Eine Offenbarung für RPG-Profis – aber auch alle anderen sollten Disgaea eine Chance geben.Der Publisher Atlus erfreut sich vor allem bei RPG-Zockern eines sehr guten Rufs, zeichnet er sich doch für den US-Release vieler japanischer RPGs abseits des Mainstreams verantwortlich, z.B. Titel der Ogre Battle- und Persona-Serien, um nur einige zu nennen. Disgaea – Hour of Darkness fällt in dieselbe Nische und ist daher für alle RPG-Fans ein Grund zum Feiern. Auch leidgeprüfte Pal-Konsoleros dürfen aufatmen: Koei wird Disgaea im Mai in Europa veröffentlichen. Hoffen wir nur, dass dem Titel der rechtmäßig zustehende Erfolg nicht verwehrt bleibt und ähnliche Spiele nachfolgen.
Strategie-RPGs Disgaea – Hour of Darkness versteht sich als reinrassiger Vertreter des Strategie-RPG-Genres - ein Genre, das in Europa und Amerika seit jeher ein Schattendasein fristet, aber nichtsdestotrotz einige der besten Rollenspiele überhaupt hervorgebracht hat. Final Fantasy Tactics (1997, Square) und Tactics Ogre (1995/98, Atlus) sind zwei der Titel, die in den All-Time-Favorites vieler RPG-Fans ganz oben stehen. Leider konnten Pal-Zocker nie in den Genuss dieser beiden Ausnahmespiele kommen, da beide niemals in Europa veröffentlicht wurden; gerade im Fall von Final Fantasy Tactics eine bis heute unverständliche Entscheidung, da es für Square sicher ein leichtes gewesen wäre, den Titel auch zu uns zu bringen. Den paar wenigen S-RPGs, die es bis jetzt in die Pal-Gefilde schafften, war leider kein allzu großer Erfolg vergönnt, wie z.B. Vandal Hearts (1997, Konami) oder Kartia (1998, Atlus), was vermutlich der Hauptgrund für das fehlende Engagement der Publisher hinsichtlich dieser Genre-Nische ist. Disgaea wird an diesem Umstand mit größter Wahrscheinlichkeit nichts ändern, da es – wie viele RPGs abseits von Square-Titeln – eher eine Randgruppe von Spielern anspricht; die jedoch werden für den Pal-Release ewig dankbar sein.
König der Unterwelt Laharl, Sohn von King Krichevskoy, dem Herrscher der sogenannten
Netherworld, einer Welt bevölkert von Dämonen und ähnlichem Abschaum, wird aus langem Schlaf erweckt, nur um feststellen zu müssen, dass sein Vater das Zeitliche gesegnet hat. Grund zur Trauer? Keineswegs. Sofort macht sich Laharl auf, den Titel des
Overlords an sich zu reißen – keine leichte Aufgabe, da ihn die meisten seiner Dämonenvasallen offenbar bereits aus dem Gedächtnis gestrichen haben und selbst nach dieser Position streben. So beginnt die abstruse Story von Disgaea, und gleich zu Beginn wird der besondere Humor deutlich, der dem Spiel eigen ist. Aus seinem Schlaf erweckt und begleitet wird der Dämonenprinz von Etna, einer Vasallin seines Vaters, die aber (logischerweise) auch eigene Motive hat. Eine einfache Streiterei um die Thronfolge wäre aber natürlich weitaus zu simpel, und so weitet sich die Handlung alsbald aus und ihr macht neben den Dämonen auch noch Bekanntschaft mit Engeln und Menschen. Während sich dieser Handlungsansatz zwar ziemlich innovativ zeigt, nimmt die Story selbst dennoch nie die epischen Ausmaße anderer RPGs an. Disgaea schöpft seinen Charme vor allem aus den sympathischen Charakteren und dem erfrischenden Humor, welcher auch zugleich den großen Unterschied zu anderen Spielen darstellt: Disgaea nimmt sich zu keiner Zeit selbst ernst. Laharl versucht erfolglos, ein großer böser Dämon zu sein, Etna zieht mit dummen Kommentaren alles ins Lächerliche, der Engel Flonne ist viel zu naiv und gut, um glaubwürdig zu sein, und der Mensch Gordon, der sogenannte
Defender of Earth, schlägt dem Fass als unglaubliche Superhelden-Parodie endgültig den Boden aus. Kurz gesagt: Disgaea bietet den in Videospielen selten gesehenen Humor und dadurch sehr viel Unterhaltung fürs Geld. Ihr werdet euch unter Garantie köstlich amüsieren.
