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Forbidden Siren

» Autor: Gerald Blauensteiner
» Datum: 02.04.2004
» Gesamtwertung:
/5
4/5: Empfehlenswert
mit zahlreichen Stärken.
Wie wir bewerten
Survival Horror mit einer Prise Stealth – interessante Ideen, aber leider Schwächen in der Ausführung.

Sam Fisher in Silent Hill? Forbidden Siren bedient sich bei beiden Titeln und kann so mit einigen Innovationen gegenüber herkömmlichen Vertretern des Survival Horror-Genres aufwarten. Verbirgt sich hinter den Neuerungen aber auch ein gutes Spiel?

Siren
Forbidden Siren wird hierzulande vielen Spielern (noch) kein Begriff sein, erschien das Spiel doch, obwohl von Sony selbst, komplett ohne begleitenden Hype. Dabei verdient der Mann, der für den Titel verantwortlich ist, durchaus Erwähnung: Keiichiro Toyama, Director von Forbidden Siren, war bereits Designer für Konami bei Silent Hill 1 – und das wird bei seiner neuen Kreation stellenweise sehr deutlich.
Interessant auch das Detail, dass Forbidden Siren in Europa früher als in Amerika veröffentlicht wurde – dort erscheint der Titel erst im April unter dem verkürzten Namen Siren. Seltsamerweise traf genau dies auch auf Silent Hill 3 zu, das in Europa einige Monate vor Amerika released wurde. Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Titel? Im Normalfall sind wir Europäer ja eigentlich die letzten in der Warteschlange.

Silent Hanyuda
Forbidden Siren spielt in einem kleinen japanischen Dorf namens Hanyuda, wo sich Seltsames ereignet. Eines Nachts füllen sich die Flüsse mit Blut, und die Bewohner der eigentlich friedlichen Stadt verwandeln sich in Zombies (im Spiel genannt Shibito), die nun den wenigen Überlebenden an den Kragen wollen. Zehn Menschen haben die Katastrophe überlebt, und diese müssen nun, geführt vom Spieler, dem zugrunde liegenden Übel auf die Schliche kommen – und so ganz nebenbei auch überleben.
Zehn? Richtig gelesen. In Forbidden Siren übernimmt der Spieler nicht die Rolle eines fixen Hauptcharakters, sondern muss abwechselnd einen der zehn Überlebenden steuern. Die Charaktere könnten dabei unterschiedlicher nicht sein: Vom Priester über einen alten Jäger bis hin zum wehrlosen Mädchen ist alles dabei. Der Spieler hat allerdings keinen Einfluss darauf, welchen der Charaktere er übernimmt. Das Spiel schaltet nach Absolvierung einer Mission automatisch zu einer anderen Figur weiter.

Innovativer Spielaufbau
Der Spieler übernimmt also den ihm zugewiesenen Charakter und hat nun die Aufgabe, eine bestimmte Mission zu erfüllen. Meistens gestalten sich diese prinzipiell ziemlich simpel, wie z.B. das Gelangen von Punkt A nach B, das Finden eines bestimmten Items etc. Nach erfolgreicher Beendigung einer Mission folgt meist eine Zwischensequenz und danach ein anderer Charakter mit einer neuen Aufgabe. Die Handlung von Forbidden Siren erstreckt sich über drei Tage, und hier ist der Clou an der Sache: Die Missionen werden nicht in der chronologisch richtigen Abfolge absolviert. Es obliegt dem Spieler, den Zusammenhang zwischen den einzelnen Spielabschnitten selbst zu erkennen. Glücklicherweise gibt es mit dem sogenannten Szenario Link Navigator eine kleine Hilfestellung dazu. Dieser ist eine Zeittafel, die alle bereits beendeten Missionen und ihren Zusammenhang mit anderen Charakteren auflistet. So kann sich der Spieler einen besseren Überblick über die bekannten Ereignisse und ihren zeitlichen Ablauf schaffen. Anfangs mag dieses System etwas verwirrend wirken, doch entwickelt es mit der Zeit einen eigenen Charme und sorgt außerdem für Spannung. Ein eigentlich linear ablaufendes Spiel nichtlinear zu präsentieren, das hat schon etwas für sich.

