Hideo Kojima am Gipfel seines kreativen Schaffens - Metal Gear Solid 3: Snake Eater ist der ultimative Spiel-Film für die PS2.Der 1998 für die PSX erschienene erste Teil von
Metal Gear Solid war einer der ganz großen Wegbereiter für den Erfolg des Stealth-Action-Genres. Der ansprechende Mix aus spannender Story, Stealth-Gameplay, notwendiger Portion Action
und exzentrischem Kojima-Touch soll auch im dritten Teil Unterhaltung pur garantieren. Doch nun erfährt die MGS-Serie einen drastischen Wandel, handelt es sich doch bei
Snake Eater um ein Prequel, das im Jahr 1964 spielt und mit völlig neuen Gameplay-Elementen aufwartet. Auffälligste Änderung ist wohl die Umgebung. Ein großer Teil der Handlung spielt sich nicht mehr in engen Räumen und Gebäuden, sondern in einem riesigen Dschungel und im Freien ab. Ob
Snake Plissken auch in der James-Bond-Ära eine gute Figur macht, erfahrt ihr in unserem Master-Review.
Zitate, Anspielungen und ironischer Humor Als großer MGS-Fan fieberte ich dem Erscheinen des dritten Teils mit großer Freude aber auch nagender Skepsis entgegen. Groß war die Vorfreude über das
60er-Jahre-Flair und dass endlich wieder ein echter Mann (=Snake) und nicht irgendein
» Aufgeheizte Stimmung beim Boss-Fight. |
Milchbubi (=Raiden) das Ruder übernimmt. Zweifelnd betrachtete ich jedoch die neuen Spielkonzepte rund um Kampf im
Dschungel und Nahrungssuche.
Doch alle Sorgen sind vergessen! Nach der etwas langatmigen ersten Mission hat man sich akklimatisiert, eine ausgiebige Mahlzeit aus Schlange, Ratte oder Krokodil hinter sich und ist mit der Steuerung vertraut. Als Belohnung winkt das fulminante Intro, das selbst James Bond alt aussehen lässt. Der Kojima-Humor ist dabei allgegenwärtig. Einerseits gibt es kleine Seitenhiebe auf die Konkurrenz (etwa Halo und GTA) und andererseits mischen sich immer wieder
geistreiche Anspielungen und Witze über die aktuelle Film- und Popkultur in die zahlreichen Codec-Funksprüche mit der Basis. Die Story soll hier nicht gespoilert werden, nur so viel sei verraten: Snake wird die eine oder andere Überraschung erleben und nichts – absolut nichts und niemand – ist genau das, was man am Anfang vermutet.
Ich glaub, ich bin im Dschungel Im großen Gegensatz zum direkten Vorgänger durchstreift man im dritten Teil zu
60% offenes Gelände, Dschungelpassagen - Gebäude nur zu 40%. Die Story des Prequels spielt im Jahre 1964 und schlägt sich auch dementsprechend
» Gute Tarnung ist die halbe Miete. |
in der Ausrüstung nieder. Offensichtlichster Beweis dafür ist das fehlende Radar rechts oben am Bildschirm, was die beklemmende Outdoor-Atmosphäre noch verstärkt. Man muss sich also wirklich auf die eigenen Augen und vor allem die Ohren verlassen, wenn man sich unbemerkt durch das Dickicht schlagen will. Die Grafik ist
erstklassig: Angefangen bei der Umgebung bis hin zu wehenden Grashalmen, Wasser- oberflächen oder blendenen Sonnenstrahlen wirkt alles äußerst lebendig und realistisch. Was