Extrem facettenreiches Gameplay Neben innovativer Handlung und Charakteren bietet Disgaea eine sehr große Anzahl interessanter Features, die das Gameplay betreffen. Das besondere daran: Um das Spiel durch zu zocken, benötigt man nur Basiskenntnisse des Spielprinzips. Verständnis der unzähligen komplexen Neuerungen im Spielablauf ist NICHT zwingend dazu erforderlich. Der Gelegenheitszocker kann sich mit der Haupthandlung beschäftigen und den Titel danach auf die Seite legen. Die RPG-Profis unter euch dagegen können alle Facetten des Spiels erforschen und bis in Tausenderbereiche leveln – was für einige der Sidequests auch erforderlich ist und über hundert Spielstunden in Anspruch nehmen wird.
Tausend? Richtig gelesen. Disgaea bietet euch die (theoretische) Möglichkeit, bis Charakterstufe 9999 zu leveln; dazu entsprechende Schadenswerte, die 100.000 weit übersteigen. Dieses Spiel ist der Traum für alle Hardcore-RPG-Zocker unter euch, die ihre Charaktere gerne auf übermächtigen Status bringen und sich stundenlang mit der Entwicklung derselbigen beschäftigen wollen. Dies sollte aber im Verlauf des Reviews noch deutlich ersichtlich werden.
Zu Beginn wirkt alles wie in bereits bekannten S-RPGs. Ihr befindet euch im Schloss von Laharl, das sozusagen eure Basis darstellt. Hier erledigt ihr Notwendigkeiten wie Items kaufen/verkaufen, neue Charaktere erstellen etc. Wenn ihr euch und eure Party in Bestform wähnt, könnt ihr euch zum Tor begeben, um entweder den nächsten Story-Kampf zu absolvieren, oder ein bereits erfolgreich beendetes Level wegen Items oder Erfahrungspunkten noch einmal zu bestreiten. Dies präsentiert sich als simples Auswahlmenü; über eine begehbare Weltkarte wie andere Vertreter des Genres verfügt das Spiel nicht. Disgaea ist in 14 Kapitel mit je vier oder fünf Story-notwendigen Kämpfen unterteilt. Ihr könnt aber nach jedem dieser Kämpfe ins Schloss zurückkehren, speichern, und auch sonst tun und lassen, was ihr wollt. Der Handlungsablauf präsentiert sich also linear, aber es obliegt euch als Spieler, wann ihr was macht. Die verschiedenen Aktionsmöglichkeiten sollen im Verlauf dieses Reviews noch genauer erklärt werden. Nun aber zum wichtigsten Part eines Rollenspiels.
Der Kampfmodus – Herzstück eines jeden RPG Auf den ersten Blick unterscheidet sich Disgaea hier nicht von anderen Strategie-RPGs. Ihr befindet euch auf einer sogenannten Battle-Map, auf der ihr eure Charaktere bewegt und versucht, durch taktisches Vorgehen alle Gegner zu eliminieren. Zu Beginn des Kampfes sind alle Partymitglieder im Base-Panel zu finden, einem speziellen Feld auf der Karte. Hier wählt ihr maximal zehn eurer Charaktere aus und bringt sie ins Gemetzel. Es ist darüber hinaus auch möglich, einen angeschlagenen Helden wieder zurück in dieses Base-Panel zu bewegen. Nun führt man alle gewünschten Aktionen durch und beendet dann seine Runde, wonach der Computergegner am Zug ist. So weit, so gut. Das Kampfsystem von Disgaea bietet allerdings noch einige Besonderheiten. So kann der Spieler völlig frei bestimmen, wann die Charaktere ihre Aktionen durchführen. Es ist möglich, erst jedem Partymitglied eine Aktion zuzuweisen, und am Abschluss der Runde alle auf einmal auszuführen; man kann aber auch ganz anders vorgehen, indem man jeden Befehl sofort nach der Zuweisung ausführt. Dadurch eröffnen sich viele strategische Möglichkeiten. So könnt ihr z.B. einen Charakter mit einem anderen heilen, danach aus der Gefahrenzone bewegen, und daraufhin mit eben dieser Spielfigur angreifen.
