Sehr guter Ego-Shooter im schmuddeligen Ex-Agenten-Setting mit kleinen Schwächen.Ego-Shooter-Fans leben derzeit in goldenen Zeiten. Eine große Anzahl Vertreter ihres Lieblingsgenres überfluten den Markt und laden zum hemmungslosen Ballern ein. Selbst auf der ansonsten durch diesen Spieltyp eher unterbelieferten
Playstation 2 kracht es dank Titeln wie
Area 51,
Project Snowblind und
TimeSplitters 3 auf höchstem Niveau. Nun macht sich ein weiterer Vertreter des Genres in den Ladenregalen breit, der mit einem eher realistischen Szenario einen Gegenpol zu den Sci-Fi-, Weltkriegs- und Monster-Ballereien bieten will. Die Rede ist von
Cold Winter, in dem der Spieler in der Rolle eines ehemaligen MI6-Agenten eine Verschwörung aufdeckt und dabei um die halbe Welt reisen muss. Ob der Titel was taugt, erfahrt ihr in unserem
Master-Review.
Fieses EnglandDas Leben als britischer Agent im Dienste ihrer Majestät ist hart. Das muss auch unser Held am eigenen Leib erfahren, als er bei einer streng geheimen Mission in chinesische Gefangenschaft gerät. Statt seinen besten Mann zu retten, leugnet der
» Unsere MP sorgt für Frieden. |
MI6 jedoch die Existenz von
Andrew Sterling, löscht flugs seine Akte und überlässt ihn seinem schmerzvollen Schicksal. Glücklicherweise hat ein alter Haudegen wie
Sterling nicht nur etliche Feinde, sondern auch einige echte Freunde. Einer davon ist die athletische
Kim, die das Gefängnis infiltriert und den Veteranen aus seiner Zelle befreit. Nach einer ausführlichen, filmreif inszenierten Einleitungssequenz wechselt das Game in die Ego-Perspektive und überlässt die Geschicke des Protagonisten dem Spieler. Da man aus einem Hochsicherheitstrakt nicht so einfach herausspazieren kann hat die clevere
Kim an alles gedacht und ihrem Freund gleich eine Pistole mitgebracht.
Murks im KnastMit der harmlosesten der
knapp 40 Waffen des Spiels und der Freiheit vor Augen, tätigt man die ersten Schritte als Ex-Agent
Sterling und ballert sich seinen Weg durch die gut bewachten, engen Gänge des chinesischen Gefängnisses.
» Splitter, Staub, Schießereien... |
Die Bedienung hält sich dabei größtenteils an Shooter-Standards. Leider kommt das Ganze nicht so sauber rüber wie bei der Konkurrenz und so hat man vor allem anfangs mit der etwas unpräzisen, leicht schwammigen Bedienung zu kämpfen. Da der Mensch jedoch ein Gewohnheitstier ist, bekommt man dieses Problem nach wenigen Spielstunden in den Griff und der anfängliche Ärger über eine leicht verkorkste Steuerung verfliegt allmählich. Während des Ausbruch aus dem Gefängnis stechen ziemlich schnell die Besonderheiten des Titels ins Auge.
Konventionelles Shooter-Gameplay und recht lineares Leveldesign mit mehreren Teilaufgaben wurden hier mit einigen neuen Elementen vermischt. So können aus herumliegenden Gegenständen wie Benzinkanistern, Plastik oder Draht nützliche Items gebastelt werden. Darunter fallen Brandbomben, Molotov-Cocktails oder Dietriche. Dies geschieht vollautomatisch per Knopfdruck in einem Menü, sobald alle
Zutaten für einen Gegenstand gefunden wurden. Eine nette Idee aus der man aber prinzipiell viel mehr hätte herausholen können. Die wahre Stärke des Titels findet sich daher in der sehr
leistungsstarken Physikengine.
