Rygar ist mutig, muskelbepackt und er sieht darüber hinaus auch noch ziemlich gut aus. Man merkt es gleich: Dieser Kerl ist ein Videospiel-Held wie er im Buche steht. Kein Wunder, dass sich die Jungs und Mädels aus dem Hause Tecmo dazu entschlossen haben, ein modernes Remake des klassischen Rygar-Games aus der guten alten 8 Bit-Zeit (es erschien u.a. für das NES) auf die actionbegeisterte PlayStation 2-Gemeinde loszulassen.
Da steht er nun: Rygar, ein erfolgreicher Kämpfer und Gladiator, der unter Gedächtnisschwund leidet, was (wie könnte es anders sein?) im Laufe der spannenden Geschichte noch für ein paar kleine Überraschungen sorgen wird.
Zuerst einmal geht es aber um eine Standardsituation, wie man sie schon in zahllosen Spielen, gerade auch aus der 8 Bit-Ära, kennt. Denn zur Abwechslung wurde in Rygar – The Legendary Adventure mal eine holde Prinzessin entführt ;)
Die blondgelockte Harmonia aus dem antiken Land Argus wird von so genannten Titanen, Kreaturen der Dunkelheit, verschleppt. Das gefällt Rygar natürlich ganz und gar nicht, weshalb er unverzüglich die Reise durch sieben gefährliche Welten (vom Kolosseum, seinem „Arbeitsplatz“, bis in die mythologische Unterwelt) antritt.
Hähä, mein Jojo hat Stacheln
Lara Croft hat ihre Pistolen, Indy hat seine Peitsche und Rygar zieht seit jeher mit den vielseitigen Diskarmors in die Schlacht. Diese stachelbewehrten Scheiben sind mit einer Kette am Arm des Helden befestigt und kommen nach einem Wurf (eben fast wie ein überdimensionales Jojo) automatisch zu ihm zurück. Ein Diskarmor macht der örtlichen Monsterplage noch deutlich schneller ein Ende, wenn man die unterschiedlichsten gefährlichen Kombinationsattacken zum Meucheln benutzt. Nach und nach erhält Rygar drei verschiedene Diskarmors, welche sich jeweils durch unterschiedliche Eigenschaften (Moves, Reichweite und Angriffsfrequenz) auszeichnen.
Das Monstertöten gehört selbstverständlich zu den Lieblingsbeschäftigungen eines echten Kriegers, aber ein Diskarmor ist auch noch für ein paar andere Dinge zu gebrauchen. Im Laufe der Zeit werden die Fähigkeiten der Waffen erweitert und sie können dann als Enterhaken zum Erreichen höhergelegener oder weiter entfernter Orte sowie zum Schwingen an Energiekugeln eingesetzt werden.
In jeder Kampfscheibe lebt außerdem ein geheimnisvolles Geschöpf, das in Kämpfen für kurze Zeit als Helfer beschworen werden darf (wodurch aber Zauberenergie verbraucht wird).
Rygar, das antike Abrisskommando
Wenn gerade mal keine lästigen Kreaturen herumgeistern, muss sich Rygar keineswegs langweilen, denn die lieben Entwickler haben unzählige zerstörbare Details in die verschiedenen Umgebungen eingebaut. Passend zum historisch-mythologischen Szenario stehen an jeder Ecke Säulen, Statuen und alte Tempelwände herum, die praktisch nur auf einen Muskelprotz wie Rygar warten. Der Held kann im Prinzip alles zerstören, was auch nur im entferntesten Sinne brüchig aussieht, und oft genug hinterlässt Rygar eine Spur der Verwüstung. Diese scheinbar willkürlichen Zerstörungsorgien haben aber bisweilen durchaus einen Sinn, denn man muss zum Beispiel eine Säule umwerfen, um eine Brücke über bodenlose Abgründe zu bilden.
Davon abgesehen verbergen sich in den steinernen Zierelementen häufig Sammelpunkte, mit denen man die Diskarmors bis Stufe 3 aufleveln kann. Zusätzlich haben die Entwickler einige Konzeptzeichnungen, Schrifttafeln mit Hintergrundinfos zur Story und Stücke aus dem Soundtrack in Statuen bzw. Felsbrocken mehr oder weniger gut versteckt.
Besonders begehrt sind mythische Steine, die der Spieler in die Diskarmors einsetzen darf, um etwa die Abwehrkraft des Helden zu erhöhen. Diese magischen Klunker wurden ebenfalls über die Welten verteilt und Rygar sollte deshalb immer nach geheimen Räumen oder Abzweigungen Ausschau halten.