Die wahre Bedeutung von Survival Horror
Nun aber zum Gameplay selbst. Zeigt sich die Präsentation der Story schon ziemlich ungewöhnlich, wird der nichts ahnende Zocker dann im Spiel selbst so richtig überrascht. Forbidden Siren versteht sich in dieser Hinsicht nicht als Silent Hill- oder Resident Evil-Klon, sondern setzt auf eine gehörige Dosis Stealth. Der erste wichtige Unterschied ist, dass die Charaktere von Siren keine Superhelden, sondern ganz normale Menschen sind. Das bedeutet für den Spieler, dass bereits wenige Feindkontakte zum Ableben der Spielfigur führen. So kann z.B. ein mit Gewehr bewaffneter Zombie den Spieler mit zwei Treffern ins Jenseits befördern. Viel erschwerender stellt sich allerdings die Tatsache dar, dass die meisten Charaktere gar nicht bewaffnet sind, und sich deshalb nicht einmal gegen die Untoten verteidigen können. Das führt recht schnell zur Erkenntnis: Begegnung mit Zombies = Tod. Was also dagegen unternehmen?
Hier kommt die eigentliche Innovation im Gameplay von Forbidden Siren zur Geltung: die sogenannte Gegnersicht. Wie der Name bereits andeutet, bietet sie die Möglichkeit, durch einfachen Druck auf die L2-Taste mit den Augen der Gegner zu sehen. Der Spieler kann nun durch die verschiedenen Zombies im Umkreis durchschalten und so herausfinden, wo sich diese gerade befinden bzw. in welche Richtung sie blicken (wichtig bei Scharfschützen). So ist es möglich, sich durch die Abschnitte zu schleichen und möglichst wenig Untote auf sich aufmerksam zu machen. Um Irrtümer gleich zu vermeiden: Die Gegnersicht ist kein Feature oder Anhängsel, sondern eine absolute Notwendigkeit, um Forbidden Siren erfolgreich zu spielen. Bereits im dritten Level wird man mit einem Scharfschützen-Zombie konfrontiert, der es sich auf dem Dach eines Hauses bequem gemacht hat und so fast den ganzen Abschnitt überblicken kann. Zusätzlich verfügt der gespielte Charakter über keinerlei Bewaffnung, was bedeutet, dass sich der Spieler vollkommen auf die Gegnersicht verlassen muss, um zu überleben. Aber selbst mit bewaffneten Spielfiguren ist es nicht ratsam, den Actionhelden raushängen zu lassen – das führt nur zu einem schnellen Tod, und sicher nicht zu dem der Zombies.
Die Gegnersicht sorgt aber auch gelegentlich für Lacher, denn der Spieler sieht nicht nur durch die Augen seiner Gegner, sondern kann sie auch hören. Die untoten Gesellen stöhnen und seufzen vor sich hin, geben undefinierbare Laute von sich, und verfallen teilweise in regelrechte Wutausbrüche. Das ist zwar der Survival-Horror-Atmosphäre nicht unbedingt zuträglich, sorgt dafür aber für humorvolle Auflockerung des Geschehens (ob nun beabsichtigt oder nicht).

Warum einfach, wenn es auch umständlich geht
In bekannten Survival Horror-Titeln werden generell alle Aktionen wie Türen öffnen, Items aufsammeln und diverse Rätsel lösen mit einfachem Druck auf die X-Taste durchgeführt. Forbidden Siren gestaltet dies etwas komplizierter. Der X-Button dient hier nur zur Untersuchung von Gegenständen, Aktionen werden aber über ein In-Game-Menü, das mit der Dreieck-Taste aufgerufen wird, ausgeführt. Hier stehen dann je nach Situation verschiedene Befehle zur Auswahl. Ein Gegenstand muss z.B. per Menü mit Aufheben mitgenommen werden, eine verschlossene Tür wird mit Öffnen geöffnet etc. Dieses System führt dazu, dass benutzbare Items leicht zu übersehen sind, da die X-Taste zwar Informationen über untersuchte Gegenstände gibt, aber nicht anzeigt, ob man das betreffende Item nun mitnehmen kann oder nicht. Dazu muss erst das In-Game-Menü aufgerufen werden, um zu überprüfen, ob Aufheben zur Verfügung steht. Wirkt wie unnötige Verkomplizierung? Ist es auch.
Dieses Menü hat noch eine zweite Funktion: Manche Missionen absolviert man nicht allein, sondern wird von anderen Charakteren (NPCs) begleitet, die meist komplett hilflos sind. In einem Fall muss man z.B. ein kleines Mädchen sicher zum Ausgang führen. Diese NPCs werden über das In-Game-Menü mit Befehlen wie Warten oder Herkommen kontrolliert. Eine nette Idee, die zusätzlich für Abwechslung im Spielablauf sorgt.

