cy Girls eine bessere Bewertung.
Spielspaß MultiIm Spiel ist kein Multiplayer-Modus enthalten.