Disgaea verfügt auch über Teamattacken. Wenn sich zwei oder mehrere Charaktere nebeneinander befinden und einer davon angreift, besteht eine bestimmte Prozentchance (die von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird), dass eine solche Teamattacke ausgelöst wird. Diese verursacht natürlich mehr Schaden am Gegner, und beim Ableben des Unglücklichen erhalten ALLE der an der Attacke beteiligten Charaktere einen Anteil der Erfahrungspunkte. Das kann besonders beim Aufleveln von schwächeren oder neu erstellten Partymitgliedern von Nutzen sein und strategisch ausgenutzt werden.
Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist die Bonus-Leiste. Diese befindet sich am unteren Bildschirmrand und wird vor allem durch konsekutive Angriffe und Teamattacken gefüllt. Je höher der Bonuslevel, desto mehr (und bessere) Items werdet ihr nach Beendigung des Kampfes erhalten.
Des Weiteren ist es in Disgaea möglich, alle am Kampffeld vorhandenen Figuren, sowohl freundliche als auch feindliche, per
Throw-Befehl aufzuheben und eine bestimmte Anzahl von Feldern zu werfen. Dieses Feature bietet eine ganze Reihe von Anwendungsmöglichkeiten. So kann man dadurch weiter entfernte Gegner schneller erreichen, gefährdete Charaktere, die ihren Zug bereits absolviert haben, aus der Gefahrenzone werfen, schlecht platzierte Gegner beseitigen etc. Darüber hinaus können alle eure Kontrahenten AUFeinander geworfen werden. Dabei werden die Levels der beiden Gegner addiert und ein neuer, umso stärkerer, Feind entsteht. Dies kann beim Aufleveln eurer Party ausgenutzt werden, da so extrem starke Monster erzeugt werden können, die deutlich mehr Erfahrung bringen – vorausgesetzt, ihr könnt den so erschaffenen Kontrahenten auch noch besiegen.
Noch eine besondere Einsatzmöglichkeit dieses Features gibt es: Ihr könnt jeden beliebigen Gegner in euer Base-Panel werfen, wodurch die Chance besteht, dass dieser eurer Party beitritt. Die Chance wird größer, je niedriger die Hitpoints des betroffenen Monsters sind. Natürlich birgt das ganze aber auch ein Risiko: Falls die „Konvertierung“ fehlschlägt, ist das Base-Panel zerstört, das heißt ihr könnt keine Charaktere mehr in den Kampf bringen, und alle Partymitglieder, die sich im Panel befanden, müssen danach wiederbelebt werden.
Zu guter letzt existiert in Disgaea noch ein völlig neues Prinzip, das das Kampfsystem stark beeinflusst, nämlich das..