Geduld ist eine Tugend
Der größte Kritikpunkt von Forbidden Siren, und auch der Grund, warum viele Spieler vom Durchzocken absehen werden, ist der Schwierigkeitsgrad. Das Spiel per se ist zwar nicht wirklich schwer, aber Mängel im Spieldesign steigern die Frustration und testen die Toleranzgrenzen des Spielers aus.
Wie bereits erwähnt, kann ein Kontakt mit der untoten Schar nur schwer überlebt werden. An sich wäre das kein Problem, nur führt ein Ableben dazu, dass die ganze Mission von vorne begonnen werden muss! Nur in längeren Levels gibt es Rücksetzpunkte, die das Problem aber kaum mindern. Speichern kann man nur zwischen den einzelnen Missionen. Der Leser mag sich nun denken: Nun, dann darf man eben einfach nicht sterben! Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Der Tod ist in Forbidden Siren allgegenwärtig und unvermeidbar. Man kann die Missionen nicht schaffen, ohne vorher das Layout und die Positionen der Zombies genau zu kennen. Das bedeutet, dass man die Mission so oft spielen muss, bis eine bestimmte Vorgehensweise entwickelt ist. Simpel gesagt: Forbidden Siren basiert auf dem nicht gern gesehenen Trial&Error-Prinzip. So kann ein Level, der eigentlich in fünf Minuten zu schaffen ist, gut und gern eine Stunde frustrierende Arbeit bedeuten. Das senkt natürlich die Motivation ganz gewaltig, und steigert dafür den Haarausfall des Spielers ins Unermessliche.
Leider ist Trial&Error nicht das einzige Problem im Gameplay von Forbidden Siren. Einige Stellen basieren schlicht und einfach auf Glück, und das sollte eigentlich vermieden werden. So z.B. gibt es eine Szene, in der der Spieler aus einem Tunnel kommt, und in einiger Entfernung ein Scharfschütze wartet. Dieser Kollege wird mindestens einen Schuss auf den Spieler abgeben; manchmal trifft er, manchmal nicht. Solche Situationen kommen leider häufiger vor, und wenn man eine Mission nur deshalb nicht schafft, steigt natürlich die Versuchung, den Controller an die Wand bzw. das Spiel aus dem Fenster zu werfen.
Ein Glück, dass die Sterbeanimationen der Charaktere gut gelungen sind, denn diese sieht man sehr, sehr oft.

Gänsehaut
Survival Horror-Titel leben vor allem von ihrer Atmosphäre. So wären Resident Evil und Silent Hill ohne ihren Grusel-Faktor nur mehr mittelmäßige Spiele. Auch Forbidden Siren kann eine überaus dichte Atmosphäre aufweisen, die vor allem durch das exzellente Grafikdesign und die Musik erzeugt wird. Die Zombies und die Umgebungsgrafik sind, vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen, sehr gut gelungen. In atmosphärischer Hinsicht kann Siren seine Verwandtschaft zu Silent Hill nur schwer leugnen. Hier wird überdeutlich, an welchem Titel Keiichiro Toyama beteiligt war.
Leider gibt es auch einige Negativpunkte zu vermelden, die verhindern, dass Forbidden Siren an das Vorbild herankommt. So wirken die Geräusche der Zombies mehr lächerlich als furchteinflößend. Weiters kommt beim zwanzigsten Versuch, eine Mission schaffen zu wollen, keine Atmosphäre mehr auf, sondern eher Langeweile. Außerdem sollte noch erwähnt werden, dass Forbidden Siren über keinerlei gescriptete Schockeffekte verfügt; auch hier lehnt sich der Titel eher an Silent Hill als an Resident Evil an.
Trotz der Negativpunkte sorgt Siren für gepflegtes Gruseln, vor allem in den weniger frustigen Missionen. An Silent Hill kommt das Spiel zwar nicht heran, aber mit der Atmosphäre eines Resident Evil kann es durchaus mithalten.


Grafik
Ein zweischneidiges Schwert.
Auf der positiven Seite: exzellentes Design von Umgebung und Untoten, sehr gut animierte Charaktere (via Motion-Capturing) und stilistisch hervorragend gelungene Rendervideos, die sich deutlich an The Ring anlehnen.
Eher negativ dagegen die technische Seite der Grafik. Farbarme und nicht sehr detaillierte Texturen, deutliches Aliasing und kein 60hz-Modus. Mit einem Silent Hill 3 kann Forbidden Siren hier keinesfalls mithalten. Beide Titel sind sich vom Stil her sehr ähnlich (viel Dunkelheit und Nebel), aber die Grafik von Siren ist bei weitem nicht so detailreich.