Konami aus der PS2 herausholt ist umwerfend. Es gibt kaum ein schöneres Spiel als
MGS3. Dschungel, Umgebungen und Gebäude sind hervorragend in Szene gesetzt. Die Charaktermodelle sehen perfekt aus und bewegen sich dank
Motion-Capturing äußerst realistisch. Vor allem Spezialeffekte wie, Schatten, Feuer oder Explosionen sind spektakulär. Negativ fällt nur das unflexible Kamerasystem auf, das öfters die Übersicht behindert. Auch die Cutscenes präsentieren sich in Bestform und man glaubt manchmal einen Spielfilm zu sehen. Die Entwickler wissen, wie man eine PS2 richtig programmiert und
MGS3 überzeugt nicht zuletzt dank einer stabilen Framerate. Respekt haben sich aber vor allem die
Sounddesigner verdient. Oftmals hört man eine Gefahr bevor man sie mit freiem Auge erkennen kann. Das ist äußerst hilfreich, da man so die Position von Gegnern oder potentiellem Frühstück ausmachen kann. Dass der Dschungel kein Spielplatz ist, verdeutlichen auch die versteckten Fallen (Abgründe, Stacheldraht, elektrische Zäune oder wirklich fiese Booby-Traps), die man nur durch behutsame und vorsichtige Vorgehensweise identifizieren kann. Vor allem die
gelungene Dolby Pro Logic II Unterstützungmacht ausgeprägtes Richtungshören möglich. Jeder kleine Grashalm, jeder Zweig am Boden verursacht Geräusche, woran ihr entdeckt werden könnt. Umgekehrt werdet ihr aber so auch auf einen Gegner aufmerksam. Schließlich rundet der abermals von Harry Gregson-Williams komponierte Klangteppich das Spiel ab.
Camouflage Index und CQC Größte Gameplay-Neuerungen sind der
Camouflage-Index, das
Nahkampfsystem CQC, die
Nahrungsversorgung und das
Heilungsmenü. Camouflage ist der Begriff für Blendanstriche oder Tarnanzüge, wie sie das Militär verwendet.
Per Menü kann Snake je nach Terrain eine andere Tarnung für Gesicht und Körper wählen. Am Bildschirm informiert euch eine
Prozentzahl, wie sichtbar hier seid. Ab 90% können euch Wachen praktisch nicht mehr entdecken, außer sie kommen euch ganz nahe. Je nach Körperhaltung ergibt sich ein anderer Wert und so könnt ihr immer ablesen, wie gut eure Stealth-Technik ist. Im Lauf der Geschichte stoßt ihr immer wieder auf mehr oder weniger nützliche Tarnungen, die ihr eurer Sammlung hinzufügen könnt. Es gibt auch ganz ausgeflippte Gesichtsbemalungen (EU-exklusiv in den Landesfarben) und Tarnanzüge wie etwa den GA-KO, der eine geheimnisvolle Spezial- funktion hat.
Das Nahkampfsystem
CQC (Closed Quarters Combat) wurde rundum erneuert. Auch ohne Waffe ist Snake nun extrem gefährlich und kann Gegner mit wuchtigen Schlag- und Trittcombos unschädlich machen. Kein MGS-Spiel ohne
coole Gadgets: neben Minensuchgerät, Bewegungssensor oder Rattenfalle steht Snake auch ein riesiges Waffenarsenal - angefangen von Messer, Pistole, über automatische Waffen bis hin zum Raketenwerfer – zur Verfügung. Wieder mit dabei ist ein hilfreiches Päkchen Smokes (MGS-Fans wissen wozu die ungesunden Glimmstängel dienen) und es gibt noch eine Menge anderer lustiger Spielzeuge.