Geo-Symbol-System Die sogenannten
Geo-Symbole sind kleine, pyramidenförmige Gegenstände, die sich auf den meisten Battle-Maps befinden. Jedes dieser Symbole besitzt eine bestimmte Eigenschaft wie z.B. Attack +50%, Defense -50%, Unverwundbarkeit etc. Nun muss man zum Verständnis noch wissen, dass ein Großteil der Felder auf den Maps eine bestimmte Farbe besitzt (was sich auf Knopfdruck ein- bzw. ausblenden lässt). Steht nun ein Geo-Symbol auf einem farbigen Feld, so nehmen alle Felder dieser Farbe die Eigenschaft des betreffenden Symbols an. Steht also ein Geo-Symbol mit Attack +50% auf einem roten Feld, so nehmen alle roten Spielfelder auf der Karte die Eigenschaft Attack +50% an, was für den Spieler nichts anderes bedeutet als dass alle Figuren auf den roten Feldern (auch feindliche) einen 50% stärkeren Angriffswert erhalten. Dies kann natürlich mit etwas strategischem Geschick zum eigenen Vorteil eingesetzt werden. Andererseits gibt es einige Geo-Symbole, die man tunlichst vermeiden sollte. So führt das Angreifen eines Gegners, der auf einem Feld mit der Eigenschaft
Unverwundbarkeit steht, zu keinem wirklich guten Ergebnis.
Diese Geo-Symbole bringen einiges an strategischer Tiefe mit sich, da sie keineswegs im Spielfeld verankert sind, sondern sich ebenfalls durch den
Throw-Befehl werfen lassen. So ist es möglich, ungewünschte Symbole zu entfernen oder vorteilhafte ins Spiel zu bringen. Kommt man mit einem Geo-Symbol so gar nicht zurecht, kann es auch simpel und einfach zerstört werden.
Hier kommt noch ein weiterer Faktor ins Spiel. Zerstört ihr ein Symbol, das auf einem farbigen Feld steht, wird eine Kettenreaktion ausgelöst, und alle Felder der betreffenden Farbe nehmen nunmehr die Farbe des zerstörten Symbols an. Zusätzlich existiert auf den meisten Maps ein Symbol mit der Bezeichnung
Null. Wird dieses zerstört, werden alle betroffenen Felder farblos. So ist es mit etwas Kopfarbeit möglich, ALLE Felder der Karte farblos zu machen. Warum ihr dies alles tun solltet? Nun, Kombos mit Geo-Symbolen sind der schnellste und sicherste Weg, die Bonusleiste zu füllen und die besten Items abzusahnen. Aber keine Sorge: Ihr könnt Disgaea auch nur mit rudimentärem Verständnis dieses Systems durchspielen.
Charakterentwicklung, oh my… Bietet schon das Kampfsystem einige komplexe strategische Möglichkeiten, so trumpft Disgaea erst bei der Charakterentwicklung so richtig auf. Abgesehen von der handvoll einzigartiger Storycharaktere, die euch das Spiel zur Verfügung stellt, müsst ihr eure Party selbst zusammenstellen. Hierfür habt ihr zu Beginn die Auswahl aus einigen verschiedenen Basisklassen wie Warrior, Cleric, Mage etc. Zu (fast) jeder dieser Klassen existieren eine weibliche und eine männliche Form, was in diesem Spiel sehr wohl einen Unterschied macht. Bei der Charakterkreation bestimmt ihr zuerst den
Mentor des zukünftigen Partymitglieds. Dies ist von Bedeutung bei Teamattacken - Mentor und Schüler haben eine hohe Wahrscheinlichkeit auf einen gemeinsamen Angriff. Danach wählt ihr den Fähigkeitsgrad des Charakters-in-spe aus. Dieser reicht von
good-for-nothing bis zu
Genius und bestimmt den Bonus an Attributpunkten, die ihr frei verteilen dürft. Wichtig ist hier die Tatsache, dass es nichts umsonst gibt – die Erstellung von „fähigeren“ Charakteren kostet zwar kein Geld, jedoch Mana. Mana wird durch das Erledigen von Gegnern gewonnen. So benötigt das Kreieren von
Genius-Figuren eine ganze Menge an Mana, ist also zu Beginn des Spiels noch nicht möglich. Danach müsst ihr eurem neuen Partymitglied nur noch einen Namen geben, und schon kann er/sie an eurer Seite kämpfen.