Sound
Musik und Soundeffekte sind sehr gut gelungen. Der Soundtrack reicht von Silent Hill-typischen dissonanten Klängen bis hin zu japanisch angehauchten Melodien und kann einiges an Atmosphäre erzeugen. Auch die Geräusche der untoten Brut wissen zu überzeugen; zwar eher auf der lächerlichen Seite, aber dennoch exzellent in Szene gesetzt.
Auch hier jedoch ein Negativpunkt: Die deutsche Synchronisation ist eine mittlere Katastrophe. Lieblos herunter gesprochen, zum Teil Sätze, die absolut nicht zu den (sehr guten) Animationen der Charaktere passen, und seltsame Übersetzungen wie z.B. „Geistlicher Leiter“ statt einfach Priester oder Pfarrer. Die schlechte Synchro führt dazu, dass die Videos, obwohl stilistisch hervorragend, teilweise wie lächerlich schlecht übersetzte B-Movies wirken.

Spielspaß Solo
Der Spielspaß von Forbidden Siren hängt zu einem großen Teil vom Spieler selbst ab. Schnell gefrustete Zockernaturen werden nicht sehr lang Spaß haben; geduldige Zocker dagegen können sich am Stealth-Gameplay, an der gelungenen Atmosphäre und vor allem an der sehr interessant präsentierten Story erfreuen. Die Spieldauer ist schwer zu beurteilen. Prinzipiell kann das Spiel problemlos in 10 Stunden beendet werden, tatsächlich aber benötigen viele Missionen stundenlanges Trial&Error. So habe ich z.B. für drei Missionen, die eigentlich jeweils in fünf Minuten absolviert werden könnten, insgesamt drei Stunden gebraucht. Forbidden Siren verfügt über 78 solcher Missionen, kann also je nach Spieler unterschiedlich lange dauern. Stealth-Profis werden weniger Probleme haben als Action-Fanatiker.

Spielspaß Multi
Im Spiel ist kein Multiplayer-Modus enthalten.
Pro
genial präsentierte Story
innovatives Stealth-Gameplay
gelungene Atmosphäre
sehr stilvolle Rendervideos
Contra
extrem frustrierend durch zuviel Trial&Error
technisch schwache Grafik
schlechte deutsche Synchronisation
Fazit
Forbidden Siren ist eine zwiespältige Angelegenheit. Auf der einen Seite steht das innovative Gameplay und die spannende Story, auf der anderen Seite das extrem frustrierende Trial&Error-Prinzip. Die neuartige Präsentation der Handlung ist genial. Ständig wechselnde Charaktere und chronologisch nicht lineare Missionen sorgen für Spannung und regen den Spieler zum Nachdenken an. Hier wird nicht alles vorgekaut, und das ist gut so. Dieses System wird hoffentlich Nachahmer finden, da es einiges an Potential aufweisen kann.
Auch die Integration von Stealth-Elementen macht Sinn. Immerhin heißt das Genre nicht umsonst Survival Horror. Surviving, überleben, ist bei Forbidden Siren eine weitaus größere Herausforderung als bei anderen Vertretern des Genres. Weg von Resident Evil-typischer Action und hin zu einem eher Stealth-betonten Gameplay, das stellt definitiv einen Schritt in die richtige Richtung dar. Die Verwirklichung dieses innovativen Prinzips ist Forbidden Siren aber eher misslungen.
Der Trial&Error-Spielablauf verbunden mit dem ständigen Neustarten der Missionen wird den meisten Spielern zuviel an Frustration sein. Die Notwendigkeit, in jedem Level erst x-mal sterben zu müssen, um den optimalen Lösungsweg zu finden, verdirbt den Spielspaß gewaltig. Hier zeigt sich, dass Innovationen solcher Art genauer durchdacht oder in Sequels verfeinert werden wollen.
Für Survival Horror-Fans ist Forbidden Siren allemal einen Blick wert, vor allem für Liebhaber von Silent Hill, die die Wartezeit bis zum vierten Teil überbrücken wollen. Auch für geduldige Spieler, die kein Problem mit unzähligen Versuchen und eher gemächlicherem Spieltempo haben, kann eine Empfehlung ausgesprochen werden. Wenn man über die Frustmomente hinwegzublicken vermag, sorgen die geniale Story, das sehr japanische Design und die Atmosphäre durchaus für Unterhaltung. Leicht zu frustrierende Naturen und Action-Freaks sollten allerdings einen weiten Bogen um Forbidden Siren machen.
Infos
Erhältlich für
Genre
Adventure
   Survival Horror
Publisher
SCEE
Entwickler
SCEE
Website
de.playstation....
Release
12. März 2004
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