Das ständige Säulenzerstören dürfte manchem Spieler spätestens nach der hundertsten „Abriss-Aktion“ ein wenig auf die Nerven gehen, aber anderseits hat das Ganze auch etwas Befreiendes ;)
Abgesehen davon ist es durchaus möglich, viele der Objekte einfach links liegen zu lassen, wobei man dann natürlich nicht von den darin enthaltenen Fundstücken profitiert.
Hallo, ist hier jemand?
Ein Highlight des Spiels sind sicherlich die teilweise gigantischen Endgegner, die Rygar jedoch relativ schnell erledigen kann, sobald er sich mit den jeweiligen Angriffsmustern und Schwachstellen vertraut gemacht hat.
Die gewöhnlichen Monster sind leider nicht annähernd so imposant bzw. furchteinflößend geraten wie ihre großen Brüder und es gibt vor allem nur enttäuschend wenige unterschiedliche Gegnerarten. Riesenwürmer in verschiedenen Farben, eklige Superspinnen, ein paar schwebende Mistviecher und das war´s auch schon fast. In diesem Bereich wäre sicherlich etwas mehr möglich gewesen. Darüber hinaus begegnet man des öfteren über weite Strecken keinem einzigen Kontrahenten, so dass Rygars Diskarmor nur Bekanntschaft mit wehrlosen Steinen macht. Man hat so ab und zu fast das Gefühl, dass an diesen Stellen schon ein anderer übereifriger Held für Zucht und Ordnung gesorgt hat *g*
So kann sich Rygar häufig völlig auf das Demolieren der Umgebung und ein paar nette Sprungeinlagen konzentrieren.
In der Kürze liegt die Würze?
Rygars Abenteuer ist wirklich unterhaltsam, man kann ein paar nette Extras entdecken und das Kampfsystem funktioniert hervorragend, aber: Das Spiel ist verdammt kurz. Fans epischer Geschichten werden mit diesem Game wahrscheinlich nicht glücklich werden, denn selbst wenn viele Gegenstände gesammelt werden, steigt die Spielzeit kaum über mickrige sieben Stunden. Auch die freispielbaren Bonus-Elemente machen dieses Manko leider nicht ganz wett. Auf tapfere Kämpfer warten nach dem Abspann zum Beispiel zwei weitere Schwierigkeitsgrade (schwer und legendär) sowie einige witzige Diskarmors (etwa in Pizza-Form), abhängig von der benötigten Zeit und den gelungensten Angriffen.
Im so genannten „Eine-Welt-Modus“ dürfen nach dem ersten Durchspielen netterweise sämtliche Gefilde einzeln angewählt werden, so dass Rygar auch noch die letzten vergessenen Items zusammenklauben kann.
Steinerne Monumente und orchestrale Klänge
Rygar hat ohne Frage optisch einiges zu bieten. Passend zur Thematik haben sich die Grafikdesigner an der antiken Architektur unserer Welt orientiert und die Säulengänge, tempelähnlichen Anlagen und Türme sehen meistens auch wirklich sehr realistisch aus. Dieser Eindruck wird durch schicke Effekte, wie etwa aufwirbelnde Staubwölkchen unter Rygars Füßen, lebensechte Schatten oder herumfliegende Funken unterstützt. Nur das gelegentliche Kantenflimmern (gerade in den Außenbereichen) trübt den guten Gesamteindruck. Die großen Welten haben neben den erwähnten Gebäuden auch noch so manches andere Szenario zu bieten, so dass der Held unter anderem grüne Wiesen, brandgefährliche Lavalandschaften und finstere Höhlen erforschen muss.
Der Soundtrack des Games ist ähnlich gut gelungen, was nicht zuletzt an den abwechslungsreichen, orchestralen Musikstücken liegt. Die englische Sprachausgabe in den Zwischensequenzen ist in Ordnung, die dazugehörigen deutschen Texte wirken aber manchmal ein wenig unbeholfen.
Die automatische Kamera-Führung sorgt zuweilen für leichte Orientierungsprobleme (z.B. wenn Rygar auf eine tiefergelegene Ebene springt), aber der Rest der Steuerung funktioniert dafür einwandfrei.
Fazit
Ja, der Umfang ist zu gering. Ja, es gibt teilweise nicht genug Gegner. Und ja, das Zerbröseln harmloser Säulen ist nicht gerade heldenhaft. Aber das Gesamtkunstwerk ist dank seiner gelungenen Technik und der gut umgesetzten Kampf-Elemente trotzdem ein eindeutig empfehlenswertes Spiel für Action-Liebhaber, das mir jedenfalls viel Spaß gemacht hat.
Anmerkung: Diesen Test findet ihr auch bei GameCaptain.de –> Keine Sorge: Ich habe ihn nicht geklaut, sondern ganz allein geschrieben ;)
Christina