Nun werden durch das Aufleveln von Basischarakteren stärkere Variationen der bereits vorhandenen Klassen freigeschalten. Zu jeder der Charakterklassen existieren insgesamt sechs Varianten, die sich aber im Endeffekt nur durch bessere Stats unterscheiden. Zur Veranschaulichung sehen wir uns die Klasse des
Warrior an. Zu Beginn steht nur der Warrior selbst zur Verfügung. Durch Aufleveln eines ebensolchen werden nach und nach die stärkeren Formen verfügbar: Battler, Centurion, Champion, Hero und Cosmic Hero. Die ultimative Form des Warrior, der Cosmic Hero, wird freigeschalten, sobald ihr einen Level 100 Warrior (oder eine seiner Varianten) vorweisen könnt.
Zusätzlich dazu werden durch das Erfüllen bestimmter Voraussetzungen einige komplett neue Klassen verfügbar. So dürft ihr z.B. einen Ninja auswählen, sobald ihr über einen männlichen Level 10 Brawler UND einen männlichen Level 10 Warrior verfügt. Setzt ihr dagegen auf Frauenpower, erhaltet ihr eine ganz andere Klasse.
Als wären das nicht schon genug Auswahlmöglichkeiten, ist es zusätzlich noch möglich, jedes Monster, das zumindest einmal besiegt wurde, als Charakterklasse auszuwählen!
Die Charaktere unterscheiden sich nun durch ihre Stats, ihr Geschick mit den einzelnen Waffenklassen und ihre Fähigkeiten. Die Monster- und Magierklassen lernen ihre Fähigkeiten durch Aufleveln, wobei die verwendete Waffe keine Rolle spielt. Die physischen Kämpferklassen dagegen beherrschen von Grund auf keine Skills, sondern lernen diese erst durch den Einsatz von Waffen. Hier muss der sogenannte
Waffenrang beachtet werden; je höher dieser ist, desto schneller steigt der Masterylevel, der das Erlernen von Fähigkeiten beeinflusst, bei Einsatz der gewählten Waffe, und desto schneller werden neue Skills gelernt. Die verschiedenen Waffenklassen sind Schwert, Axt, Speer, Faust, Bogen, Gewehr und Stab. Jede dieser Klassen verfügt über vorgefertigte Skills, die bei steigendem Masterylevel der Reihe nach gelernt werden. Jeder Charakter – abgesehen von Monstern, welche nur spezifische Monsterwaffen verwenden können – besitzt einen bestimmten Waffenrang in jeder der Waffengattungen. Es ist natürlich empfehlenswert, seine Spielfiguren dementsprechend auszurüsten, da es wenig Sinn macht, z.B. einen Bogenschützen mit einem Schwert auszustatten. Das Spektrum präsentiert sich hier breit: Während sich einige der Klassen durch ihre Vielseitigkeit auszeichnen und mehrere Waffen effektiv verwenden können (dafür aber andere Nachteile besitzen), spezialisieren sich andere auf eine einzige Waffengattung.
Zusätzlich gilt es noch zu beachten, dass die Fähigkeiten der Charaktere mit jeder Anwendung stärker werden. Waffenskills verursachen durch steigenden Level höheren Schaden, während bei Magie der auswählbare Bereich größer wird. So kann man mit einem Heilzauber zu Beginn nur einen Charakter heilen, was bei häufiger Benutzung jedoch rasch ansteigt.
Transmigration Nun kann sich der Leser folgende Frage stellen: Werden bei der Vielzahl an verfügbaren Klassen zu Beginn erstellte Charaktere im Verlauf des Spiels nicht viel zu schwach? Genau hier setzt das innovative System der
Transmigration an. Durch Transmigrieren eines Partymitglieds könnt ihr dessen Klasse und Fähigkeitsgrad verändern – mit dem Nachteil, dass dieser Charakter auf Level 1 zurückgesetzt wird. Hört sich lächerlich an, ist es aber nicht. Ihr habt dadurch nicht nur die Möglichkeit, anfänglich erstellte Spielfiguren auf ihre stärkeren Klassenvarianten umzustellen (also z.B. einen Warrior in einen Cosmic Hero umzuwandeln), sondern, und das ist der Witz an der Sache, solcherart transmigrierte Charaktere erhalten auch einen Attributsbonus, was bedeutet, dass sie um einiges stärker sind, sobald der ehemalige Level erreicht wird. Um es deutlich zu machen: Ein einmal transmigrierter Laharl auf Level 100 kann deutlich bessere Stats vorweisen als sein Pendant auf demselben Level, das die Transmigration noch nicht durchschritten hat. Zeitaufwändig? Gar keine Frage.