Snake Eater und Medicine Man Metal Gear Solid 3 trägt nicht umsonst den Untertitel
Snake Eater, denn der Verzehr von Nahrung ist eine der auffälligeren Neuheiten der MGS-Serie. Es gibt fast keine Rationen mehr und die Lebensenergie kann nur indirekt durch
» Ein junger alter Bekannter. |
Nahrungsaufnahme beeinflußt werden. So lange ihr genug zu beißen habt, heilt sich Snakes Körper von selbst. Aber Mutter Natur meint es gut mit euch und so findet ihr fast überall auf Anhieb mehr (Haserl und Rehe) oder weniger (Schlangen und Krokodile) nette Proteinspender sowie zahlreiche pflanzliche Kost, die eine herzhafte Diät ermöglichen. Insgesamt gibt es
60+ Arten von verschiedenen Nahrungsmitteln, die gleich - oder im Rucksack verstaut und später - verzehrt werden können. Witziges Detail: Snake gibt zu jeder Mahlzeit einen Kommentar ab, wie es ihm geschmeckt hat und sorgt so für
zahlreiche Lacher. Sollte sich unser Hero einmal gröber verletzen (z.B. eine Nahrungsmittelvergiftung), so ermöglicht das Heilungsmenü die Verabreichung von Medizin, das Bandagieren von gebrochenen Knochen und das Desinfizieren von Schnitt-, Brand- und Schusswunden.
Traumhafter Spiel-Film mit exzellenter Besetzung Was die MGS-Serie immer schon auszeichnete war die ansprechende Atmosphäre, eine
mitreissende Story sowie
interessante Charaktere. Zwar übertreibt
Hideo Kojima zuweilen mit Anzahl und Länge der Cutscenes, doch auch hier hat
» The Boss ist eine geheimnisvolle Frau. |
Konami zahlreiche Detailverbesserungen vorgenommen. Die komplett in Spielgrafik dargestellten Zwischensequenzen gehören zum Besten, was es derzeit auf Konsolen zu sehen gibt. Vor allem die Charaktermodelle (Gesichtszüge, Gesten und Bewegungsabläufe) sind sehr realistisch und detailliert ausgefallen. Die Entwickler haben aber das Feedback ernst genommen und so gibt es jetzt auch Möglichkeiten zur Interaktion. Mittels der Dreieck-Taste kann man die Kamera in den Cutscenes nachjustieren oder (in ausgewählten Situationen) per R1-Taste das Geschehen auch aus der
Ego-Perspektive betrachten. Vor allem bei Boss-Kämpfen wird das hektische Kampfgeschehen oftmals durch Dialoge unterbrochen, was aber selten stört und meistens noch mehr Spannung erzeugt. Besonders aufregend ist der vorletzte Boss-Fight, in dem man im Jeep über einen Flugplatz hetzt. Die hier gebotenen Kamerafahrten sorgen bei mir heute noch für eine lustvolle Gänsehaut.
Apropos Bosse: neben einigen vertrauten Gegnern wie einem jungen Spund namens
Revolver Ocelot (es wird extrem humorvoll geklärt, warum der gute Mann Revolver Pistolen vorzieht) gibt es einige interessante neue Besetzungen – allen voran
The Boss, die schillernde und mysteriöse Lehrmeister
in von Snake.
MGS3 überzeugt durch extrem
hohe Spieltiefe sowie einer packenden Atmosphäre. Die
sensationelle Grafik und der stimmungsvolle Soundtrack zählen auf der PS2 zur Spitzenklasse. Die Story ist enorm spannend und hält so manche atemberaubende Wendung für euch parat. Hideo Kojima kam seinem Ziel, ein Spiel wie einen Spielfilm zu inszenieren in ehrfurchterbietender Weise nahe wie nie zuvor. Zahlreiche Cutscenes sind so intensiv und mitreissend, dass sie einen vergessen lassen, nicht im Kino zu sitzen.
European Extreme Bonus Das lange Warten auf die europäische PAL-Version von MGS3 wurde durch einige Extras versüßt. Neben weiteren Schwierigkeitsgraden und den Nationalfarben als Gesichtbemalung gibt es das
Demo Theater, in dem alle Cutscenes noch einmal betrachtet werden dürfen. Leider hat
Konami diesmal keine Bonus-DVD (wie bei
Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty) spendiert. Alles in allem ist der zusätzliche Inhalt nett aber kaum mehr als ein müdes Add-On. Obwohl
Hideo Kojima die EU-Version zum
persönlichen Liebling erklärt hat, ist das nur ein schwacher Trost für den nicht vorhandenen 60Hz-Modus.