Coole Physik, derbe SchießereienDank dieser dürfen Gegenstände wie beispielsweise Tische oder Schränke umgeworfen werden, um dahinter in Deckung zu gehen. Dabei sind diese nicht statisch, sondern können
sogar per Hand verschoben werden. So ist es beispielsweise möglich, sich zur nächsten Stellung vorzuarbeiten, ohne vom feindlichen Kugelhagel getroffen zu werden. Auch die Gegner machen sich solche Tricks zu Nutze und agieren, dank
solider KI, größtenteils glaubwürdig, indem sie Deckung aufsuchen oder den Spieler verfolgen. Besonders spektakulär wird es, wenn toll animierte Explosionen ganze Umgebungsteile
umgestalten. In solchen Situationen fliegen im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen: Brücken stürzen ein, Fässer düsen brennend durch die Luft und Baugerüste verwandeln sich in Schutt. Überhaupt wurden sämtliche Partikel und Waffeneffekte toll in Szene gesetzt. Fensterscheiben und Flaschen gehen während der endlosen Ballereien zu Bruch, Holz splittert und Betonmauern geben reichlich Staubwolken von sich, sobald sie Kugeln schlucken. Zusammen mit den filmreifen Soundeffekten, dem aufgeregten Geschrei der Feinde und der passenden Musik ergibt sich ein
sehr cooles Schießerei-Feeling, in dem man intuitiv von Deckung zu Deckung hechtet. Auch bei der deutschen Synchronisation hat man sich keine Blöße gegeben und Profis engagiert. Allerdings sind die Lippenbewegungen in den vielen Zwischensequenzen oft alles andere als synchron zum gesprochenen Text.
Technik mit MackenLeider gibt es auf der Technikseite aber auch einige Mängel festzuhalten. So scheinen die Sounds teilweise eine
schlechte Komprimierung erfahren zu haben, was sich in der
» Trostlose Umgebungen sorgen für Atmosphäre. |
Wiedergabequalität negativ bemerkbar macht. Ein Patzer, der eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Auch die Grafik kann abseits der wirklich gelungenen Partikeleffekte nicht glänzen: Meistens sind es
sehr detailarme Texturen, die das Spielerauge verschrecken und auch die Charaktermodelle hätten ein paar mehr Polygone vertragen. Längere Ladezeiten gibt es glücklicherweise nur zwischen den recht großen Levels. Die größte Frechheit der Entwickler ist die Tatsache, dass sich ihr Titel mit satten
2,6 Megabyte (!) auf der Memory-Karte breit macht. Hier stellt man sich ernsthaft die Frage, was so viel Speicherplatz belegen könnte, da ja lediglich der Spielfortschritt gespeichert wird. Auch gameplaytechnisch hat
Cold Winter mit einigen Problemen zu kämpfen. Vor allem das Durchsuchen erschossener Feinde nach brauchbaren Gegenständen und die langsame Laufgeschwindigkeit der Hauptfigur bremsen den ansonsten rasanten Titel unnötig aus. Ein unendlich oft einsetzbares Medi-Pack wiederum sorgt für einen
etwas zu leichten Schwierigkeitsgrad. Darüber hinaus ist die deutsche Version einer
sehr radikalen Zensur zum Opfer gefallen. Wo im amerikanischen Original Blut in rauen Mengen fließt, Körperteile ihre Besitzer vermissen und Gegner durch Granaten regelrecht zerfetzt werden, wird in der deutschen Version
sauber gestorben. Zudem fehlt eine komplette (Folter-)Szene im Intro. Diese Einschnitte nehmen dem Titel leider viel von der sehr harten, an alte Actionfilme erinnernden Atmosphäre. Hier sollte also nach Möglichkeit auf die englische PAL-Version zurückgegriffen werden.
Multi-AgentWer nach der rund
zehnstündigen Einzelspielerkampagne Lust auf mehr verspürt, dem wird einiges geboten. Neben insgesamt
vier Schwierigkeitsgraden sollten vor allem die vielen
versteckten Geheimdokumente, Nebenmissionen und Extras in den Levels eine Motivation darstellen, die Levels nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein beim Abschluss jeder Stage vergebener Rang dürfte vor allem Perfektionisten zum nochmaligen Angehen der Aufträge animieren. Wer Spiele nicht gerne mehrmals durchspielt, der darf sich in den
umfangreichen Mehrspielermodus stürzen. Dieser kann mit bis zu vier Spielern im Splittscreen in
sechs verschiedenen Modi auf
12 Karten gespielt werden. Es ist sogar möglich, fehlende Mitspieler durch Bots zu ersetzen. Wer über einen Zugang zum Playstation Network besitzt, der kann alternativ auch online in Multiplayergefechten mit bis zu acht Teilnehmern mitmischen.