Zusätzlich erwähnenswert: Transmigration besitzt kein Limit, das heißt, ihr könnt den ganzen Prozess so oft wiederholen, wie es euch Spaß macht – mit dem Effekt, dass der betroffene Charakter mit jedem Mal stärker wird. So ist es möglich, absurd starke Killermaschinen zu erschaffen. Außer viel Zeit kostet euch der Vorgang nur das bereits bei der Charaktererstellung erwähnte Mana, denn auch bei der Transmigration müsst ihr den Fähigkeitsgrad bestimmen, der hier aber neben dem Attributsbonus noch einen zweiten Faktor besitzt – er legt nämlich fest, wie viele seiner bereits erlernten Skills der betroffene Charakter in sein neues „Leben“ übernimmt. Aus diesem Grund ist es empfehlenswert, grundsätzlich auf
Genius zu transmigrieren.
Die Item World .. ist der Ort in Disgaea, an dem viele Spieler einen Großteil ihrer Spielzeit verbringen werden. Jedes einzelne Item des Spiels besitzt seine eigene Item World, eine Abfolge von jeweils hundert (!) zufallsgenerierten Battle-Maps. Konsequenterweise könnt ihr deshalb jeden beliebigen Gegenstand „betreten“ und so viele der Maps absolvieren, wie es euch gerade Spaß macht. Verlassen dürft ihr die Item World entweder nach jedem zehnten Level, oder aber jederzeit durch das Anwenden eines bestimmten Items. Betretet ihr das fragliche Item erneut, startet ihr auf eben dem Level, den ihr zuvor verlassen habt. Es ist also nicht erforderlich, die ganze Welt in einem Rutsch durchzuspielen (falls ihr das überhaupt wollt).
Nun stellt sich die offensichtliche Frage: Hat der Spaß auch einen praktischen Sinn? Aber selbstverständlich! Mit jedem erfolgreich absolvierten Level der Item World steigen die Werte des betroffenen Gegenstands um einen bestimmten Prozentsatz an. Ihr seht schon: Auch dieses Prinzip zielt einzig und allein darauf ab, eure Party so stark wie nur irgendwie möglich zu machen. Zusätzlich sind die stärksten Waffen des Spiels nur in der Item World zu finden. Außerdem ist der hier gebotene Schwierigkeitsgrad um einiges höher als in den Story-Kämpfen. Stärkere Items können schon mal Gegner mit einem Minimumlevel von 150 aufweisen – was darüber hinaus nach jedem absolvierten Abschnitt ansteigt.
Ein weiteres Feature der Item World muss noch erwähnt werden. Jeder Gegenstand verfügt über eine Anzahl von sogenannten
Specialists, die dem Item bestimmte Eigenschaften verleihen oder einfach die vorhandenen Werte verbessern. Specialists sind neutrale Bewohner der Gegenstände, auf die ihr während eurer Besuche der Item World stoßen werdet. Sobald ihr einem solchen Gesellen über den Weg lauft, sollte er so schnell wie möglich beseitigt werden, da eure Feinde dasselbe Ziel verfolgen. Der Effekt des ganzen? Besiegte Specialists
verdoppeln ihre Stärke und verbessern dementsprechend den ganzen Gegenstand. Weiters ist es möglich, diese Specialists aus ihrem Item zu entfernen und in ein anderes einzubauen. So habt ihr nicht nur die Möglichkeit, eure Charaktere übermächtig stark zu machen, sondern auch deren Ausrüstung – genug Zeit vorausgesetzt.
Die zufallsgenerierten Maps der Item World sorgen aber auch für einen Negativpunkt: Es kann vorkommen, dass unerreichbare Plattformen erzeugt werden. Das allein ist kein Grund zur Sorge, aber wenn sich ein Specialist auf einer solchen Plattform befindet, wird es etwas ärgerlich. Des Weiteren kann es zu extrem irritierenden Anordnungen von Geo-Symbolen kommen, die euer Weiterkommen erschweren.
Dark Assembly – der dunkle Kongress Neben Charaktererstellung und Transmigration, die beide über die Assembly abgewickelt werden, könnt ihr hier Veränderungen am Spiel selbst vornehmen. Es besteht die Möglichkeit, Gegner generell stärker zu machen (vorteilhaft beim Aufleveln), das Sortiment der Itemshops zu verbessern, den Bewegungsradius eurer Charaktere zu erhöhen, optionale Abschnitte freizuschalten und Ähnliches. Der Clou an der Sache ist, dass jede dieser Auswahlmöglichkeiten eine Abstimmung vor dem Dämonenkongress erfordert (deshalb Dark Assembly). Leider sind euch anfänglich die wenigsten der Senatoren gewogen, weshalb ihr die meisten Votings verlieren werdet. In diesem Fall habt ihr zwei Handlungsoptionen: Ihr könnt die schlecht gelaunten Senatoren mit Items bestechen und hoffen, dass sie euch danach positiv gesinnt sind, oder aber ihr greift gleich zu Waffengewalt –
persuade by force heißt hier das Stichwort. Hier liefert ihr euch eine Schlacht mit den gegen euch stimmenden Senatoren; gewinnt ihr, endet die Abstimmung in eurem Sinne. Solcherart überzeugte Politiker werden euch dadurch aber eher nicht ins Herz schließen, sondern in Zukunft erst recht negativ abstimmen. Aber was einmal funktioniert, klappt auch öfter.
Es gibt viel zu tun, also packen wirs an Wie spätestens jetzt ersichtlich, bietet Disgaea unzählige spielerische Möglichkeiten, die bei vollster Erforschung und Ausnutzung weit über hundert Stunden Spielzeit in Anspruch nehmen. Dennoch sind Gameplay-Elemente wie die Item World, Transmigration und Dark Assembly in keinster Weise notwendig, um die Hauptstory zu beenden. Hier liegt auch ein Kritikpunkt begraben: Die Main Story ist mit 15-20 Stunden etwas kurz geraten. Auf der einen Seite muss die Freiheit im Spielablauf positiv beurteilt werden, auf der anderen Seite wird sie bei Gelegenheitsspielern, die nicht motiviert sind, die ganzen Facetten des Spiels selbst zu erforschen, einen faden Nachgeschmack hinterlassen. Zweifellos aber bietet Disgaea für RPG-Fans unglaublich hohen Wiederspielwert. Nach dem Durchspielen werden alle Charaktere und Items in das neue Spiel übernommen, man kann also genau da weitermachen, wo man aufgehört hat. Zusätzlich gibt es eine große Anzahl an verschiedenen Endings zu entdecken. Den größten Motivationsfaktor bieten aber die Sidequests, die zum Großteil extremst herausfordernd sind. So kann einer der optionalen Bosse einen beeindruckenden Level von 6000 (!) aufweisen. Ihr werdet euch eine lange Zeit mit dem Spiel beschäftigen müssen, um diesen Kameraden zu besiegen.
Sidequests oder nicht, RPG-Zocker werden sich allein durch die flexible, vielseitige Charakterentwicklung und das motivierende Kampfsystem eine lange Zeit mit dem Spiel beschäftigen.
I told you, your name is Mid-Boss! Zuguterletzt soll noch der Punkt angesprochen werden, der Disgaea auch für Gelegenheitszocker interessant macht. Wie eingangs erwähnt, besitzt das Spiel eine ganz eigene Form von Humor und nimmt sich zu keiner Zeit selbst ernst. Verbunden mit der genialen Sprachausgabe entwickeln sich dadurch Dialoge, die einen so noch nicht gesehenen Spaßfaktor aufweisen. Als Beispiel sei hier folgender Schlagabtausch angeführt.
Laharl und seine Gefährtinnen Etna und Flonne begegnen einigen weiblichen Dämonen, die überaus gut gebaut sind. Der Prinz verfällt in einen hysterischen Schreianfall und erklärt dies danach so:
Laharl: I don’t know why, but for some apparent reason i can’t stand women with sexy bodies.
(als Nachgedanke, zu seinen beiden weniger gut „ausgestatteten“ Gefährtinnen)
Laharl: On a side note, flat-chested girls like you have absolutely no effect on me.
Etna&Flonne: WELL EXCUSE US FOR BEING FLAT!
Die Szene, in der Laharl einen sehr von sich eingenommenen Endgegner einfach in
Mid-Boss umtauft, besitzt ebenfalls absoluten Kultstatus.
Durch solche Dialoge und auch das exzellente Design entwickeln die Charaktere bald einen eigenwilligen Charme und gewinnen deutlich mehr an Persönlichkeit als in anderen RPGs. Leider kann die Handlung von Disgaea mit dieser Klasse nicht ganz mithalten; zwar innovativ und interessant, aber doch zu vorhersehbar und vor allem kurz.
Grafik Der Grafikstil von Disgaea gleicht anderen Strategie-RPGs: Isometrische, polygonale Battle-Maps verbunden mit gezeichneten 2D-Charakteren. Vom technischen Standpunkt aus gesehen kann dieser Stil keinesfalls als hochwertig bezeichnet werden, allerdings treten auch keinerlei grafische Probleme auf. Retro- und RPG-Fans werden sich sofort wie zuhause fühlen. Was Disgaea in grafischer Hinsicht aber auszeichnet, ist das exzellente Charakterdesign. Bei Dialogen werden große Portraits der sprechenden Figuren eingeblendet, die teilweise auch Emotionen ausdrücken. Diese Portraits wurden mit viel Liebe zum Detail gestaltet und schaffen es sofort, den Charakteren Leben einzuhauchen.
Erwähnenswert sind auch noch die teilweise beeindruckenden Effekte bei Anwendung von Spezialattacken.
Sound Der Soundtrack von Disgaea kann ein breites Spektrum an Musikstücken aufweisen, die jederzeit zur Situation passen. Von langsamen Klängen bis hin zu einem Rock-Titel ist alles vorhanden. Nur bei langen Sessions in der Item World beginnt die Musik teilweise zu nerven, da sich hier dasselbe Musikstück ständig wiederholt.
Die Sprachausgabe ist, wie bereits erwähnt, exzellent gelungen und verleiht den Charakteren ihre eigene Persönlichkeit. Disgaea würde ohne Voice-Acting einiges von seinem Charme verlieren. Zusätzlich werden alle Attacken im Kampf von den Charakteren kommentiert – es kommt immer wieder gut rüber, wenn Etna einen Gegner mit „Drrrop dead, Punk!“ ins Jenseits befördert.
Spielspaß Solo Disgaea wird so gut wie jedem Spieler, der sich mit RPGs japanischer Machart anfreunden kann, Spaß machen. Die wichtigere Frage ist jedoch, wie lange dieser Spielspaß anhält. Gelegenheitsspieler, die in stundenlangem Aufleveln keinen Sinn sehen, werden 15-20 Stunden bestens unterhalten und das Spiel danach auf die Seite legen. RPG-Fans jedoch, die sich gerne mit Charakterentwicklung beschäftigen, finden in Disgaea ihre Erfüllung. Bis man über eine Party verfügt, die stark genug ist, um den letzten optionalen Endboss zu besiegen, vergehen mit Leichtigkeit 150 Stunden, und selbst dann ist Disgaea noch lange nicht ausgereizt.
Spielspaß Multi Im Spiel ist kein Multiplayer-Modus enthalten.